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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-04-22 · Heft 16 (22.4.1910) · p. Seite 183

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
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M stellen! Dieser bezweckt die Veranstaltung eines moralischen Pogroms größten Stils; er hat, die völlige Entrechtung der Juden zum Ziel. In dem Entwurf wird den Juden der Besuch aller privaten wie staatlichen Mittel- und Hochschulen Untersagt. Nach den weiteren Vorschlägen sollen Juden kein ärztliches, kein Advokaten-und Lehrerdiplom besitzen, keinen Handel betrechen, keine Gilde zahlen, keine Immobilien besitzen dürfen Es soll Ihnen weder erlaubt sein, Herausgeber oder Redakteure von Zeitungen zu sein, noch Fabriken oder Druckereien zu besitzen oder irgendeinen öffentlichen Dienst zu bekleiden; vom Heeresdienst sollen sie unter allen Umständen ausgeschlossen werden. Es wäre genau dasselbe, und einfacher, wenn vorgeschlagen würde, den Juden einfach das Leben zu verbieten. * Ein Bericht, der in vielen politischen, und speziell jüdischen Blättern zu lesen war, ist auch in dieser Zeitung des Abdruckes wert: Eine jüdische internationale Konferenz gegen den Mädchenhandel fand in der letzten Woche zu London statt. Unter den Auspizien der „Jewish Association for the Protection of Girls and Women" Die Konferenz wurde in der Musikhalle Bechstein Hall abgehalten und dauerte zwei Tage. Eine ansehnliche Zahl von Delegierten aus der Provinz und den verschiedensten Ländern Europas und Amerikas nahm an der Konferenz teil, die in Englisch. Deutsch und Französisch geführt wurde. ProfessorSylvain Levy als Vertreter der Alliance Isra&ite Universelle präsidierte. Der Chief Rabbi eröffnet« die Sitzung mit einem eigens zur Konferenz verfaßten Gebete, und Mr. El. G. Montefiore und Ladh Battersea und die Gräfin Desart begrüßten die Versammelten. Die Diskussion war lebhaft. Die verschiedenen Ursachen des Uebels wurden gründlich behandelt und verschiedene Mittel vorgeschlagen, um diesem schändlichen Handel ein Ende zu machen. Wie entsetzlich dre Zustände sind, die eine derartige Konferenz erforderlich machten, ist allgemein bekannt; wurden doch erst in den letzten Tagen in Berlin und Worms zwei solche jüdische Händler und Schlepper verhaftet. Gegen solchen Auswurs des Menschengeschlechts ist keine Maßregel zu streng; die niederträchtigen Begünstiger solch abscheulichen Handels müßten den schlimmsten Verbrechern gleich bestraft werden. Hier ist ein Boden zu gemeinsamer Tat. Hier müßten die edeldenkenden, wahrhaft aufgeklärten Vertreter der östlichen Judenheit Mitwirken, daß diese furchtbare Schmach aufhört. Ueber die Verhandlungen der Konferenz geht uns nachstehender Bericht zu : Den ersten Punkt der Tagesordnung bildete die Frage: „Welche Mittel sollen angewendet werden, um festzustellen, in welchem Maße jüdische Männer und Frauen am weißen Sklavenhandel beteiligt sind?" Mr. Arthur Morr stellt in feinem Referate hierzu statistische Daten zur Verfügung und gibt Mitteilungen darüber, wie jüdische Mädchen durch die Mädchenhändler überlistet und dann nach dem Orient, Brasilien usw. verkauft werden, wo sie elend zugrunde gehen. Es sprachen hierzu Dr. Maretzki-Berlin in Vertretung des Hilfsvereins der deutschen Juden, Baron Alexander Günzburg-Petersburg, Miß Said American-New Hort, Dr. Sonnenschein-Troppau und Israel Zangwill. Es wurde auf Antrag Dr. Märetzki beschlossen, mit der Sammlung dieser Daten einen Verein zu betrauen. Israel Zangwill protestierte, in seiner Rede dagegen, daß der Fraüenhandel durch diese Konferenz als eine spezifisch-jüdische soziale Krankheit dargestellt werde und vertrat die Ansicht, daß die Juden sich den allgemeinen Verbänden zur Bekämpfung des Mädchenhandels anschließen sollten, da der Mädchenhandel eine allgemeine soziale Plage ist, von der die anderen Völker int selben, wenn nicht in höherem Maße betroffen werden, wie das jüdische. Nach einer kürzen Erklärung des Vorsitzenden entschied sich die Konferenz gegen die Ansichten Zangwills. Großen Eindruck machten - die Ausführungen des Fräuleins Bertha Pappenheim, nach denen ihre folgenden Anträge angenommen wurden: Zn den verschiedenen Seehäfen werden eigene Agenten und Aufseher angestellt, um die Umtriebe der Mädchenhändler zu überwachen und die Opfer zu beschützen. Die Kosten sollen von den in Betracht kommenden jüdischen Organisationen zusammengetragen werden. Konferenzen, wie die jetzige, sollen von Zeit zu Zeit wiederholt werden. Die nächste soll von der englischen Organisation einberufen werden. Beifällig aufgenommen wurden auch die Vorschläge Dr. Maretzkis betreffend die Schaffung jüdischer Komitees in den exponiertesten Städten, Organisierung des Schutzes alleinreisender Mädchen, Kooperation mit'den Schiffahrtsgesellschaften und schließlich als Mittel hierzu Schaffung eines Verbandes aller jüdischen Organisationen, in deren Arbeirs- Programm die Bekämpfung des Mqvchenhandels enthalten ist. Eine lebhafte Debatte erweckt Israel Zangwill.mit seiner Rede» in welcher er feinen Pessimismus gegen die Erfolge der Konferenz ausspricht. Er wiederholt, die Frage sei keine speziell jüdische. Die Hauptursachen des Ueberhandnehmens des Mädchenhandels unter den Juden seien, daß die Juden ihrer Religion gegenüber immer gleichgültiger werden, und daß sie kein eigenes Land besitzen. Wenn der Jude, der gewöhnt ist, den Sabbat zu halten, in ein Land kommt, wo ihm dies unmöglich gemacht wird, verliert er sein religiöses Gleichgewicht, das die Grundlage jeder Moral ist. Die Not reißt sozusagen ein Stück Heiligtum aus seiner Brust und reißt oft nicht nur ein Stück, sondern das ganze Heiligtum mit sich. Er greift die „Jca" an, die die Juden nach der ausgelassensten Stadt der Welt, nach Buenos-Aires, gebracht habe, ohne ihnen dort die Möglichkeit zu schaffen, ihr altes jüdisches Leben fortzuführen. Dagegen müsse jeder gute Jude protestieren. Schließlich beantragt er, daß die zu schaffende internationale Organisation, soll sie überhaupt welche Erfolge erzielen, sich nicht ausschließlich mit der Frage der Bekämpfung des Mädchenhandels, sondern mit der Emigrationssrage im allgemeinen befasse, da die Frage des Mädchenhandels eigentlich ein Problem im Emigrationsproblem ist. In diesem Sinne schließt er sich dem Anträge Dr. Maretzkis an. Nach langen erregten Debatten, Berichtigungen und persönlichen Bemerkungen wird der Antrag Zangwills abgelehnt. Der übrige Teil der Konferenz wurde mit Tätigkeitsberichten der in der Konferenz vertretenen Vereine ausgefüllt. — Zum Schluß sei noch erwähnt, daß Lord Rothschild iu seinem Hause einen Empfang zu Ehren der Gäste gab. Im Trocadero-Restaurant wurde ein Diner veranstaltet, bei welchem Mr. Claude Montefiore als Präsident und der Chief Rabbi und Mr. Herbert Samuel, der neue Minister für das Post- und Telegraphenwesen, die Hauptredner waren. Letzterer versprach die Sympathie und Mithilfe der Regierung an den Aufgaben der Konferenz. * Dem „Berliner Börsen-Courier" entnehmen wir die nachstehende interessante Schilderung: Ueber die jüdische Kolonie in Johannesburg äußert sich der dortige italienische Konsul Cesare Poma in einem von der „Lettura" veröffentlichten Artikel sehr günstig, ungefähr in folgender Weise: Die bedeutende Minenindustrie und das durch diese zu enormer Entwicklung gelangte Bankwesen hat aus Deutschland. und England eine ansehnliche Gruppe von großen Finanziers, Aktionären, Leitern geschäftlicher Unternehmungen herbeigezogen, sämtlich Juden; denen folgte eine Menge von Juden der niederen Klasse aus Rußland, Galizien, Rumänien und anderen Ländern, in denen der Hebräer als Sklave behandelt wird. Diese werden hier — man weiß nicht, warum — Peruaner genannt. Von den 60,000 Einwohnern der Stadt sind 20 bis 25 000 Juden. Der größte Teil von ihnen lebt in einem Stadtviertel, in dem die Ladenschilder fast ausschließlich Inschriften in hebräischen Lettern tragen und das nach dem typischen Aussehen der Bewohner wie White Chapel in London und ein Teil von Bowerh in New Jork — an die so charakteristischen Ghettos von Krakau und Warschau. erinnert. In diesem Viertel haben die Israeliten ihr Theater, in denen ernste-Dramen oder Komödien von nationalem Charakter in jüdischer Mundart aufgeführt'werden, z. B: „Ein Unbekannter" von Jakob Gordin,^ ein Stück in vier Akten mit

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