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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-04-22 · Heft 16 (22.4.1910) · p. Seite 185

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
Seite 185 (sequence 5)
Language
German
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mp - 185 - ¥ f Sehr bemerkenswert ist auch der zweite Umstand, daß nämlich die Männer im allgemeinen besser sind als die Frauen. Denn die letzteren sind alle aus der kleinbürgerlichen Moral herausgetreten: die verheirateten Frauen opfern schamlos dem Sinnenkultus, und die Mädchen nehmen das Recht der freien Liebe mit erschreckender Rücksichtslosigkeit in Anspruch. Dabei aber muß man gestehen, daß gerade die aus dem Gewöhnlichen heraustretenden Menschen, Männer und Frauen ungeachtet ihrer Untugenden nicht unsympathisch sind, z. B. die kleine Schauspielerin, die, da sie sich trotz ihrer Verfehlungen vorbereitet, die anständige Ehefrau eines braven Stuttgarter Kaufmannes zu werden, sich aus dem Fenster stürzt, nachdem sie den-Absagebrief ihres Bräutigams erhalten, der durch gemeine Denunziationen Enthüllungen über ihre Vergangenheit erhalten hat. Ebenso der christliche Apostel, der von der Theologie abgesprungen ist, umMenschenbeglückerzuwerden, oder ein anarchistischer Schneider, ferner ein revolutionäres russisches Paar (natürlich nicht rechtmäßig verheiratet), endlich ein ideal angelegter, sozialistischer Lithograph. Selbst wirklich Verworfene, wie einzelne Schauspielerinnen, die nur dem Genuß nachjagen und nach ephemerem Erfolge trachten, oder Journalisten, die ohne wirkliche Gesinnung nur Geld und Erfolg einzuheimsen wünschen, haben einen Anstrich von Gutmütigkeit. Mit ganz besonderer Sympathie werden die beiden Schweden geschildert, die trotz mancher Absonderlichkeiten, ja trotz skrupelloser Sultangelüste als ideale Figurenhingestellt werden sollen. Nur die beiden Helden bleiben unsympathisch. Denn wirkliche Neigung kann man für diese Camilla nicht empfinden, so sehr man ihr Herausstreben aus kleinlichen Verhältnissen, ihre Kunstbegeisterung, ihre inneren Kämpfe begreift — denn ihre Pflichtlosigkeit stößt ab. Und Rudolf, der im Gegensatz zu allen den Unbesonnenen, die ihr Herz aus der Zunge tragen, mit seiner Meinung beständig zurückhält, sich in allen Lagern bewegt, ohne irgend einem ganz anzngehören, und mit einem Riesenbluff aus seiner journalistisch bürgerlichen Karriere scheidet, ist die unsympathischste Figur des ganzen Buches. Ist nun der Roman, wie im Vorstehenden gezeigt, kein jüdischer, so kommt doch manches vor, das uns berechtigt, ihn gewissermaßen als jüdischen in Anspruch zu nehmen. Eine dieser Stellen ist eine merkwürdige Unterhaltung Rudolfs mit einem sehr achtungswerten Journalisten Becker, derden nur äußerlich noch mit dem Judentum Zusammenhängenden zu einer nationalistischen Auffassung bekehren will. Er sagt einmal „die innerlichen Merkmale einer durch langjährige Sklaverei zurückgebliebenen Kultur teilen die Juden mit sehr vielen Christen, und wenn die, die schon am längsten in der Sonne stehen, anstatt. Fahnenflüchtige zu werden, die Führer ihrer Rasse werden wollten, wir könnten in einem ganz neuen Sinn wieder die Auserwählten werden". Er möchte Rudolf zu einer Art Bismarck, dem Gesetzgeber eines Reiches stempeln „in dem wir die Alleinherrschenden sind". Aus den Einwurf Rudolfs von einem Königreich Palästina erwidert er: „es muß nicht gerade Palästina sein. Wenn der feste Wille dazu da ist, findet sich sicher auch in irgendeinem anderen Erdteil ein Platz für Kolonisten, die mit Reichtum, Intelligenz und Körperkrästen ausgerüstet sind. Von diesen drei Potenzen darf allerdings auch nicht eine fehlen, denn woran ich denke, ist kein Zufluchtsort für ausgetriebene Proletarier, für die mag man eine andere Heimat suchen; woran ich denke, ist ein Musterstaat, eine Blüte der Kultur, wie Griechenland sie einst gekannt". Gelegentlich werden die Juden im allgemeinen charakterisiert. Der schon mehrfach angeführte Schwede sagt einmal: „das ist übrigens ein Fehler, den alle Juden haben. Sie sind zu mißtrauisch, sie wollen sich auch von der Natur nicht übertölpeln lassen und zerren an dem Schleier der Erscheinung, anstatt sich kinderhast an ihr zu freuen". Und endlich sagt derselbe Schwede: „und die zuletzt am meisten dazu beigetragen haben, die Lebensfreude zu vernichten, das waren Ihre Glaubeusgenossen. Aus ihrer Ethik ist ja dann auch die letzte Traurigkeit herausgeflossen, das Christentum mit seiner Abtötung des Fleisches und der Vertröstung auf das Jenseits". Da Rudolf sich über solche Ansichten verletzt zeigt, bringt der Schwede ein Hoch auf Spinoza und seine Freudenlehre aus: „Trauer ist barbarisch, ist das Prinzip des Schlechten, was Freude bringt, ist gut." Ich will mich mit der geistreichen Schriftstellerin in keine Polemik über diese Anschauungen einlassen, obgleich ich sie für sehr bestreitbar halte. Die Anführung dieser Sätze jedoch war zur Charakteristik des Werkes, namentlich an dieser Stelle notwendig. Wie man nun auch über die Hauptpartien des Buches denken mag, der Roman ist eine ausgezeichnete Talentprobe. Die Sprache ist vortrefflich, die Milieuschilderung hervorragend, die Verfasserin hat mit einer bewundernswerten Kraft eine vergangene Zeit aufleben lassen, und Ringende, Strebende mit einer außerordentlichen Virtuosität dargestellt. Lin Arbeitsamt für Milche Akademiker. er politische Antisemitismus, der von Stöcker und Treitschke in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts propagiert wurde, um schließlich in Karikaturen wie Ahlwardt und Pückler auszuarten, konnte den Juden zwar nichts von ihrer gesetzlich verbürgten Gleichberechtigung nehmen, hat aber doch durch Weckung der nationalen Instinkte den in seinen Formen durchaus korrekten und darum nicht faßbaren gesellschaftlichen Antisemitismus gezeitigt. Dieser bringt den Auguste Lsarrschuer.

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