Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228925--66443-3278580- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
74. Jahrgang. Nr. 17 Berlin, V. April 1910 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-preir: durch den Buch« Handel oder die Post (in Berlin unv vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»». Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Seiger. Verlags » Expedition: Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen für Bedaktion »ad Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straß» 4S/4S, zu richten. Verlag von Andolf Mosse, Berlin. Die Seele des Passah. Von Salomonski. — Die Woche. __ Hartwig Derenbourg Von Professor Dr. Ludwig Geiger. — Sonnenthal als Jude. Von Professor Dr. Adolf Biach- Brüx. — Die Lage der preußischen Rabbiner. Von Theologus. — Brief aus Korfu. Von G eorg Mieden. — Feuilleton: Bräutigamsbriefe von Berthold Auerbach. Von Anton Bettelheim. — Das Testament. Ein Schauspiel aus dem modernen Rußland in drei Aufzügen. Von Emanuel Kalisch. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Der Gemeindevote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums*) Berlin, Posen, Breslau, Landsberg a. W., Stuttgart, Wien. — Von Nah und Fern. Dir Seele des Osllsh. gur Charakteristik des Passahfestes gehört heute mehr denn je der Sederabend. Wo er begangen wird, besteht noch die Festseier, wo aber seine sinnvollen, das Gemüt und unser Denken berührenden Bräuche aufgehört haben, da ist das alte Wallsahrtsfest erstorben. Denn daß ein Zustrom zu den Synagogen hier ausreichenden Ersatz böte, kann nicht behauptet werden. Unsere Feiertage mit ihren tief eingewurzelten Formen lassen sich eben nicht über einen Kamm scheren. Jedes Fest bringt uns eine besondere Botschaft in eigentümlichem Gewände. Und wie der Versöhnungstag — außerhalb des Gotteshauses gedacht — all seinen Reiz einbüßt, seine bezwingende Gewalt ganz verliert, so gilt vom Passah fast das Gegenteil. Es ist zunächst das Fest der Familie und darf dieser intimen Stimmung nicht entkleidet werden. Es brächte wenig Gewinn, hier, auf dem Gebiete der Religion eine spezialisierte Analyse dieses Faktums anzustellen. Wieder vollendete Akkord seine Schönheit einbüßt und als Notenschrift erscheint, wenn das berauschte Ohr ihn in die Jdeenkammer trägt und die Tongebung prüft, so verfliegt der Zauber der Pasiahnacht, wollten wir aus der Aneinanderreihung ihrer Formen und Symbole die heilige Wirkung herleiten. Füglich kann unterlassen werden, über Unwert oder Bedeutung winziger Eigenheiten zu rechten, die an sich weniger zum Wesen des Festes gehören, aber doch die Echtheit der Weihestunde herbeiführen. Mag also der Fanatiker der Theorie gegen bittere Kräuter, Ei und Knochen polemisieren und seine Haarspalterei mit einem Protest gegen das ungesäuerte Brot krönen! Vergißt er doch ganz, daß wir in jener Nacht alles aus dem starken Drange freiwilliger Tradition üben, daß in ihr uns anheimelt, was der Kindermund in die beredte Frage gekleidet hat: Wie ist doch diese Nacht so ganz anders als sonst! In dem Erfassen dieser Wahrnehmung liegt nämlich der Schlüssel zum Erfolge des Passah für uns und unsere Gemeinschaft. Wer nämlich einsieht, daß auch die schönste Märchenstimmung dauernde Befriedigung nicht gewährt, daß dieser kurze Ritt ins romantische Land der Religion uns ihren Alltag häßlich-grau erscheinen und fröstelnd empfinden läßt, der schaffe sich in der Paffahnacht die notwendige Begeisterung für unsere heiligen Güter, den festen Willen, eine Zeit heraufzuführen, die das Judentum stark und seine Bekenner geeint, frei und glücklich sieht. Auf die Dauer wirkt es doch als stechender Schmerz, Erlösungsluft hinter verschlossenen Türen zu atmen und stoischen Sinnes die klirrenden Ketten zu übersehen. Es gibt keine Anästhesie der Seele! Auch die Passahnacht wird daher zum Mummenschanz, wenn wir nicht unsere Lenden gürten und den Stab in der Hand fühlen. Doch wenn wir uns wappnen, dann erwacht der entscheidende Mut zum Kampfe für die Befreiung Israels, dann wird uns die zwar grotesk anmutende, aber durch die Geschichte verbürgte Tatsache zur Gewißheit, daß die Vorsehung stets konstitutionell gewesen ist, daß sie immer den Strebenden und Guten an den ihm gebührenden Platz gesetzt hat. Wenn Israel in jedem Geschlechte gegen eine Welt von Feinden gestritten, oft gesiegt und nie verloren hat, dann besitzt unser Stamm Führerqualifikation für die große Auswärtsbewegung in der Welt, dann gehören wir zum großen, geistigen Offizierkorps der Menschheit, aus einen Posten, den wir nicht ausgeben dürfen. Niemals strebe Israel nach dem Glück und der Befreiung für sich allein, so sehr wir beides auch in erster Reihe ersehnen und am bittersten missen. An der Tür des Partikularismus oder Chauvinismus wollen wir umkehren, denn überhitzte Liebe zum Stamm und törichte Unterschätzung der Welt drücken ja gleich dem halsbeugenden Joch! Die Freiheit muß errungen, kann gewonnen werden, niemals aber läßt sie sich abtrotzen. Es muß jene mitternächtige Stunde Aegyptens wiederkehren, in der die Zwingherren eingestehen: Ihr seid frei! Und wie ihr die Väter entgegensahen in frohem Harren, ohne Bangen und Zagen, so wollen auch wir sie erwarten, bereit und würdig, hinauszutreten aus der Nacht der Trauer und Gedrücktheit in den holden Morgen des Weltbürgertums. Mag er auch lange säumen, „er kommt, nichts kann ihn aufhalten!" Bis dahin aber soll uns die Nacht der Hut ein Unterpfand der Erlösung sein, mit ihrer heiligen Andacht, mit ihrem frohen Liederschall. Salomonski.