Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden direkt. und indirekt die schwersten wirtschaftlichen Schädigungen;' direkt durch Boykottierung jüdischer Geschäfte und Ablehnung jüdischer Ängeftellter, indirekt durch den Mangel an Protektion und gesellschaftlichen Beziehungen, die bei der Bewerbung um zahlreiche angesehene und gut dotierte Stellen bedeütunßsvoller als alle Zeugnisse und Diplome sind. Wenn auch der Wirtschaftskampf zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung in Deutschland noch nicht auf der ganzen Linie mit großer Heftigkeit entbrannt ist, so gilt es doch, bei Zeiten Vorkehrungen zu treffen, da eine wichtige wirtschäskliche Stütze der deutschen Juden, das jüdische Großkapital, nur solange „jüdisch" ist, als seine Besitzer sich nicht taufen lasten oder auf dem Wege zur Taufe sind. Besonders das in Fyrni von Aktienbanken arbeitende Kapital hat, trotz Leitung durch Juden, vielfach die Tendenz, jüdische Angestellte nicht zu beschäftigen. Die durch die gegenwärtige Zwangslage und historischen Faktoren bedingte abnorme wirtschaftliche Lage' der deutschen . Juden zeigt sich am krassesten in ihrer Beteiligung an den akademischen Berufen. Legt man die Zahl der Volkszählungen von 1905 zugrunde, so beträgt der Anteil der Juden an der Bevölkerung 1,0 Prozent, dagegen ihr Anteil am Universitätsstüdium im selben Jahr etwa 9 Prozent, auf die einzelnen Fakultäten verteilt: Jura 9,35%, Medizin 16,14%, Philosophie 4,88%. Dasselbe Bild zeigt die Berufsstatistik. Der Anteil der Juden an den technischen Studien dürfte zwar erheblich geringer sein als derjenige am Universitätsstudium, doch ist hier die Lage insofern weit ungünstiger, als die Angehörigen der technischen Berufe selten Gelegenheit znr Selbständigkeit haben und auf eine Anstellung in öffentlichen oder privaten Betrieben angewiesen sind. . Die wirtschaftliche Konkurrenz der Juden kann als solche erst empfunden werden, wenn ursprünglich ein starkes, rassenhaftes Unterschiedsempfinden vorhanden ist; das ist aber am stärksten in akademischen Kreisen ausgeprägt; haben diese doch dem Antisemitismus sogar das Mäntelchen der Wissenschaft umgehängt. Bisweilen wird er vom Katheder herab gepredigt, hauptsächlich aber züchten ihn die studentischen Korporationen Seinester für Semester in ihrem Nachwuchs groß, der nach Verlassen der Hochschule seine antisemitischen Prinzipien im Leben betätigt. . So ist' es kein Wunder, wenn viele Behörden und Firmen bereits in ihrer Ausschreibung die Zugehörigkeit zum Christentum^ als Bedingung stellen. Eine große Anzahl anderer begnügt,sich damit, in ihren Annoncen oder Fragebogen, die den Bewerbern zugeschickt werden, nur die Angabe der Religion oder in noch verschämterer Weise die Uebersendung einer Photographie zu verlangen. Einige Firmen beschäftigen zwar mit Rücksicht auf irgend einen einflußreichen jüdischen Geldmann ein oder zwei Renommierjuden, lehnen aber im übrigen jüdische Bewerber ab. Die Klagelieder des jüdischen Privatdozenten, des jüdischen Richters und Lehramtskandidaten sind zu bekannt, als daß ihrer an dieser Stelle mehr als Erwähnung getan zu werden brauchte. Ern Blick in die Annoncen vieler Fachblütter, von denen bisweilen Ober ^50o/y für Juden gesperrt sind; das im Archiv des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens seit. Jahren, gesammelte Material;, sowie eine Enquete, die das - Präsidium des Bundes. Jüdischer Korporationen in kleinem Umfange unter jüdischen Akademikern veranstaltete, bestätigen? die obigen Behauptungen in erschreckender Weise. . , -i.Mgxstchts hes geschilderten 'Kotstandes ist die Selbsthilfe der einzig würdige und gangbare Weg. Auf. die Initiative des Bundes Jüdischer Korporationen ist durch eine Anzahl im jüdischen Leben Deutschlands prominenter Persönlichkeiten ein Arbeitsamt für jüdische Akademiker als ein gemeinnütziger Verein gegründet worden.^) Die Tätigkeit des Arbeitsamtes, die sämtlichen akademischen Bernfszweigen zugute kommen soll, erstreckt sich durch die Mitwirkung von Vertrauensleuten an allen wichtigen Plätzen über ganz Deutschland. Da die Beschaffung eines: einwandfreien statistischen Materials, das als Grundlage für Beschwerden und Interpellationen dienen kann, die erste Aufgabe des Amtes sein wird, so ist es dringend geboten, alle diesbezüglichen persönlichen Erfahrungen sofort dem» Bureau mitzuteilen. Der zweite Punkt der Tätigkeit umfaßt die Vermittlung von vorübergehenden Beschäftigungen und dauernden Stellungen. In dem heutigen Verkehrsbetriebe ist Arbeit- und Arbeitersuchen selbst eine mit erheblichen Kosten an Zeit und Geld verknüpfte Arbeit. Jede Vermittlung vermindert durch Zusammenführung passender Angebote und Nachfrage für beide Teile diese Arbeit, ohne im allgemeinen die Zahl der Arbeitsgelegenheiten zu vergrößern. Das Arbeitsamt wird infolge seiner Tendenz in erheblichen! Maße auch das letztere tun: denn der Appell an das jüdisch-soziale Pflichtgefühl, beim Angebot gleich tüchtiger Kräfte den Stammesgenossen zu bevorzugen, kann nicht vergeblich sein. Schließlich harrt der neuen Organisation als . letzte Aufgabe eine umfassende Auskunstserteilung. Durch Zentralisierung der bezüglichen Erfahrungen und kartographisch geführte Statistiken wird das Amt dem jüdischen Akademiker vom Beginn seines Studiums bis zum Ergreifen einer Lebensstellung ein wertvoller Ratgeber in vielen Dingen: sein; angeführt feien nur: Wahl des Studiums, Studiumsverhältniffe an den einzelnen Universitäten; Krankenhäuser für den Medizinälpraktikanten und Fabriken für den Maschinenbauvolontär, die keine Juden abweisen; für Referendare zur Fortbildung, geeignete Orte, Niederlassungsmöglichkeiten für Juristen, Mediziner, Apotheker;Niederlassungs-und Anstellungsbedingungen im Anslande usw. Soweit sich die Tätigkeitsgebiete berühren, steht übrigens die neue Organisation in freundschaftlichem Einvernehmen mit dem von den Berliner Logen U. O. B. B. gegründeten auf Berlin selbst beschränkten Verein für Arbeitsnachweis. Soll das Arbeitsamt seine Aufgabe erfüllen, so ist es auf moralische und finanzielle Hilfe weitester jüdischer Kreise angewiesen. Ehrenpflicht zum mindesten jedes jüdischen Akademikers in gesicherter Lebensstellung ist es, durch seinen Beitritt eine Organisation zu unterstützen, die dem jüngeren und weniger glücklichen Kollegen den Daseinskampf erleichtern will.-) ' h Das Bureau des Arbeitsamtes für jüdische Akademiker befindet sich in Berlin 6. 2, An der Spandauerbrücke 15, I. Mit Ausnahme von Sonnabend und Sonntag täglich geöffnet von 9 bis 1 und 4 bis 7 Uhr. h Dem Vorstände gehören zur Zeit an: Geheimer Sanitätsrat Dr. Maretzki als 1. Vorsitzender. Diplomingenieur Max Berlowitz äls 2. Vorsitzender; Rechtsanwalt Dr. Blau als 3. Vorsitzender, Rechtsanwalt Dr. Pincns und Rechtsanwalt Dr. Holländer als Schrift-' sührer, Rechtsanwalt Goldstein und. Dr. Walter Wunk als Schatzmeister und Dr. Max Ginsberg. Anfragen und Beitrittserklärungen sind zu richten an das Bureau des „Arbeitsamtes für jüdische -Akademiker", An der Spandauer Brücke 15 1 Tr. Spenden und Beiträge nimmt der Schatzmeister Herr Rechtsanwalt Goldstein, in Firma Jarislowsky «L Co, Universuätsstraße 3b, entgegen. Durch Zählung von mindestens 150 Mark wird die lebenslängliche, von mindestens 300 Mark die immerwährende Mitgliedschaft erworben: der Jahresbeitrag beträgt mindestens 5 Mark.