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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-04-22 · Heft 16 (22.4.1910) · p. Seite 190

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
Seite 190 (sequence 10)
Language
German
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nicht weiß und was ich nicht wage, vor mir selbst zu Ende zu denken. Sehen Sie, Helbing, geben Sie es 'nicht zu, daß ich mich hier vor Ihnen in meinen Qualen winde... Helbing, geben Sie es nicht zu . . . bei aller Wertschätzung, Helbing ... bei aller Freundschaft. .. helfen Sie . . . helfen Sie mir, Helbing! Helbing: Um Gottes Barmherzigkeit willen! Helene, Helene, auch Du . . . auch Du liebst mich? Sag' es mir, Helenedas ist es, was Du mir nicht hast sagen wollen! Auch Du liebst mich? Du liebst mich also? Helene! — (Er umarmt sie und will -sie küssen. Helene, die nach den ersten leidenschaftlichen Worten die Kraft verloren, stößt ihn dann zurück und spricht hart, jedes Wort einzeln betonend.) Helene: Sie. . . Sie sind nicht bei Verstände, Herr Künstler! Gerade im Gegenteil... das wollte ich Ihnen bloß sagen... so hören Sie denn: Ich habe es gesehen, wie sie entstand, diese Leidenschaft. .. wie sie sich entwickelte und zur lodernden Flamme ward — die Liebe in Ihnen zu mir. Darauf könnte ich ja wohl stolz sein. Eines so namhaften Künstlers Liebe würde ja auch weit Bessere, wie ich bin, mit Stolz erfüllen. Glücklich wäre auch ich im Bewußtsein Ihrer Liebe. Nur, daß ich eben doch nicht — glücklich bin. .. weil ich Sie nicht liebe . .; weil ich Sie nicht lieben kann ... und weil ich Sie nicht lieben werde .... nie, niemals! Verstehen Sie mich Helbing: niemals! Helbing: Sie gestatten — daß ich nicht daran glaube! Meine Liebe ist hartnäckig und paart sich mit der Geduld; sie wird des Wartens nicht müde werden. Meine Liebe ist feurig — sie wird auch Ihr kaltes Herz entzünden. Helene: Nie! Niemals! Nur das habe ich Ihnen sagen wollen, nichts anderes! Helbing (steht düster, in Nachdenken versunken, und wendet sich dann halb ab): Gott mit Ihnen, Helene! — Mit schwerem Herzen gehe ich von Hinnen. In meinem ganzen Leben ist dies mein schwerster Augenblick, wiewohl ich bereits durch mancherlei Stürme hindurchgegangen bin. Schwer reiße ich mich los von Ihnen, Helene, aber noch viel schwerer wird es sein, mich wieder zurückzubringen, wenn Sie mich einmal fortgeschickt haben. Sie werden es ja sehen: einst wird kommen der Tag, an dem Sie mich gern zurück --' Helene: Sie? Niemals .. . nie. . niemals! Sie wissen es ja selbst am besten, daß ich Sie niemals-' — (sie unterdrückt Tränen.) Helbing (steht bei der Türe, düster): Gott mit Ihnen, Helene! (Wendet sich rasch und geht zur Türe rechts ab.) Siebenter Auftritt. Helene allein. (Sie tut einen Schritt nach ihm. Sowie er aber die Türe hinter sich geschlossen hat, geht sie mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes bis zum Schreibtisch, sinkt dort schluchzend auf das Sofa nieder, das Gesicht in den Händen vergraben) Helene (drückt ihre Hand gegen das Herz): Es schmerzt so, daß mir das Herz schier bricht. Ich lebe — ich sterbe — ja nur für ihn! - Ah, Helbing! (Vorhang.), Zweiter jRufsug. Atelier. Einrichtung von solider Einfachheit, ohne Prunk. Rechts vom Zuschauer Staffelei. Darauf eine große Leinwand. Sujet: Eine barbarische Horde ermordet und beraubt die sich rettenden Juden, unter denen man Männer, Frauen, Greise und Kinder bemerkt. Außerordentlich bewegte Szene. Im Hintergrund ein anderes Bild, das die Züge Helenens erkennen läßt. An der linken Wand, wie auch an der Rückwand je eine Türe. An der Rückwand außerdem zwei mit Vorhängen versehene Fenster. Oberlicht. Helbing sitzt auf einem Tabouret und malt. Gustav ruht aus einem Teppichdiwaw in der Mitte des Zimmers und raucht. Er ist im selben Alter wie Helbing, macht gute Figur, trägt jedoch in seinem Aeußeren eine etwas absichtliche Vernachlässigung zur Schau. Erster Auftritt. Helbing, Gustav. Helbing (sehr mißgelaunt): Du klapperst auch heutewie ein Mühlrüd und weißt nicht einmal selber, was Du sprichst. Gustav: Was ist das? Ich bitte Dich, sag' mir's noch einmal! Helbing: Auch hundertmal in einem Atem, Du Strohkopf, Du Banause. Du willst Dich unterfangen, meine Kunst zu beurteilen, Du? Warum? Weil Dir die bornierten Leser der Wjedomoszti alles glauben, was Du ihnen eingibst! Du ... dessen Kritik über den jüngsten Salon mit unter die hervorragendsten Blödheiten des Jahrhunderts gehört? Gustav (sehr ruhig): Welches Jahrhunderts meinst Du? Helbing: Nun — des zwanzigsten. Gustav (ebenso): Die lumpigen zehn Jahre...? Helbing: Aber es verrauschen die Zeiten, die Jahrhunderte, bis wieder einmal so ein hohlköpfiger und aufgeblasener Stümper ersteht, wie Du, der mit so großer Stimme und mit so kleinem Verstand in Sachen mitzureden sich erdreistet/ von denen er auch nicht den Schatten eines Begriffs hat. Ja sogar... ich glaube nicht, daß je wieder ein so vollkommener Stümper erstehen kann; und wenn die Wjedomoszti in Zukunft eines solchen bedürfen sollte, so müßte sie eben Mittel und Wege finden, Dich auferstehen zu machen. Gustav: Was ist das... ich bitte Dich... ich Hab' Dich nicht gut verstanden. Helbing: Wenn es wenigstens wahr wäre, und das gründlich, daß Du taub bist. Noch einmal, Gustav, sieh' mal dies Detail hier, und dann... die ganze Konzeption — — ach was, es ist vergebens! Wozu soll ich mich mit Dir bemühen! Gustav: Ich hinwieder .. . ich werde Dir nichts dafür zahlen; und für Dein schöpferisches Genie verlange Du nicht jene Huldigung, die Du verdienst. Ja, wenn Du so malen könntest, wie Du manchmal sprechen kannst — insbesondere pro domo. Helbing: Gusti, Gusti, jetzt wirst Du geprügelt... hast es schon lange nicht von mir bekommen. Gustav: Versuch's — wenn Du den Mut hast. (Helbing wirft die Pinsel zur Erde und stürmt zu Gustav hin; während sie ein wenig ringen — natürlich im Scherz — kommt Wassilij herein.) Zweiter Auftritt. Die Vorigen, Wassilij. Helbing (noch echauffiert; Gustav in seiner früheren Pose auf dem Diwan). Wassilij: Ich gehe jetzt in die Stadt. Befehlen der gnädige Herr noch etwas?, Helbing (zeigt aus den Tisch, der hinter dem Diwan steht): Dort liegt ein Brief, den nimmst Du und trägst ihn zu Herrn Nathan Silberstein. Bring' mir auch einige Tuben nach Hause, dort liegt der Zettel. Zum Abendessen bin ich nicht zu Hause. Du aber eile, so gut Du kannst und komme so rasch Du kannst nach Hause, denn es ist möglich, daß man mich aufsucht. Wassilij: Sehr wohl, gnädiger Herr. (Ab.) Dritter Auftritt. Helbing, Gustav. Gustav: Ein guter Charakterkops, der Alte. Du könntest ihn als Modell benützen.

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