Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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und bekomme dessen Gutheißung. Sie aber lasse ich in Ruhe, erstens, weil ich bedingungslos in Sie vertraue, zweitens, weil Sie ohnehin nicht auf mich hören würden und schließlich — erwarte ich Ihre Großjährigkeit. Helene: Wie glücklich sind Sie, daß Sie daraus nicht mehr lange warten müssen. Dr. Masirewitsch: Ein Jahr. Noch ein volles Jahr. Wie viel kann nicht im Laufe eines Jahres geschehen! Helene (seufzend): Ah,- es geschieht nichts. Nie ... nie will etwas geschehen! O'est trop ennuyant! (Sie gähnt, aber sichtlich affektiert) Lieber Doktor! Sie sind mein Vormund, mein Erzieher, tneine Vorsehung; denken Sie doch mal daran, daß etwas geschehen soll, sonst muß ich mich zu Tode langweilen. Dr. Masirewitsch: Und die Kunst? Helene: Pah, b<§tise! Dr. Masirewitsch: Und die Künstler? Helene (sieht sehr frappiert auf den Doktor. Pause. Plötzlich durchsäjaut sie die Situation, als wäre sie bei dem ganzen vor' herigen Gespräch zugegen gewesen. Sie wendet sich rasch gegen Frau Törmann und spricht im aufstammenden Zorn): Du hast mich verraten! Du hast ihm alles gesagt. Frau Dörmann (beleidigt): Aber Helene! Helene (ebenso): Ja, Du hast mich verraten! Du hast alles ausgeplaudert! Frau Dörmann: So schäm' Dich doch, Helene! Helene: Du schäm' Dich Tante! Ich habe Dir vertrauensvoll meine Seelenkämpse und meinen qualvollen Sieg über mich selbst eingestanden — Gott weiß, wie mir das Herz dabei blutete, und Du . . . Du hast es vielleicht spöttisch, oder scherzend diesem kalten Herrn Doktor erzählt, diesem braven, und in seinem Aeußern, wie in allen Lebenslagen „korrekten" Herrn Doktor Mephisto! Gesteh es nur Tante, Du hast schlecht gehandelt! Frau Dörmann (wieder ruhig): Helene ... Du kennst mich ebensowenig, wie Du diesen Herrn Doktor „Mephisto" kennst. Es gibt bloß eine Entschuldigung, und die ist: daß Du Dich selbst noch am allerwenigsten kennst. Helene: Sprich nur, Tante, was Du eben sprechen willst! Ich weiß aber auch, was ich weiß. Und wenn Ihr beide etwa glaubt, mich vom Wege der Pflicht ablenken zu können, so irrt Ihr Euch sehr in mir, wie auch in Euch selbst. Dr. Masirewitsch: Dies fällt uns gar nicht bei. Wenigstens mir persönlich nicht. Und ich glaube, auch Ihrer Tante nicht. Wir haben bereits längst darauf verzichtet. Ihr hartnäckiges Köpfchen in das Joch des Gehorsams zu zwingen. Wir wissen auch, daß Ihnen — kommt Zeit, kommt Rat — das Leben schon winken und Sie belehren wird, daß man mit der Liebe nicht spielen und nach Lustschlössern nicht verlangen darf. Helene: Ich verstehe Sie genau, mein Herr, und ich bekenne, daß ich Ihre Trugschlüsse von Herzen verachte. Sie können es nicht begreifen, daß ein Mädchen freiwillig ihr ganzes Leben in die Schanze zu schlagen vermag, all die Vorzüge ihres Geistes, ihres Körpers und ihres Vermögens, um einem Ideal zu huldigen, das ihr teurer und unvergeßlicher Vater mit glühender Liebe gepflanzt, gehegt und gepflegt hat. Sie haben recht. Die Ideale sind nicht von den Aerzten erfunden, auch sind sie nicht für sie erfunden. Aber ich bin nur ein einfaches Mädchen, weder Rationalist, noch Materialist, noch Nihilist, so wie Sie, Herr Doktor. Mich hat Papa dazu erzogen, daß ich mit offenen Augen die Leiden meiner Brüder verfolge, bis ich von meiner bevorzugten Stellung aus durch die Parteinahme der Mächtigen ihre Sicherheit erwirken kann. Leicht wäre es auch ihm' gewesen, so zu handeln, wie schon so viele vor ihm und nach ihm, die eben nicht gerade dem Glauben ihrer Väter den Rücken gewandt haben, aber dennoch unter dem Schutze ihrer Privilegien jede Gemeinschaft mit ihnen verleugnet und aus der Ferne die Verfolgung, die Erniedrigung, die Zertretung ihrer Glaubensgenossen mitangesehen haben. Er aber war ein ganzer Mann, in seinem Glauben unerschütterlich, und nicht um Haaresbreite von dem Weg der Ehre abzubringen. Und seines Lebens höchstes Ziel war stets, das Elend der Seinigen zu mildern, ihre Tränen zu trocknen, ihre Wunden zu heilen, und ach, wie oft, ihr Leben zu retten. Und er hat in mich gepflanzt jene feurige Begeisterung und jenen schwärmerischen Glauben: ich fühle mich als seine Tochter! In seinem Testament hat ec meine Hände gebunden, auf daß ich gezwungen sei, in seinen Wegen zu wandeln, selbst wenn ich es auch nicht wollte. Ueberflüssiges Gebot, zu dessen Erfüllung mich alle Instinkte meines Herzens drängen. Beleidigen müßte mich dieser Mangel an Vertrauen, wenn ich nicht das zwischen den Zeilen lesen würde, daß ihm seine Ideale noch höher standen, als die Liebe zu seinem Kinde. Und ich ... ich sollte ihn jetzt im Stiche lassen, ihn hintergehen, da sein liebendes Auge nicht mehr auf mir ruhen kann, seine zum Herzen dringende Stimme mich nicht mehr auf meine Pflicht aufmerksam zu machen vermag? Ach Doktor, wie elend, wie bedauernswert müßte ich sein, wenn ich das tun könnte! Dr. Masirewitsch: Liebes Kind, ich bedauere Sie, und das von ganzem Herzen! Ich glaube an Sie und glaube auch an das heilige Anfflammen der Begeisterung bei Ihrem Herrn Vater. Er ist ihr treu geblieben, bis an den Tod. Aber sehen Sie: Ihre Tage werden dahinfließen, Ihre Jugend wird verrauschen darüber, daß Sie den Erlöser dieses unglücklichen Volkes suchen und ihn nicht finden werden. Ihr Herz wird inzwischen gesprochen haben . . . Sie werden jemand lieben-— Helene: Ich danke für .Ihre freundliche Teilnahme. Sie haben recht; das heißt: es könnte der Fall eintreten, daß Sie recht haben. Ich aber wollte in diesem Falle jedwedes Gefühl aus meinem Herzen reißen, das etwa im Gegensatz stünde zu jenem großen Gefühl. Und — ich habe es auch bereits bewiesen, daß ich stärker bin als jede Versuchung. Ein junger Mann gefiel mir. Ich hätte ihn vielleicht auch lieben können. Ich werde ihn niemals Wiedersehen. (Fortsetzung folgt.) ->#<- Literarische Mitteilungen. Leimdörser, D., Tr., Rabbiner und Prediger zu Hamburg. »Mein erster Lehrer." Aus dem Buche meines Gedächtnisses. Wien 1909. Derselbe. „Aus meinem Iugendleben." Frankfurt a. M. 1910. Zwei Sonderabdrücke aus Dr. Blochs „Oesterreichische Wochenschrift", die das Jugendleben und den Werdegang des bekannten Hamburger Predigers schildern. Von den vier großen Rabbinern und Lehrern seiner Jugend will der Verfasser kurz erzählen, und gibt dabei ein Bild von dem Chederleben und von jenen weltfremden Gelehrten, die in ewigem Talmudstudium und grenzenloser Dürftigkeit ihr gottessürchtiges Dasein führen. Mit wenigen Strichen zeichnet uns Dr Leimdörfer die Züge jener Menschen und ihre ganze Umgebung, die uns aus Komperts und Franzos' Dichtungen nicht mehr so fremd sind. 8. L. J. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.