Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228923--66413-3278548- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Berlin, 15. April 1910 Jahrgang. CXll CÜlhßli 0 tß. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". lkorrelpondtn?en und Nachrichten. Deutschland. *»* Berlin, 12.'April. Die gemischte Kommission zur Beratung des Organisationsgesetzes preußischer Synagogengemeiuden hat es für angemessen erachtet, nach den in sich widersprechenden Beschlüssen und Anregungen des jüngsten Gemeindetages sich ein wirkliches Bild von den Ansichten der Preußischen Gemeinden über den Gesetzentwurf zu verschaffen. Das Ergebnis dieser Rundfrage sollte zugleich über die Frage entscheiden, ob und eventuell in welcher Richtung der Entwurf in dritter Lesung zu behandeln sei. Er hat deshalb noch einmal durch Rundschreiben die größten preußischen Gemeinden und ihre Verbände zur Meinungsäußerung aufgefordert. Das Resultat entspricht keineswegs der Haltung der — wenn auch kleinen — Mehrheit auf dem Gemeindetage. Nur ein einziger Provinzialverband, nämlich der Synagogengemeindeverband im Regierungsbezirk Posen, hat sich für den Antrag Friedmann erklärt, der Bromberger Verband hat eine sachliche Stellung zu dem Entwurf nicht eingenommen, sondern nur ein gesetzgeberisches Vorgehen als inopportun bezeichnet. Der Verband der Synagogengemeinden des Regierungsbezirks Breslau-Liegnitz hat ausgesprochen: „In Erwägung, daß der Gemeindebundestag den vorgelegten Entwurf der Kommission zur Weiterbearbeitung mit dem Aufträge übertragen hat, dabei die angenommenen Anträge und die in der Besprechung gemachten Anregungen zu berücksichtigen, den weiteren Arbeiten der Kommission mit Vertrauen entgegenzusehen.'* Ter Provinzialverband Pommern hat auf die Beschlüsse des Gemeinde« tages verwiesen, da er erst im nächsten Jahre zusammentrete. Dagegen haben sich zustimmend zu dem Entwurf ausgesprochen: die Provinzialverbände von Ost-und Westpreußen, Oberschlesien, Sachsen, Westfalen, Rheinprovinz und sämtliche größeren Gemeinden, darunter Berlin, Frankfurt a. M, Breslau, Köln, Danzig, Stettin, Magdeburg, Kassel, Wiesbaden und von mittleren Gemeinden, die zu Gleiwitz und Beuthen, Krefeld, Kreuzburg-Oberschlesien, Lissa, Bielefeld, Bochum, Stolzenau, -ferner die liberalen Vereine der Mitglieder der jüdischen Gemeinden zu Berlin und Breslau. Ablehnungen des Entwurfs von Seiten der Gemeinden find nur eingegangen aus Altona, Thorn, Bromberg und München-Gladbach. Für den Antrag Friedmann haben sich von Gemeinden ausgesprochen nur die zu Posen, Zabrze und Dortmund. Es haben sich also, selbst, wenn man den Bezirk Breslau-Liegnitz, ohne die Gemeinde Breslau, und den Bezirk Pommern, ohne die Gemeinde Stettin, zu den Gegnern zählt, bis jetzt die Vertretungen von mehr als 315 000 preußischen Juden für den'Entwurf und etwa 50 000 gegen den Entwurf bezw. für den Antrag Friedmann ausgesprochen. Dabei rechnen wir den Bezirk Bromberg mit etwa 11 000 Seelen zu den Gegnern. Selbst wenn man alle, die sich nicht geäußert haben, zu den Gegnern zählt, so haben die Freunde des Entwurfs mehr als drei Viertel Mehrheit aller preußischen Juden aufzuweisen. *** Berlin, 12. April. Im Zusammenhang mit der Frage der Schaffung eines Organisationsgesetzes für die jüdischen Gemeinden Preußens wird die nachstehende Feststellung interessieren, weil durch sie dargetan wird, daß der Deutsch-Israelitische Gemeindebund der legitimierte Vertreter des jüdischen Gemeinde- Wesens in Preußen ist. Unter den 1016 Bundesgemeinden, die zurzeit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde angehören, befinden sich 641 preußische mit einer gesamten Seelenzahl von 331 452. In allen noch nicht zum Bunde gehörigen preußischen Gemeinden unter Hinzurechnung der Ortschaften, in denen einzelne Juden zerstreut und keiner Gemeinde zugehörig wohnen, befinden sich insgesamt nur 78 049 jüdische Seelen, also nur Vs aller. Nun gehören aber noch verschiedene Gemeinden, die nicht direkt Bundesgemeinden des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes sind, den Provinzialverbänden an. Sämtliche Provinzialbezw. Bezirksgemeindeverbände sind aber Mitglieder des Gemeindebnndes, so daß noch ein beachtenswerter Bruchteil des nicht direkt dem Deutsch. Israelitischen Gemeindebunde angehörigen Fünftels doch indirekt von ihm vertreten wird. *** Berlin, 12. April. Am 3. d. M. beging Prof. Dr. A. Strelitz sein 25jähriges Amtsjubiläum als Direktor der Baruch Auerbachschen Waisen-Erziehungsanstalten. Gesang und andere Vorträge der Zöglinge eröffneten die Feier, bei welcher Kommerzienrat Lohnstein die Glückwünsche des Vorstandes, Frau Konsul Fränkel die der Ehrenmütter überbrachte und Dr. med. O. Schiftan, welcher die Glückwünsche des Baruch Auerbach-Vereins aussprach, ein Porträt des Jubilars aus der Künftlerhand Hans Fechners überreichte. Zahlreiche Kundgebungen treuer Anhänglichkeit bewiesen die ehemaligen Zöglinge, von denen Direktor Tr. Strelitz 275 herangebildet hat und die sich in den verschiedensten Berufen, auch in wissenschaftlichen, künstlerischen und technischen, durchweg zu achtbaren, zum Teil zu angesehener Stellung emporgearbeitet haben. Telegraphische und schriftliche Glückwünsche von nah und fern, aus dem In- und Auslande, von Privaten und von verwandten Anstalten liefen in großer Zahl ein. Professor Dr. A. Strelitz, der vor Uebernahme seines gegenwärtigen Amtes, zehn Jahre als Oberlehrer am Gymnasium in Rostock gewirkt hat, und über dessen Studiengang und schriftstellerische Tätigkeit im März vorigen Jahres anläßlich des ihm vom Unterrichtsminister verliehenen Professorentitels berichtet wurde, ist zugleich Begründer und Vorsitzender des „Jüdischen Mädchenstifts", Kurator des Lehrlingsheims Pankow und der Waisenkommission der jüdischen Gemeinde, Vorsitzender der „Wolf und Clara Hagelberg- Stiftung", und tätiges Mitglied der „Deutschen Zentrale für Jugendfürsorge". Er entfaltet demnach auf dem Gebiete der pädagogischen und sozialen Förderung der Jugend eine ausgedehnte Wirksamkeit. y. Berlin, 5. April. Der vierte Delegiertentag des „Verbandes der Sabbatfreunde" tagte am 27. und 28. v. M. hier im Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde Rosenstraße. Es waren von den 159 Ortsgruppen mit 6000 Mitgliedern, die der Verband nach den Angaben des Jahresberichts zählt, 43 Ortsgruppen mit 47 Delegierten vertreten, zu denen am folgenden Beratungstage wohl noch ein paar hinzukamen. Herr Dr. Biberfeld, der die Versammlung mit einer Begrüßungsansprache eröffnete und neben Kober-Breslau und Rosen heim-Frankfurt zur Leitung der Verhandlungen berufen wurde, gab zu dem gedruckten Jahresberichte einige Ergänzungen. Er verwies auf den verhältnismäßig günstigen Verlauf der Frage der strikten Sonntagsruhe, die als erledigt betrachtet werden könne, und bezeichnete es als die bedeutsamste politische Errungenschaft, daß seitens der Reichsregierung anerkannt worden sei, daß die den Sabbat streng haltenden jüdischen Kreise durch die absolute Sonntagsruhe in ihren Interessen verletzt würden. Dann bemängelte er. daß die Beziehungen der einzelnen Ortsgruppen zum geschäftsführenden Ausschuß leider sehr viel zu wünschen übrig lassen. Die Ortsgruppen fänden den Ausschuß entweder überhaupt nicht oder nur dann, wenn sie von ihm etwas wollten. — Einen breiten Raum nahm die Debatte über die dann zur Beratung gestellten Anträge ein, die auf dem letzten Delegiertentage zurückgestellt waren. Ein Antrag Mainz, diejenigen jüdischen Geschäftsinhaber, die selbst die Sabbatruhe nicht halten, von Zeit zu Zeit anzusragen, ob sie geneigt wären, jüdisches Personal anzustellen, das an Sabbaten und Festtagen von der Arbeit befreit werde, wurde auf Antrag Rosen he im nur in der folgenden Form angenommen: „Der Delegiertentag ist mit dem Grundgedanken einverstanden und beauftragt den geschästsführenden Ausschuß die Einzelheiten des Vorgehens und die notwendigen Kautelen gegen schädliche Nebenwirkungen mit dem Zentralkomitee und der Stellenvermittlungszentrale zu vereinbaren." Ein Antrag der Ortsgruppe Mülhausen i. E., in Angliederung an die Ortsgruppen Jugend-Sabbatbunde für Knaben in den Schülerjahren zu bilden, wurde angenommen, ebenso ein Antrag Berlins, Mittel zur