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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-04-22 · Heft 16 (22.4.1910) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
Seite 191 (sequence 11)
Language
German
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Helbing: Hier ist er ja. Siehst Du ihn denn nicht? Gustav: Ja ... so ... der ... das ist er? Ich hätte .mir es auch gleich denken können... er hat ja keinen Zug von ihm. - Helbing: Du fängst also schon wieder an? Ich Hab' aber wirklich jetzt keine Zeit und auch keine Lust, mich mit Kindereien abzugebcn. In zweimal vierundzwanzig Stunden ist die Vernissage... Da gibt's noch genug zu tun. Gustav: Also wirst Du 's damit versuchen? Und glaubst Du, daß man es annimmt? Helbing: Freund Gustav, dort hat sich der Geist der Intoleranz noch nicht so breit gemacht, wie überall anderwärts. Der Schauplatz der Kunst ist von der Fäulnis noch nicht infiziert. Die wahren Künstler — Gott sei Dank — die kennen noch die wahre Ehre und fragen nicht nach dem Nationale des Menschen. Und wenn ich mir's erkämpfe, daß die Komposition — die Verkörperung der Vergewaltigung eines schwachen Volkes durch die Bestialität eines starken Volkes — dort an den Wänden der Ausstellung hängt, so habe ich dasjenige erreicht, was ich mir selbst und meinem Volke zu erreichen schuldig war. Gustav: Ich hätte es doch lieber gesehen, wenn Du es mit dem da (zeigt auf Helenens Porträt) probiert hättest. Dort hätten sie Dir keine Schwierigkeiten gemacht. Helbing (wütend): Ach was, laß mich in Frieden . Du! Ich verstehe in Wirklichkeit nicht, mit welchem Rechte Du Dich in meine allerintimsten .. . . in meine Seelenangelegenheiten mengst ... Gustav: Die allerintimsten? Zwischen Dir also und dem reichsten, schönsten und begehrenswertesten Mädchen von Moskau ... Helbing (mit wachsendem Zorn): Halt's Maul sag' ich. Du Esel! Das, was man malt und was man plant, und was man der Welt zu verschweigen und was man ihr aufzutischen gedenkt, das — will ich meinen — sind doch genug intime Angelegenheiten. Gustav: Mir kannst Du reden ... und Dich drehen und Dich winden, wie Du willst. Meinem Scharfblick entgehst Du nicht. Uebrigens glaub' mir's, Freund, ich halte diese. Sache für viel zu ernst, als daß ich Sinn und Lust hätte, auf leichtfertige Art darüber zu scherzen. Und wenn es Dir unsere fünfundzwanzigjährige Freundschaft nicht zur Herzensnotwendigkeit gemacht hat. Dich mir zu eröffnen, so werde ich Dich darum nicht befragen. Da kannst Du ruhig sein. Helbing (denkt lange nach und erwägt sichtlich, ob er sprechen oder schweigen soll. Schließlich bricht er das Schweigen): Ich — liebe Helene. Gustav (ruhig): Ich weiß es. Sprich weiter Und sie? Helbing (tieftraurig): Sie — liebt mich nicht! Gustav: Und das Bild? — Helbing: Deshalb ist es zurückgeblieben. Gustav: Was gilt die Wette, Du wirst das Bild noch vollenden. Helbing: Nie . . . niemals, Freund! Gustav: Das wollen wir doch sehen! Ein Antrag: Wenn Du die Wette verlierst, giebst Du mir die Hälfte des großen Preises, den Du für Deine „Plünderer" bekommen wirst? Helbing: Das Ganze. Gustav: Ich bitte — nur keine übertriebene Großmut. Du wirst — meine ich — die andere Hälfte noch sehr dringend brauchen können. Helbing: Wieso? Woher weißt Du's? Gustav: Na, wik sollte' ich es denn'nicht wissen! Warum hast Du vorhin zu Silbersteins geschickt. Vielleicht um ein kleines Darlehen? . . . He, laß' Dir doch die Würmer aus der Nase ziehen! Helbing: Kein Darlehen — nur Vorschuß Hab' ich verlangt. Gustav: Vorschuß? Ja, auf was denn?- Helbing (holt bou links her ein Bild und zeigt es wortlos seinem Freund.) Gustav: Ach, Frau Sarah Silberstein! Die gute und liebreizende Frau Sarah! Und nur sie allein? Ihren edlen und trefflichen Gemahl, unfern würdigen Herrn Nathan Silberstein — den malst Du nicht? Und erst ihre blühende Tochter, das sanftmütige und edelherzige Fräulein Rosa, die kaum zu ihrer vollen Pracht erblüht ist, die blühende und duftende Rose von Scharon! Und vollends den ambitiösen und wackeren, nach den Lorbeeren des Schriftstellers so heiß strebenden Moritz! Eh Freund, das wär' Dir eine Familiengallerie — na so was! Helbing: Ich laffe Dir alles gelten, Freund, nur verspotte mir Rosa nicht. Das ist. ein kleines, ein vollblütiges, und ein schönes Mädchen, das (mit Beziehung) einem meiner angeblichen guten Freunde sehr wohl gefällt. Ich dulde es nicht, daß die Ideale meiner Freunde hier so verunglimpft werden, versiehst Du? Gustav: Ein sehr guter Witz. Ich liebe es übrigens, wenn Du großmütig bist Aber sage mir's aufrichtig: für Rosas Porträt hast Du noch keinen Auftrag? . Helbing: Vorläufig habe ich mich bloß zu diesem einen Bilde verpflichtet, und zwar vor beiläufig fünf geringfügigen Jahren, als ich noch nicht ganz Helbing war. Gustav: Auch jetzt bist Du es noch nicht ganz und wirst es nimmer werden, wenn Du Dein Können mit solchen künstlerischen Aufgaben befrachtest. Und Deine liebenswürdige Patientin — kommt sie zur Sitzung? Helbing: Eben heute habe ich ihr geschrieben, daß ich sie gegen drei Uhr erwarte. Gustav: Wieviel Uhr ist's? Helbing (sieht auf die Uhr): Ach, schon halb drei! Und ich habe noch einen Weg, bevor ich Frau Sarah empfangen kann. Komm, sei so lieb und begleite mich. Gustav: Gut, ich gehe mit Dir, aber dann komme ich nicht wieder. Ich habe in der Redaktion zu tun. Helbing: Gut gut, darüber kann man noch sprechen. Gustav: Darüber läßt sich nicht verhandeln. Vierter Auftritt. Vorige, Wassilij. Wassilij: Dieser Herr wünscht mit dem gnädigen Herrn zu sprechen. (Er übergibt eine Visitkarte.) Helbing (liest): „Dr. Masirewitsch" ... laß ihn herein. (Wassilij ab.) Gustav: Ich drücke mich nun. Es kann aber auch sein, daß ich später wiederkomme. Helbing: Du kommst unbedingt, Gustav, noch heute nachmittag. Es ist etwas im Werden. Eine Neuigkeit. (Zeigt auf die Karte.) Helenens Vormund! ' Gustav: Bravo! Meine Wette! Es reift etwas zur / Frucht. Ich will noch heut abend drauf Schulden machen. Servus, lieber Alter! (Ab.) (Fortsetzung folgt.)

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