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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-04-22 · Heft 16 (22.4.1910) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
Seite 189 (sequence 9)
Language
German
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189 bewegenden Triebkräfte des modernen Lebens. Infolgedessen fehlt seinen Reden alles Engherzige und Kleinliche, alles Beschränkte und Beschränkende. Möchte seine Arbeitsweise unter den Verkündern des Judentums auch darin Nachahmung finden, daß sie mit Ernst und Eifer an die Probleme der Gegenwart Herangehen, daß sie sich auf Wissensgebieten heimisch machen, die scheinbar abseits liegen von der Theologie, in.Wirklichkeit jedoch durch zahlreiche Verbindungslinien mit ihr verknüpft sind! Je souveräner der Prediger mit den Tatsachen der menschlichen Erkenntnis umzugehen weiß, desto überzeugender kann er sprechen; je vielseitiger er sich unterrichtet zeigt, desto leichter wird ihm die Einwirkung auf seine Zuhörer. Die Sache der Religion und des Judentums kann durch solche Ausdehnung ihrer Beziehungen nur gewinnen. Wir verzichten darauf, an einzelnen Beispielen zu illustrieren, wie Maybaum es fertig gebracht hat, das Judentum zur Gegenwart sprechen zu lassen, wie er treueste Anhänglichkeit und modernste Aufgeschlossenheit miteinander zu vereinigen versteht. Das muß man lesen, studieren und bei jeder Rede von neuem empfinden. Wir verzichten auch darauf, die oft gerühmten Vorzüge der Form noch einmal hervorzuheben. Die Rundung des Ganzen und die Belebtheit des einzelnen lassen sich ja doch nicht gebührend schildern, der-' gleichen kann nur durch wiederholtes Betrachten genossen werden. Wenn wir auf ein bedeutsames äußeres Charakteristikum noch aufmerksam machen dürfen, so sei auf die Schlichtheit des Ausdrucks hingewiesen, die bei allem Schwung der Gedanken ihr Recht behauptet, sowie auf die Unauffälligkeit und Unaufdringlichkeit des gelehrten Materials, das der Ausführung überall zugrunde liegt. Maybaum prunkt nicht mit Zitaten, trotzdem er in der jüdischen Literatur wie kaum ein zweiter Bescheid weiß, er wählt aus der Menge des ihm zuströmenden Stoffes das im Augenblick Gebotene feinfühlig aus und fügt es wie selbstverständlich in den Bail seiner Gedanken ein. So kann man in jeder Phase der Vorbereitung von diesem Manne lernen: suchen und finden, gestalten und verarbeiten. Wir nehmen von seinen Predigten noch nicht Abschied. Wir glauben an eine Erfüllung des eingangs dieser Zeilen vorgetragenen Wunsches. Warum sollen herrliche Kunllschöpfungen im Dunkel der Schubfächer des Schreibtisches liege», während sie im Hellen Licht der Oeffentlichkeit so viel Anregung und Belehrung ausüben können. Alle Kollegen, die in der Beantwortung dieser Frage mit mir einig sind, mögen durch die Verbreitung der vorliegenden Bände dazu beitragen, daß der Autor das Opfer der Drucklegung noch einmal auf sich nimmt. Hochfeld. Das Testament. Ein Schauspiel aus dem modernen Rußland, in drei Aufzügen. .Von Emanuel Kalisch. Fünfter Auftritt. Tie Vorigen. Aljoschka. Sodann: Helene, Dr. Masirewitsch. (Aljofchka gebt zu Frau Dörmann und spricht mit ihr leise. Frau Dörmann winkt Tr. Masirewitsch und verläßt das Zimmer zur Tür links. Aljoschka ihr nach.) Dr. Masirewitsch: Aber, Sie werden ihn Wiedersehen. Helene (erschrocken): Wie . . . was ist das? Was sagen Sie da? Ich will nicht ... ich will ihn nicht Wiedersehen. Dr. Masirewitsch: Sie müssen ihn Wiedersehen. ' Bedenken Sie doch: Wiewohl Sie für Ideale kämpfen, wie Sie glauben, verleiht Ihnen dies dennoch kein Recht zu — Unziemlichkeiten. Sie haben Herrn Helbing beleidigt. Sie haben ihn, wie man sagt, einfach sitzen lassen, ohne ihm den Grund Ihres Ausbleibens anzugeben. Einen so großen Künstler, einen so bedeutenden Menschen darf man nicht einfach ignorieren. Helene: Aber ich ... ich ... ich will nicht ... ich kann ihn nicht sehen. Dr. Masirewitsch: Und wo ist die Entschlossenheit? Wo ist die Kraft? ' Helene: Sie haben recht. (Pause.) Rufen Sie ihn, bitte, herein. Aber bleiben Sie auch hier, Herr Doktor! Dr. Masirewitsch (lächelnd): Das werd' ich Nun 'mal nicht tun. Helene (hastig): Sie sind verpflichtet, es zu tun . . . Sie sind mein Vormund. Dr. Masirewitsch (gemütlich): Helene, was habe ich Ihnen vorhin gesagt? Ein Vormund, der Sie gern in Ruhe läßt. Zudem: wenn ich hier bleibe, so würden Sie sich ja ohnehin nach zwei Minuten den Kops darüber zerbrechen, auj welche Art Sie mich schnellstens wieder los werden. Ergo, ist es doch viel klüger: ich gehe sogleich. (Ab:) Sechster Austritt. Helene. Später Helbing. (Helene geht ihm ein paar Schritte nach. Bei der Türe macht sie Kehrt, geht vor den Spiegel und ordnet in flüchtiger Hast ihr Haar und Kleid. Sodann läßt sie sich auf das vor dem Schreibtisch befindliche Sofa nieder. Aljoschka öffnet vor Helbing die rechtsseitige Tür; dann ab. Helbing, 32—35 Jahre alt; hoch gewachsen, lebhafter Blick, schwarzer Schnurrbart, schwarzes Spitzbärtchen; seine Kleidung ist von ungesuchter Eleganz, und seine ganze Art deutet nicht so sehr auf den Künstler, als vielmehr auf den selbstbewußten Denker und Weltmann.) Helb ing (neigt sich vor Helene, welche aufsteht): Gnädigstes Fräulein! — Es freut mich ungemein, daß Sie mich wieder zu sehen wünschten. Helene: Ich? . . . ich? . . . ja, in der Tat . . . meine Tante ... Helbing (lächelnd): Sie sind in großer Verlegenheit, mein Fräulein. Sehen Sie . . . es hat ja gar keinen Sinn. Wir waren eine Zeitlang Tag für Tag beisammen, und dies gereichte mir zu besonderen: Glück, während es Ihnen — nicht unangenehm war ... ich darf ja freimütig sagen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Als dann das Bild — so halb fertig, wie es war — Zurückbleiben mußte, ohne daß ich auch entfernt nur den Grund ahnen konnte warum, da war ich recht trostlos. Nun ist auch das vergessen. Ich komme glücklich und in unsagbarer Freude hierher, um Ihrem Ruf zu folgen; und nun, Helene, bin ich hier und — — — - Helene: Ach, was muß ich Ihnen absonderlich und kindisch erscheinen. Ich sehe nun ein, ich hätte Ihnen diese einfältig scheinende Laune schon längst erklären . müssen; am Ende, ein solch großer Künstler, wie Sie -- Helbing: Davon wollen wir gar nicht sprechen; ein so treuer und hingebungsvoller Freund, ein von so warmer ünd aufrichtiger Verehrung durchdrungener Freund wie ich . . . der hätte nicht diese grundlose und — hochmütige Hintansetzung verdient. Verzeihen Sie, daß ich so offen spreche . . . verzeihen Sie, ich bitte Sie inständigst — aber es hat mir sehr weh getan ... Helene: Sie haben recht. Aber was soll ich nun tun? Wie soll ich Ihnen dasjenige erklären, was ich selbst

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