Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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179 etwas, sondern, was denke ich, und ich kenne Dich und'billige all Dein Tun", das waren seine Worte. den 26. April 49. ... Soeben (gegen 1 Uhr) verläßt mich mein Schwiegervater, und ich fühle meine Seele wie gebadet im Quell echter Menschenhoheit. Nachdem wir manches Geschäftliche absolviert, umarmte mich mein Schwiegervater und sagte: „Wir bleiben die Alten für alle Zeiten, wir sind beide keine gewöhnlichen Menschen, wir behalten einander, und laß Dich nichts anfechten". — Ich muß Dir sagen, daß alles andere mich gar nichts angeht und ich nur eine Beklemmung suhlte, weil ich fürchtete, einen Teil hon diesem hohen, unübertrefflichen Menschen von mir entfernt zu sehen. Ich schreibe Dir morgen wieder.-— Breslau, den —. Mai. .. . Endlich traf ich Geigers, und diesen Guten konnte ich von meinem frischen Heilsleben erzählen. Auch mein Schwiegervater ist stets der gleiche. Er ist Stadtverordneter, und als er dieser Tage in der Sitzung war, sagte ihm sein Nachbar, ein gebildeter Apotheker, daß der Auerbach so bald wieder heiratet, ist der beste Beweis, daß er glücklich war. Diese freie, reine Anschauung erzählte mir mein Schwiegervater mit großer Freude wieder. Der erneuerte Herzkrampf, an dem das Vaterland jetzt leidet, gibt auch mir sein Teil von Schmerz ab, und wenn ich dann mitten drin mein Persönlich Glück erschaue, sage ich mir: es ist meine Ausgabe weit mehr für das Vaterland zu leben und zu wirken als in der Schlacht momentan dafür zu sterben. Die große Haltung meiner Landsleute hat mich natürlich sehr erquickt. Schwaben ist eigentlich unsere Heimat. Dort werden wir festwurzeln) wenn der Boden des Vaterlandes aus'dem Zittern erlöst ist.- Breslau, den 7. Mai, nachts V2I2 Uhr. ... Als ich heut" abend Deinen Brief, meine Nina, samt dem Adolphs empfing, da war mir's doch wie ein Ton aus himmlischer Friedenswelt, denn schon knallten in den Straßen einzelne Schüsse aus den Häusern und von den Barrikaden, mein ganzes Wesen stand in fieberischer Erregung. Jetzt da. ich nach langem gepreßten Hinaushorchen immer noch Signale, vereinzelte Schüsse und Pelotonfeuer vernehme, jetzt will ich mich, soviel es geht, in Ruhe sammeln, meine müdegehetzten Gedanken zur Ruhe legen an Dein Herz. Ich gedenke recht innig Dein, so in stillem Gebet, wie ein Frommer zur gnadenreichen Jungfrau gewendet, und mir fließt es wie lindernder Balsam in die wunde Seele. Ich bin an solch gräßliche Auftritte fast schon gewöhnt durch meinen Wiener Aufenthalts) aber ich kann Dir noch nicht sagen, wie mir das Erneute den ganzen Grund meines Denkens und Fühlens aufrüttelt und ich mir vorkomme wie mitten im Chaos, so wüst und wirr wird die Welt in solchen Momenten. Und doch hat es auch wieder Erhebendes, daß die Menschen alles darart setzen für das, was sie wollen. Wenn sie's nur wirklich auch klar wollten. Da steigen so die Gedanken übereinander weg, und man weiß kaum mehr, daß man ist. Da knallen wieder Schüsse, sie gehen in die' Herzen meiner Mitmenschen, mögen sie nun Soldatenröcke oder Blusen anhaben. Man ist wie taumelnd, wie selbst getroffen. Ich sollte eigentlich jetzt nicht schreiben, aber ich kann nicht zur Ruhe kommen, und mitten in allem fühle ich wieder, daß ich lebe, schön und innig leben werde, da ich Dein bin. Gestern war eine Volksversammlung, ich war als Zuhörer anwesend, sprach aber nicht, denn ich h Auerbachs „Tagebuch aus Wien", „Von Latour bis Windischgratz" wurde gedruckt 1848. S. m. Viogr. S. 215. kann nicht zur Tat auffordern, die ich nicht mittun will, H und den Erfolg äbsehe. Ich kann meine Hand rein aushehew ich bin nicht mit schuld an diesem unnützen Blutvergießen. B Schon unter den Zuhörern bemerkte ich.zu meinem-besonderen Kummer eine gräßliche Erregung, mich schauderte als ich schlicht aussehende Menschen höhnend über fernere Anwendung ' '! „moralischer Mittel" spotten hörte. O Du mein deutsches Volk! Wer führt Dich an den Abgrund der Selbstverlorenheit. . w« Wehe. denen, die das verschulden. Es gibt wohl Zeiten, in ' denen die bloße Urnatur kämpft, und es muß, aber sei es Weichherzigkeit, ich kann nicht spielen mit Menschendasein- Schon gestern abend kam es zu einzelnen Reibereien und Ver- ■■■/■£ wundungen, und jetzt bald sechs - Stunden lodert an vielen / - Punkten der Stadt der Helle Kampf! Der Vlücherplatz, wo ich wohne, und mich teils zu Hause, teils bei meinem Kinde hielt, - blieb verschont, aber das knatterte und praffelte stets hier und dort und dieses ängstliche Fragen und Lauschen und die oft -5 erschütternden Anblicke. Ach meine Nina, ich muß zu Dir ) reden, ich muß Dir alles sagen, ich fühle mich wie geborgen im Andenken an Dich, wie ist doch die große Welt aus den Fugen und immer Mord, daß die Menschen einander ein Vaterland gönnen. Wie klein und nichtig erscheint alles Tun, alles Wirken für den Geist, wenn ewig die Menschen wieder ' ) zur Gewalt greifen und greifen müssen. Ich kann mit allem was in dieser Stunde das Herz bestürmt, nicht zu Wort kommen. Ich möchte fast sagen, verzeih', daß ich Dich mit diesen Zeilen ' ' quäle, aber Du stehst mir ja stets zur Seite und nimmst auch Verworrenes und legst es zurecht. Ich will Dir morgen . ' geordneter noch einige Zeilen zufügen. Gute Nacht, meine Liebe, mir wars in diesem Momente, als gäbe ich Dir wirklich einen Kuß und sollte das doch nicht sein in solch schweren erschütternden Momenten, wo die tiefste Klage um die Menschheit in der Seele tönt. Nun, gute Nacht, gute Nacht, meine liebe Nina. Mir ist der Kopf so schwer, ich muß mich nieder- legen, trotzdem noch einzelne Schüsse im herniederrauschenden Regen knallen, ich will es versuchen, daß ich ruhen kann. Ich kann nicht helfen, einsames Denken hilft da nicht. Gute Nacht. --Or- Dss Teltsment. Ein Schauspiel aus dem modernen Nutzland, in drei Auszügen. i Von Emanuel Ka lisch.. Vierter Auftritt. Die Vorigen, Helene. (Helene kommt zur Türe rechts herein; schlanke, jugendliche, vor- ■ .-4 nehme Gestalt in Straßenkleidung; auf ihrem Arm einen eleganten Ueberwurs. Sie sieht etwas müde aus. Ihre Sprechweise ist ruhig, ■ beinahe reserviert. Sie wird bloß lebhafter, wenn die Leidenschaft in ihr aufflammt. Ihre melancholischen Züge verraten einigermaßen unterdrückten Schmerz). Helene: Ach, guten Tag, Herr Doktor! Grüß' Gott, liebe Tante! \ Dr. Masirewitsch: Guten Tag, Helene! (Händereichen, * Frau Dörmanu küßt Helene.) Helene: Mein liebenswürdiger Vormund ist auch so gütig, mich einmal zu beehren? Dr. Masirewitsch: Vorwurf? Helene: Behüte Gott! Dr. Masirewitsch: Weil ich den nicht anerkennen würde. Glauben Sie mir's, Helene, der beste Vormund ist immer derjenige, der sich als solcher nicht fühlbar macht. Ich überreiche, alljährlich meine. Rechnungslegung dem Waisenstuhl