Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- Seite 188 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228924--66429-3278565- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
188 muß bedenken, daß es für den Satten leicht -ist, Idealismus zu predigen, und daß die wenigsten Menschen ihn betätigen, wenn sein einziger Erfolg darin besteht, daß man mit Weib und Kindern auf das Pflaster gesetzt wird, und als Greis Versicherungsagent werden kann! Kleine Gemeinden erhalten ihre Rabbiner in einer Art von geistigem Kulitum, worüber man sich nicht hinwegtäuschen darf, auch wenn die davon Betroffenen sich und anderen einreden wollen, ihre schwankende, unklare Haltung sei Lebensklugheit! Keiner wird so kühn sein, behaupten zu wollen, daß Zustände dieser Art geeignet seien, den Rabbiner und seinen Stand in der Achtung der Judenheit sonderlich zu heben. Es tritt nun noch ein anderes wichtiges Moment hinzu. Der Rabbiner der kleinen Gemeinde ist arm, häufig — besonders wenn er eine große Familie hat — auch verschuldet! Der Gemeindevorstand ist dagegen reich, oder er besteht nun mindestens aus Männern mit großem Einkommen. Ohne an dieser Stelle über den Schaden oder Nutzen der Erscheinung urteilen zu wollen, muß die Tatsache als feststehend gelten, daß gerade im kleinen Verbände der Besitz das Regiment führt, während ja in den großen Städten dieser rein plutokratische Charakter der Verwaltung durch die Mischung mit Vertretern der Wissenschaft und Bildung etwas gemildert wird. Man erwäge noch dazu, wie alles in der Kleinstadt nach der Größe des Geldbeutels beurteilt wird, wie genau jeder über des anderen Verhältnisse Bescheid weiß, wie die hieraus sich ergebenden Gegensätze sich äußerlich im Kastengeist dokumentieren, und man wird begreifen, daß der reiche jüdische Kaufmann, .der beschäftigte Anwalt und Arzt den Rabbiner häufig gesellschaftlich nicht für voll ansehen. Auch darf nicht unterschätzt werden, in welchem Maße das „Christeln", die törichte Sucht kleinstädtischer Juden nach dem „vornehmen" christlichen Verkehr auf die gesellschaftliche Stellung des „jüdischen" Rabbiners einwirkt. Bei den Rabbinern der Großgemeinden fällt ja der materielle Grund für ihre ungünstige soziale Stellung fort. Hier sind die persönlichen Berührungspunkte und damit die Reibflächen fast völlig ausgeschaltet. Aber dieses unpersönliche Moment verleiht dem anderen Uebelstande, der Recht! /,'ttzkeck des Rabbiners in allen religiösen und sonstigen Gemeindeangelegenheiten eine erhöhte Bedeutung! Es ist schon erwähnt worden, daß die Praxis manches gemildert hat, was in der Theorie sehr schroff klingt, aber das gilt nur von dem kleineren Kreise, in dem der tägliche Umgang und das enge Beieinandersein so manchesmal die scharfen Ecken abzuschlcifen vermag. In der großen Stadt ist der Rabbiner nur Beamter undrechtlich der Untergebene des Vorstands. Man braucht nur an so manches Vorkommnis der vergangenen Jahre zurückzudenken, um einzusehen, wie viel Takt erforderlich ist. Um ein solches Verhältnis zu einem erquicklichen zu gestalten und es dauernd zu erhalten. Sobald es aber zu einem Konflikte kommt, ist naturgemäß der Rabbiner immer der unterliegende Teil! So bliebe einzig und allein eine Anzahl der größeren Mittclgemeinden übrig, welche die Vorbedingungen für eine einigermaßen annehmbare soziale Stellung des Rabbiners bieten, indem sie einerseits ihn materiell sichern, anderseits die persönlichen Berührungspunkte zwischen ihm und dem Vorstand noch nicht ausgeschaltet haben. Aber auch diese geben eben nur die Vorbedingungen. Die eigentliche Stellung muß der Rabbiner durch Energie und Takt sich selber schaffen, und der kleinste Fehler kann sich für ihn millionenfach rächen. Für unsere geschäftige und vom Geschäftsgeist erfüllte Zeit ist der alte Nimbus des Standes längst entschwunden, und der Staat setzt sich mit seiner Autorität für ihn nicht ein, wie es bei allen anderen Beamtenkategorien der Fall ist. Maybaums Mtpredigten. on Maybaums Predigtwerk liegen zwei neue Bändel vor, die die Gesamtausgabe vorläufig zum Abschluß bringen sollen. Wir hoffen jedoch, daß der buchhändlerische Erfolg der bisherigen Veröffentlichungen den Verfasser ermutigen wird, auch noch die Reden herauszugeben, die er seit dem Jahre 1894 über die Wochenabschnitte des ersten und weiten Buches Mose gehalten hat. Wir glauben auf Grund persönlicher Erfahrung, in der Annahme nicht fehlzugehen, daß gerade unter ihnen sich ganz hervorragende Leistungen der Kanzelberedsamkeit finden, und möchten den Autor bitten, diese köstlichen Gaben dem weiteren Kreise seiner Schüler und Fachgenoffen nicht zu versagen. Wir haben in unserer vorigen Anzeige uns an das große Publikum gewandt mit dem Hinweis auf die ergiebige Quelle der Belehrung und Erbauung,-die sich in Maybaums Predigten dem Suchenden erschließt. Wir sprechen heute mehr zu den Kollegen, sowie zu allen, die in die Lage kommen, über Juden und Judentum in der Oeffentlichkeit das Wort zu ergreifen. Denn um es gleich herauszusagen, was an diesen Festpredigten in erster Reihe imponiert, ist die Fülle des Stoffes, die Maybaum den Festideen untertänig zu machen weiß, wie er denn selber in einleitenden Bemerkungen es als einzigen Vorzug seiner Arbeit in Anspruch nimmt, daß sie überall den traditionellen Festcharakter gewahrt hat. Man sieht doch wieder einmal, wie überaus reich das Judentum ist, wenn inan nur recht in seine Tiefen eingedrungen ist, und wie befruchtend es in alle Gebiete des Lebens eingreift, wenn man es nur lebendig zu verkündigen versteht. Wie meint doch der Anfänger etwas geleistet zu haben, wenn er die Passahgedanken in vier verschiedenen Reden seiner Gemeinde dargelegt hat, und wie beschleicht ihn nach einigen Jahren mitunter die Furcht, daß seine Produktionskraft erlahmen und er sich vollkommen ausgeben könnte! Maybaum legt neunzehn Passahpredigten vor, von denen auch nicht eine einzige als Schwester oder Verwandte einer anderen aufgefaßt werden kann, trotzdem sie alle in den, Ueberlieserungen des Passahfestes wurzeln. Ganz ebenso verhält es sich mit den zehn Wochensestpredigten, den neun Neujahrsreden oder den zwölf Reden für den Versöhnungstag und den acht über das Hüttenfest. Immer wieder erscheint die religiöse Feier unter neuen Gesichtspunkten, immer wieder sind es andere Ausschnitte aus dem Menschenleben, auf die hingeleitet oder abgezweckt wird. Man erhält aber auch beim Studium der Bücher einen gewaltigen Respekt vor der allgemeinen Bildung Maybaums, vor seiner eindringenden Kenntnis geschichtlicher Dinge oder vor seiner urteilsfähigen Sachkunde in politischen und sozialen Fragen. Darin scheint er mir ebenfalls namentlich dem jüngeren Prediger vorbildlich zu sein, daß nichts Menschliches ihm fremd ist, daß er auf der Kanzel Umschau hält über alle y Festpredigten, erste Hälfte: Neujahrs-, Versöhnungs» und Laubhüttenfest. Berlin 1909, Selbstverlag des Verfassers, XII und 239 Seiten 8«. Festpredigten, zweite Hälfte: Pasiahfest und Schabuotfest. Berlin 1910, Kommissionsverlag von M. Poppelauer, VIII und 264 Seiten 8°. '