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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-04-15 · Heft 15 (15.4.1910) · p. Seite 174

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 15 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
Seite 174 (sequence 6)
Language
German
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Menschen ändern, Sprache und Volkszugehörigkeit. wechseln, ihre deutschen Schulen sperren, ihre politische '-Ueberzeugung verleugnen sollten.. Es ist nur selbstverständlich, daß sich die Juden gegen eine Zumutung sträubten, die von ihnen eine Selbstentäußerung ohne Gleichen forderte. So waren sie es vor allem, die, Don Deutschen und Tschechen begehrt und umstritten, das Höchstmaß des nationalen Hasses auf sich luden. Jahrzehntelang wehrten sie sich im rein tschechischen Sprachgebiete gegen die Slawisierung, ein Halbjahrhundert fast widerstanden sie in den v gemischten Bezirken diesem Schicksal. Nur wer die verheerenden Wirkungen des nationalen Boykotts auf wirtschaftlichem Gebiete kennt, vermag zu ermessen, welcher Heldenmut in den kleinen Städten zu solchem Widerstande gehörte und welchen Dank die Deutschen in Oesterreich ihren jüdischen Mitkämpfern schulden: Nun denn, dieser Dank ist abgestattet worden durch Entfachung der nichtswürdigsten antisemitischen Hetze unter der deutschen Bevölkerung der Sudetenländer! Während die Juden noch im heißesten Feuer gegen die Tschechen standen und ihre aufopfernde Hingabe allein die Erhaltung der deutschen Positionen in Prag, Pilsen und Budweis, in Brünn- Olmütz, Jglau und anderen mährischen Städten bewirkte, fielen ihnen die Deutschnationalen mit wilden Hep-Hep-Rufen in den Rücken und rückten selbst die Deutschfortschrittlichen demonstrativ von ihnen ab. Verlassen von denen, für die sie mit dem Einsätze ihrer Existenz den Kampf ausgenommen, blieb ihnen keine andere Wahl, als sich der harten Notwendigkeit zu fügen. Im geschlossenen tschechischen Gebiete vollzog sich der Stawisierungsprozeß naturgemäß am raschesten. Dort wurde die zweite Generation schon tschechisch, während in den gemischtsprachigen Städten die Umwandlung viel langsamer vor sich ging und heute noch die Juden den Großteil der deutschen Minoritäten bilden. Diese Hartnäckigkeit in der Erhaltung der deutschen Nationalität erzeugte nun einen tschechischen Antisemitismus 8m generis. Die Tschechen wußten wohl, wie hoch die Bundesgenossenschaft der Juden einzuschätzen sei, und sie versuchten mit allen Mitteln freundlicher Ueberredung und sanfter Gewalt, sie zu sich herüberzuziehen. Aber die Umschmelzung ging ihnen zu langsam, und um dieselbe zu beschleunigen, griffen sie zu brutalem Terrorismus. Man organisierte Judenhetzen in Prag und allen größeren Städten, man versetzte den Nationalhaß mit wirtschaftlichen Schlagworten «nb atavistischen Anschauungen von der Christenfeindlichkeit der Juden, auch hier wie in der deutsch-antisemitischen Bewegung setzte sich zuletzt der Klerikalismus an das Feuer, um daran seinen separaten Judenbraten zu rösten. Aus diesem verworrenen Milieu von nationaler Erbitterung, ererbtem Judenhasse, bäuerlicher Unwissenheit und jesuitischer Wühlerei entsprang der Polnaer Ritualmordprozeß, der vor zehn Jahren die ganze Welt erregte und den bisher blanken Ehrenschild der jungen tschechischen Kultur mit unauslöschlicher Schmach besteckte. Die Atmosphäre, welcher dieser auch für die österreichische Justiz nichts weniger als ehrenvolle Prozeß entsprang, hat der Berliner Rechtsanwalt Dr. Arthur Nußbaum in seinem von Franz v. Liszt empfohlenen Buche ganz meisterhaft geschildert. Gegenwärtig weist die Lage der Juden in den Sudetenländern eine leise Besserung auf. Im geschloffenen deutschen Sprachgebiete haben viele unserer Glaubensbrüder die antisemitische Gesinnung der sogenannten Deutsch-Freiheitlichen damit quittiert, daß sie sich teils ganz aus ihren Erwerb und ihre Familien zurückzogen, teils den jüdisch-nationalen Standpunkt betonten und so den Deutschen jegliche Unterstützung in ihrem Kampfe gegen die Tschechen entzogen. In den rein tschechischen und gemischtsprachigen Landesteilen geht die Slawisierung der Juden unaufhaltsam weiter, und in demselben Maße vermindert sich die offene und gewalttätige Feindseligkeit der Tschechen gegen sie. In Mähren hat die Einführung des nationalen Katasters, durch welche der Besitzstand der beiden Nationalitäten fest und unverrückbar abgegrenzt wurde, eine Milderung der nationalen Gegensätze bewirkt, von welcher auch die Juden profitieren. Aber in den kleineren Orten leiden sie noch immer schwer unter dem nationalen Boykott, so daß sie mehr und mehr in die großen Städte gedrängt werden, wo ihre Anhäufung naturgemäß eine Verschlechterung der Erwerbsverhältnisse bedingt. Gleichfalls auf teilweise nationale Ursachen, allerdings vorwiegend solche national-ökonomischer Natur, ist der Antisemitismus in Galizien zurückzuführen. Die soziale Schichtung des Landes spielt hierbei eine wichtige Nolle. Von Kasimir dem' Großen war den nach Polen geflüchteten rheinischen Juden die Aufgabe zugewiesen n orden, die Lücke zwischen Schlachta und Bauern auszufüllen und durch rege Handelstätigkeit das Land zu befruchten. Es ist überflüssig zu sagen, daß sie dieser Aufgabe in vollem Maße gerecht wurden. Es war nicht ihre Schuld, wenn Polen mit der wirtschaftlichen Entwicklung der mittel- und westeuropäischen Länder nicht gleichen Schritt hielt und schließlich auch politisch zerfiel. Es blieb ein rein agrikoles Land, während im Westen die mächtig einsetzende gewerbliche und industrielle Tätigkeit einen grandiosen Kulturfortschritt bewirkte. Hoch- und Kleinadel verharrten in träger Genußsucht, der Bauer zerstückelte durch endlose Erbteilung seinen Grund und Boden zu ertraglosen Zwergwirtschaften, und die Juden waren nach wie vor auf das Geldverleihen, den Viehhandel, den kleinen Produktenhandel, den Schnapsausschank, den Salzhandel, den Tabakverschleiß, die Pachtung der Mauten, auf den Fuhrwerksbetrieb und ähnliche Geschäfte beschränkt: Dieser primitive ökonomische Zustand machte sich mit dem fortschreitenden natürlichen Wachstum der Bevölkerung immer fühlbarer, so zwar, daß endlich die Erträgnisse der Landwirtschaft nicht mehr ausreichten, diese Bevölkerung zu ernähren. Die Verschuldung des adligen Gutsbesitzer und des bäuerlichen Grundes wuchs ins Ungemessene und ein beträchtlicher Teil des Grundbesitzes ging allmählig in die Hände jüdischer Hypothekengläubiger über. Als in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Galizien eine weitgehende Autonomie erhielt, wurde der Adel einer weiteren, ziemlich reichlichen Einnahmsquelle verlustig. Er verkaufte seine Propinationsrechte um mehr als 100 Millionen Kronen an das Land. Die Kaufsumme war rasch verjubelt und der Ausfall der Pachtzinsen für die Schänken, die man ganz nach Willkür gesteigert hatte wurde nun um so härter empfunden. Der richtigste Ausweg aus dieser traurigen ökonomischen Lage wäre nun eine großzügige Politik zur Industrialisierung des an Naturschätzen so reichen Landes gewesen. Aber so weit dachten die Herren nicht. Sie fürchteten, daß durch die Anlage von Fabriken und die Heranbildung industrieller Arbeiter die unglaublich niedrigen landwirtschaftlichen Löhne hinausschnellen würden, und es wurde deshalb jeder Versuch einer Jndustriegründung systematisch verhindert. Dagegen verfiel man auf die ingeniöse Idee, die jüdischen Händler, Schank- und Mautpächter für alles Unheil verantwortlich zu machen, und glaubte diesem Unheil am leichtesten zu steuern, wenn man den Erwerb der Juden an sich zog. Der Jesuitenpater Graf Badeni gab zuerst das Schlagwort des „Asemitismus", d. h. der Ausschaltung der Juden von aller Erwerbstätigkeit aus. Dieser „Afemitismus" unterschied sich in nichts von dem ehrlichen Anti'

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