Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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p - 184- - ' einem Vorspiel; die handelnden Personen sind Symbole für die Interessen der Liebe und der Selbstsucht.' Dieses Drama widerspienelt, gleich den meisten jüdischen Theaterstücken, das an Leiden und idealen Bestrebungen reiche Leben dieser seit langem verfolgten Rasse und ist voll von philosophischen Restexionen, in denen sich der grübelnde Geist des Juden gefällt. Das Theatergebäude, das älteste von Johannesburg wurde für die jüdische Bühne umgebaut. Diese macht dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Niveau Ehre, zu dem sich mit unbezwingbarer Zähigkeit die israelitische Kolonie erhoben hat. Die Theatergesellschaft Wallenstein setzt sich aus sehr guten Schauspielern zusammen, die mit Einfachheit und Natürlichkeit und zugleich mit Kraft und Gefühl sprechen, was im schärfsten Kontrast steht zu der gekünstelten und selbstgefälligen Art des englischen Theaters. Die Tendenz der jüdischen Stücke ist wirklich moralisch und erzieherisch- Das Komische beruht nicht auf Zweideutigkeit. Das Publikum besteht aus „Aschkenasim", das ist Angehörigen des nordeuropäischen Judenstämmes. Mugulte hsulchners neuer Nomsn." Besprochen von Ludwig Geiger. s ist kein jüdischer Roman, sondern ein Roman zweier Juden, oder sagen wir besser zweier Menschen, die zufällig Juden sind. Denn an Rudolf Lowositz und seiner Schwester, Frau Camilla Katzler, ist eben nichts Jüdisches als ihre Abstammung; von ihrem jüdischen Bekenntnis, von ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft ist überaus selten die Rede. Aufmerksame Leser werden sich beider Personen erinnern. In einem früheren Artikels war der erste Band des Hausnerschen Romans ausführlich besprochen. Er spielte in Prag um das Jahr 1880 und erzählte von den Geschicken der Familie Lowositz, des Sohnes Rudolf, eines jungen Mannes, der nach halb beendetem Studium nach Berlin zog, und seiner Schwester Camilla, die sich mit einem Herrn Katzler, einem unbedeutenden Kaufmann, vermählte. Daß Camilla überhaupt eine weitere Geschichte haben würde, konnte man kaum vermuten, denn, wenn sie auch einigermaßen aus dem unbedeutenden, gewöhnlichen Prager Milieu hervortrat, so schien sie nicht dazu angetan, etwas Besonderes zu erleben. Und doch geschieht dies. Sie ist in ihrer Ehe, in dem Zusammenleben mit den Ihrigen nicht zufrieden, läßt sich an ihren Mutterpflichten nicht genügen, strebt nach Höherem und erlangt von ihrem gutmütigen Mann, daß dieser sie behufs ihrer musikalischen Ausbildung nach Berlin schickt. Dort kann sie in dem kleinbürgerlichen Samuelschen Hause (Bekannte und Verwandte von Prag her), in dem sie zunächst wohnt, ihre Studien nicht so fortsetzen, wie sie es wünscht, zieht daher in eine Pension, wo sie mit allen möglichen ^abenteuerlichen Frauenzimmern zusammenlebt, von diesen zwar keinen Schaden leidet, aber einem künstlerisch hochbegabten Schweden Nils Johanson zugetrieben wird, dessen Schülerin und Geliebte sie wird. Nachdem sie plötzlich von diesem verlassen, wird sie Morphinistin — sie erhält das wohltätige Gift von ihrer allzu gutmütigen Pensionswirtin — wird von ihrem Gatten in eine Heilanstalt gebracht, wo sie längere Zeit verweilt. Dort wird sie plötzlich ihres Muttertums wieder inne und erscheint ganz unerwartet in Prag, wo sie, wie man annehmen muß, wieder zu Gnaden ausgenommen wird. h Rudolf und Camilla. Roman von Auguste Hauschner. II. Band des Gesamtwertes: Die Familie Lowositz. Egon Fleische! & Co. Berlin 1910. 373 Seiten. Preis 6.00, geb. 7.50 Mark. 2) Zwei neue Romane II, A. Z. d. I. 1908 S. 440 ff. Rudolf, der mit Frau Hermine Ehrenthal, seiner ersten Prager Jugendliebe, einer schönen, koketten Frau, em erotisches Verhältnis unterhält, das ihn freilich nicht hindert, £ alte Beziehungen mit anderen Prager Bekanntschaften ein wenig f wieder aufzunehmen und für eine Schwedin, die Cousine des l oben genannten schwedischen Künstlers, leidenschaftlich zu er-; glühen, wird Schriftsteller, Dichter, Kritiker, bewegt sich in den seltsamen, aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzten ' Kreisen der „Freien",kommtmitSozialdemokratenundAnarchisten M zusammen und scheidet endlich mit einem großen Eklat, einem offenen Fehdebrief an die Gesellschaft, den er heimlich in die von ihm mitredigierte Zeitung einschmuggelt aus Berlin, um in der Ferne (Paris oder Amerika) von seiner Hände Arbeit zu leben. , Dieser Schluß des eigentümlichen Doppelromans — denn man kann nicht sagen, daß die zwei Hälften, der Rudolf- und der Camilla-Teil zu einer wirklich organischen Einheit verbunden sind — ist höchst unbefriedigend. Ja man darf behaupten: es ist eigentlich kein Schluß. Stoff genug wäre noch zu einem dritten und vierten Bande. Denn Wilhelm Meister — man verzeihe diesen Ausdruck, da das Hauschnersche Werk gar mannigfach an den berühmten Goetheschen Bildungsroman gemahnt — ist noch absolut nicht zur Meisterschaft gelangt. Man könnte sich wohl vorstcllen, daß Rudolf, dieser große Verwandlungskünstler, noch manche Umgestaltung erlangt, ehe er zur inneren Klarheit und zur äußeren Ruhe sich durchringt. Ebenso stark muß man bezweifelndaß Camilla, dieses hochgespannte Wesen, halb hysterisch, halb künstlerisch veranlagt, sich in dem eng begrenzten Prager Leben zurechtfindet, um so weniger, da ihre Berliner Vergangenheit auf ihr lastet, mag sie nun ihrem Manne ein offenes Geständnis ablegen oder nicht; denn sie muß zum mindesten das Erstaunen dieses gut- X mütigen Gatten, dem sie plötzlich ins Haus hineingeschneit ist, erregen, und selbst, wenn sie seine Verzeihung erlangt hat, dauernd unter dem Befremden, wenn nicht geradezu der Feindschaft ihrer, mit dem Gatten eng verbundenen Verwandten leiden. i r Sieht ruan indessen von diesen Unwahrscheiulichkeiten ab, so muß man manches zum Lobe des Romans sagen. Er ist eine ausgezeichnete Schilderung des alten Berlin, d. h. des für unsere Generation fast vergangenen, nämlich desjenigen der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Nicht etwa der jüdischen, sondern derjenigen Schichten, die sich anschickten, die preußische Hauptstadt zu einem Klein-Paris zu gestalten: der Schriftstellerwelt, der Arbeiterpartei (Sozialdemokraten und Anar- I chisten), der Fremdenkolonie, der Boheme. Alle diese. Kreise [ werden mit einer ganz außerordentlichen Virtuosität vorgeführt. Beachtenswert sind besonders zwei Umstände: wirklich gute { Menschen kommen äußerst wenig vor. Alle Persoyen, die man f kennen lernt, sind entweder angefaulte Halbidealisten, die einen f Stich ins Sonderbare, um nicht zu sagen, ins Verrückte haben, 1 trotz allen menschheitsbeglückenden Redens und Tuns.. Oder es sind Genußmenschen, rücksichtslose Streber, die-den Lüsten frönen oder ihre Gesinnung verkaufen. Der.einzig wirklich vortreffliche Mensch, ein alter Journalist, der von seinen Ideen aus dem Jahre 1848 nicht lassen kann, geht zugrunde, da er seine Anschauungen nicht auszugeben vermag, sondern sie mannhaft, wenn auch ungeschickt verteidigt. (Die Art, wie dieser, während seines Lebens von seinem Chef und seinen Kollegen mit verächtlichem Achselzucken betrachtete Mann nach seinem Tode von diesen Mitleidspächtern glorifiziert wird, ist ' " vortrefflich geschildert.)