Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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meines Volkes, sowohl ihr, als auch die Kinder Israels." Diesem Vorbild müssen wir unentwegt nacheifern. Nicht die Flinte ins Korn werfen, nicht verzweifeln, aber auch nicht mit den Abfällen der Freiheit uns begnügen. Wir haben unser mit Gut und Blut errungenes Anrecht auf volle Gleichheit- und kämpfen wollen wir solange, bis sie uns endlich zuteil wird, rückhaltlos, vollständig, bis wir sie uns erkämpft haben werden.. Erkämpfen! Wie soll das aber verstanden werden, wie soll man es tun, wenn das Verlangen mehr sein will als leere Phrase? Für uns heißt erkämpfen: abringen. Wenn jemand gegen den Nächsten aus irgend einem Grunde ein Vorurteil hegt, dieser jedoch ihn nach und nach durch sein Tun und Lassen zur Anerkennung seiner Verdienste zwingt, hat er ihm die Wertschätzung abgerungen. Und wenn jemand von seinem guten Recht nicht läßt,. verschmäht, es sich zu erbetteln, oder zu erkaufen, mit zäher Geduld leidet und wartet, ohne sich und seinem Rechte untreu zu werden, mögen die Opfer noch so große sein, die er bringen muß, er kommt zu seinem Recht früher oder später, wenn auch eine ganze Welt mit allen ihren Mächten sich dagegen sträubt. Derselbe Pharao, der Moses und Aron die Türe gewiesen hat, da sie unbeugsam auf ihrer Forderung bestanden, derselbe Pharao, sagen unsere Weisen, suchte um Mitternacht die Führer Israels auf, um ihnen die Freiheitsbotschaft persönlich zu bringen. Wird der Idealismus jemals aussterben, völlig verschwinden? Niemals. Immer wieder wird er sein Haupt' erheben: der Messias, Israels Idealismus, wird kommen, lehren unsere Alten, in der Zeit der schlimmsten Nöten und Gefahren, nur darf man.nie das Vertrauen und die Zuversicht verlieren. Wer aber würdelos kriecht und bittet, wo er aufrechten Hauptes fordern darf; wer das Beste, das er besitzt, sein Seelenleben preisgibt, um dafür zu erkaufen, was ihm nach Billigkeit und Gesetz zusteht, der raubt sich und seinen Nachkommen den edelsten und hehrsten Besitz des Menschengemüts, die ideale Lebensanschauung, die freudige Genugtuung, dem Idealismus des Menschengeschlechts zum ewigen Siege mitverholfen zu haben. Nur durch Charakter, nur durch Treue zu sich selbst wird die jüdische Gesamtheit die Bürgergleichheit sich erkämpfen, sie abringen, dem Vorurteile, dem Hasse, dem Widerwillen der Jahrhunderte. Weg mit jeder feigen Bettelei. Weg aber auch mit dem entehrenden Gedanken, unsere Religion, unser innerstes Seeleneigentum, unser Erbe seit Jahrtausenden als Buhlpreis und Tauschobjekt hinzuwerfen für Bürgerrecht und Bürgergleichheit. Kein edleres Vorbild für diesen großen Idealismus als unser Lehrer Moses. Auf Kosten der Religion seines Volkes wäre er sicherlich rascher ans Ziel gekommen. Er wollte es nicht. Wir wollen Gott dienen nach unserer Väter Art, nicht nach euren Sitten, das wars, wofür er unentwegt gerungen hat, bis er schließlich auch darin Sieger blieb und der Pharao ihm zurief: „Gehet, dienet Gott, wie ihr es gesagt habet." Moses wollte nicht Gott opfern, wie es dem Pharao und den Aeghptern wohl genehm gewesen wäre, sondern so, wie Tradition und der eigene Genius es ihm gewiesen hatten. Und er hat sein Ziel erreicht. Ohne Preisgabe der Religion seines Volkes hat er für Israel über alle Schwierigkeiten hinweg die volle Freiheit errungen, er ist der erste Lehrer, der Vater des Idealismus geworden. Gäbe es für das moderne Israel ein erhabeneres Vorbild? Vom Kampfe um die Freiheit nicht lassen, wir werden sie schon erreichen, wenn auch vielleicht erst nach vielen Generationen. Unermüdlich wollen wir sie fordern, uns niemals mit Bettelkrumen uns zufrieden geben. Aber auch niemals/ für die Freiheit, für unser Recht, unsere Religion hinwerfen, sie um diesen Preis erkaufen wollen. Das lehre jeder Vater seinen Kindern am Sederabend, das sei die Lehre des Passahfestes, dann wird es nicht mehr leere, nichtssagende Form sein, sondern lebensvolle Wirklichkeitmächtig anregende, Herz und Seele erfüllende Gegenwart, die Quelle einer unerschütterlichen Zukunftssreudigkeit und Zuversicht. Sie Mache. Berlin, 19. April.- V^^enn diese Zeilen erscheinen, rüstet man sich aller Orten/ VV' das, Passahfest würdig zu begehen. Das Fest der Befreiung. Die Meisten von uns ersehnen keine Befreiung aus ihrem Vaterlande und sprechen das Wort „das nächste Jahr in Jerusalem" nurnach, ohne es ernstlich zu wünschen. Aber Befreiung, ersehnen wir alle von Druck und Ungerechtigkeit, der von außen gegen uns geübt wird, von sittlicher Fäulnis die etwa in uns steckt. Auch das Passahfest möge den Weckruf zu innerer Läuterung in uns ertönen lassen! Ach, daß wir alles abtun, was uns schädigt und schändet! * Die dem Passah-Feste unmittelbar vorangehenden Tage sind, wie leider üblich, nicht ohne Feindseligkeiten gegen die Juden vorübergegangen. Waren es auch keine blutigen Verfolgungen unter Aufwärmung des alten, schier unsterblichen Ritualmordmärchens, und beschränkten sie. sich auch auf kleine Bezirke, so ist doch von ihnen Akt zu nehmen. Die „N. I. K." berichtet aus Stanislaw: „Ein empörender Vorfall, der sich am 18. März in Usznia (Bezirk Zloczow) zugetragen hat, beweist, wie berechtigt noch die Furcht der jüdischen Landbevölkerung in Galizien vor dem Herannahen der christlichen Ostertage ist, die nur noch allzuoft zu den abscheulichsten Ausschreitungen Anlaß geben. Einige Tage vor Ostern kamen in den genannten .Ort, ein größeres galizisches Dorf mit etwa 100 jüdischen Seelen, drei Kapuzinerbrüder in Begleitung mehrerer Geistlichen, um den dortigen Bauern, die seit jeher mit ihren jüdischen Nachbarn im besten Einvernehmen lebten, — christliche Nächstenliebe zu predigen. Während der drei Tage ihres Aufenthalts waren ausschließlich die Juden das Objekt ihrer Hetzreden. Gegen die jüdischen Läden wurde der Boykott proklamiert und den Bauern deren Betreten unter Eid untersagt. Kurz darauf wurde als praktische Folge der Predigten ein Laden von einem Nichtjuden eröffnet. Das Ereignis wurde in der Nacht des 18. Ptärz mit dem Einschlagen der Fensterscheiben in den jüdischen Häusern gefeiert. Der Getreidehändler Abraham Zeisil' und dessen Frau wurden auf das gröblichste mißhandelt, das Häuschen eines armen Juden Namens Uscher Lindner wurde vollständig demoliert. Begreiflicherweise herrscht seitdem unter den Juden des Dorfes eine unbeschreibliche Panik. Die Erregung ist um so größer, als ihnen durch den mit größter Strenge durchgeführten Boykott der völlige wirtschaftliche Ruin droht. Dem „Berliner Tageblatt" wird unter dem 15. April aus Petersburg berichtet: Der Abgeordnete Nisselowitfch wird in den nächsten Tagen dem Präsidenten der Reichsduma Gutschkow einen von vielen Mitgliedern der Opposition und der Mitte unterschriebenen Entwurf über die Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons einreicheu. Daraufhin hat die extreme Rechte beschlossen, dem Beispiele des Adelskongresses zu folgen und einen Gegenentwurf zür Beratung zu