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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-04-15 · Heft 15 (15.4.1910) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 15 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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Verfügung zu stellen zur Gründung eines Jünglingsheims für stach bathalte.n de jmnge Leute. Vorerst wurden 100 Mark dafür bewilligt. Abgelehnt wurde dagegen ein.-Antrag Breslau, nur alle zwei Jahre, statt wie bisher alljährlich, einen Delegiertentag abzuhalten. Eine sehr eingehende Debatte knüpfte sich an den Vortrag des. Herrn. Ma.rk.us--Pi.nne über Abwanderung .aus den. leinen Städten. Herr Markus führte aus dem reichen Zahlenmaterial, das Herr Justizrat Breslauer über die Abwanderung der Juden aus der Ostmark auf dem letzten Verbandstag des „Verbandes der Deutschen Juden" in Breslau vorbrachte und in einer besonderen Schrift publiziert hat, die frappantesten Zahlen an, die oie erschreckende Größe der jüdischen Abwanderung illustrieren. Was dagegen zu unternehmen sei, wäre nicht leicht zu sagen. Es sei hoch anzuerkennen, daß der „Verband der Sabbatfreunde" den Strom in die Kleinstädte zurückzuleiten beflissen sei, daß er jüdische Angestellte dorthin zu leiten bemüht sei, für die Möglichkeit guter religiöser Erbauung sorge usw: Er schließt mit dem Rufe: „Zurück nach der kleinen Stadt!" In der Debatte kam das Großstadtjudentum sehr schlecht weg. Man war sich darin einig,- daß es im Interesse des gesetzestreuen Judentunis liege, mitallen Mitteln' den jüdischen Zuzug zur Großstadt einzudämmen. Lehrlinge sollten, wenn irgend angängig, überhaupt nicht in Stellen nachder Großstadt, besonder» nicht nach Berlin gegeben oder gar vermittelt - werden.' Herr Dr. Biberfeld-wie andere Redner mahnten, indessen, die Gegensätze nicht zu verschärfen zwischen Stadt und Land, die auch „gar nicht existierten". Herr Meyer-Gelnhausen verwies sogar darauf, daß auch in den Kleinstädten nicht alles so rosig sei, wie es hier geschildert wurde. Das einzigewomit man etwas erreichen könne, sei': in allen Gemeinden gesetzestreue Lehrer anzustellen. — Zum Schlüsse gelangte dann noch die Peah-Einrichtung zur Sprache, über deren erfreuliche Entwicklung in Köln Herr Rabbiner Dr. Rosenthal berichtete, dort habe die Peah die Sympathien aller Juden ohne Unterschied der religiösen Richtung. Das Ergebnis der zum Schluß vorgenommrnen Wählen für-den-geschäftsführenden Ausschuß und für das Zentralkomitee war die Wiederwahl der bisherigen Herren und die Neuwahl des Herrn Bankiers Max Jaffa-Berlin. y. Berlin, 12. April. Der Verein „Freunde der Taubstummen — Iedide Ilmün'' hielt am letzten Sonntag unter dem Vorsitz des Herrn Geh. Sanitätsrats Dr. I. Boas seine 26. Generalversammlung ab. Nach Begrüßung der Erschienenen erstattete Herr Direktor M. Reich den Bericht über die Tätigkeit des Vereins. Seit Bestehen des Vereins seien 140 Taubstumme in der Anstalt erzogen worden, und zwar nach den leitenden Prinzipien der Anstalt, vor allem darauf zu achten, daß die Zöglinge erwerbsfähig und zu sittlich religiösen Menschen ausgebildet werden. Die Erziehung zur Erwerbssähigkeit sei das leitende Prinzip der Täubstummenerziehung überhaupt, und welche Erfolge diese Methode gezeitigt hat, ergebe sich aus der Statistik, wonach es unter den vielen Tausenden von Taubstummen verhältnismäßig nur wenig Almosenempfänger gebe. Von den 105 Zöglingen, die sich 1902 bis 1905 in sämtlichen deutschen Anstalten befanden, waren 46 christlichen und 59 jüdischen Glaubens. Es sind alsonoch viele jüdische Taubstumme in nichtjüdischen Anstalten, meistens freilich in den Großstädten und Kinder von Eltern) die sich von ersteren nicht gern trennen möchten. Seit dem Bestehen der Anstalt in Weißensee sind 102 Zöglinge dem Gewerbe zugeführt, zwei Taubstumme, die noch mit anderen Gebrechen behaftet und erwerbsunfähig sind, wurden im Allersheim Pankow untergebracht. Im abgelausenen Jahr wurden 46 Zöglinge. 26 Mädchen und 20 Knaben durch 4 Lehrer und 2 Lehrerinnen in 6 Klassen unterrichtet; heute beträgt die Zähl der Zöglinge-49, die aus allen Teilen des Reiches stammen.- Die Entwicklung der Anstalt und die erzielten Resultate befriedigen durchaus; eine Inspektion durch den H^rrn Provinzialschulrat Ullmann erbrachte der Anstalt die volle Anerkennung der Erziehungsergebnisse und der ganzen Leitung der Anstalt. Nur wurden dre Anstaltsräume als zu knapp bemängelt, so daß die Anstalt durch einen Anbau erweitert werden muß, wozu allerdings zurzeit noch nicht die nötigen Mittel vorhanden sind: Hoffentlich finden sich Gönner dieser keineswegs etwa allein für Berliin sondern für ganz Deutschland bestimmten Anstalt, die zu den Kosten des Neudaus beisteuern werden. Der Verein zählt zurzeit außer zwei Ehren» und 120 immerwährenden Mitgliedern. 4497 Mitglieder mit jährlichen Beiträgen. Die Jahresrechnung für 1909'schließt in Einnahmen und Ausgaben mit 56 839.72 Markab. Für die'Kassenrevisoren berichtet Herr St eint hat, der Decharge für Vorstand und Kassensührer beantragt. Die Entlastung wird , einstimmig erteilt und ebenso der Voranschlag für 1910, der in Einnahmen und Ausgaben mit 46 450 Mark abschließt, genehmigt. . D.ie Ergänzungswähldes-Vorstandes ergibt die einstimmige Wiederwahl der turnusmäßig ausscheidenden Herren Jsmar Hamburger, Rabbiner Professor Dr. Mahbaum, Ludwig Gumpertz, sämtlich in Berlin, Kommerzienrat M. Kirchdörfer-München, Friedrich Kauffmann-Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Rosenthal-Köln und Ernst Blumenthal-Leipzig. Zu Revisoren werden die Herren Oskar Rat Henau, Heinrich Fränkel wieder- und an Stelle des verstorbenen Herrn Oskar Berlin, Th. Steinthal neugewählt. Einer Anregung des Herrn Rathenau, auch Damen in den Vorstand zu wählen, wurde von verschiedenen Seiten widersprochen, da sich ein Bedürfnis zurzeit nicht dazu ergebe. Auf Anfrage teilt der Vorsitzende noch mir. daß von der Schulaufsichtsbehörde die Erweiterung der Anstalt um acht Räume verlangt werde, und daß bereits von der Polizeibehörde die Genehmigung des Bauplans eingelaufen sei. Bauen aber werde man einstweilen noch .nicht. Nach warmen Dankesivorten des Herrn Schwarz an den Vorstand für seine Mühewaltung, wurde die Sitzung geschlossen. Zum Schluß sei noch darauf hingewiesen, daß Neuaufnahmen von Zöglingen stets am 1. Oktober stattfinden und die betreffenden Meldungen bis spätestens zum 1. Juli an Herrn Adolph Salomo.n-Charlottenburg 2, Knesebeckstraße 35/36, schriftlich einzureichen find. Berlin, 12. April. Die neue Synagoge des Louisenstäd ti schenBrüderverein s, Dresdener Straße 127, wurde Sonntag mittag 12 Uhr unter zahlreicher Beteiligung — es waren zirka 1500 Personen anwesend — eingeweiht. Von den Behörden' waren vertreten das Polizeipräsidium durch den Präsidenten Herrn v. Jagow selbst die Stadt Berlin durch die Stadtverordneten Cassel, Mentzel, Löser, Klär und Ulrich, der Vorstand der jüdischen Gemeinde durch Herrn Geheimrat Professor Dr. Landsberg und durch Herrn Justizrat Timendorfer. Die Repräsentantenversammlung durch Professor Blaschke, Rechtsanwalt Dr. Ignatz Cohn, Adolf Lewinski, Oskar Löwenberg und andere, das Rabbinat durch Rabbiner Dr. Rosenzweig, die Kantoren durch den König!. Musikdirektor A. Friedrnann. Die israelitische Synagogengemeinde Adass Isroel durch ihren 1. Vorsitzenden Herrn I. Rosenblüth und ihre Rabbiner Dr. Munk und Dr. M. Hildesheimer, das Rabbinerseminar durch seinen Rektor Dr. Hoffmann, die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums durch den Dozenten Dr. Ed. Baneth. Ferner waren Deputationen verschiedener Religionsvereine mit ihren Rabbinern anwesend. Die Feier begann mit dem Einzug der Thorarollen und zweimaligem Umzug durch die Synagoge. Nachdem hierauf Fräulein -Hilde Kaphan ein Gedicht vorgetragen und den Schlüssel zur heiligen Lade dem Synagogenvorsteher, Herrn Kalischer, überreicht hatte, hielt der erste Vorsitzende des Vereins Herr Th. Löwenberg eine Ansprache. Herr Rabbiner Dr. Weiße entzündete die ewige Lampe" und sprach das Gebet für Kaiser und Reich, die Weihepredigt hielt Herr Dr. Bleichrode. Die Feier, zu deren Gelingen der von Herrn Dirigenten Weinbaum geleitete Chor der Synagoge Rykestraße viel' beigetragen halte, endete 1 Va Uhr. Abends schloß sich daran ein Festessen in der Gesellschaft der Freunde, an dem über 300 Personen teilnahmen und das durch die Darbietungen von Künstlerinnen und Künstlern, unter denen Frl. Holms vom Schillertheater ganz besonders hervorzuheben ist, verschönt wurde. Die Synagoge selbst, ein schmucker Bau im romanischen Stile, ist von HerrnArchitektenWalther und Herrn Baumeister Deutsch entworfen und erbaut. Die Inneneinrichtung und Ausschmückung — und hier sei vor allem die heilige Lade erwähnt — ist ein Werk der Herren Architekt Sommerfeld, Bildhauer Fernbach und Maler Ebel. Die Kronleuchter und Kandelaber lieferte die Fa. Spinn und Sohn. Der prachtvolle Vorhang vor der heiligen Lade ist aus dem Atelier Geschwister Bleichrode hervorgegangen.

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