Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
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178 i» y*. - r n^ *"1 K geschichte dieses bald 70 jährigen aber ungemein rührigen Mannes kennen zu lernen. Luzzatti ist zu Venedig im Jahre 1841 einer jüdischen Familie entsprossen. Er studierte Jura und ließ sich im Jahre 1867 als Rechtslehrer an der Universität von Padua nieder. Als Regierungskommissar ging er zur Weltausstellung nach Paris, wo er sich auszeichnete. Im Jahre 1869 wurde er unter Minghetti Generalsekretär im Ministerium für Landwirtschaft und Handel. Luzzatti ist außerordentlich belesen und in allen Sätteln gerecht. Als Schriftsteller wird er leicht monoton, und auch als Redner tritt er nur aus sich heraus, wenn er angegriffen wird, wenn er also nicht vorbereitet ist. Eine kundige Feder hat den trefflichen Mann vor einigen Jahren also geschildert: „Luzzatti besitzt alle Eigenschaften zu einem ausgezeichneten Redner, denn er versteht es, die Versammlungen zu beherrschen, mit den Gelehrten in ihren Begriffen, mit der Menge in ihrer Form zu reden. In jedem Thema der Wissenschaft, der Finanz, der Verwaltung ist er Meister. Seine Reden entbehren leicht der Vorbereitung, im Gegenteil, seine erzwungenen Erwiderungen, jene, die einer spontanen Empfindung gehorchen, sind stärker, schärfer, blendender. Sein Leben ist äußerst bescheiden, keusch, im strengsten Sinne monogam. Er hat einen ergrauenden Schnurrbart, der spitz zuläust wie ein chinesischer Schuh. Nie sah ich ihn neue Kleider tragen." Schon vor seinem 30. Lebensjahr war Luzzatti zweimal in die Kammer gewählt worden, eine Wahl, die annulliert werden mußte, weil es ihnr am vorschriftslnäßigen Lebensalter fehlte. Seither ist Luzzatti immer in der Kammer gewesen, unter Depretis sing sein Einfluß zu wachsen an, und er begann seine Laufbahn als Autorität in allen ökonomischen Fragen. Von seinen Schriften verdienen besonders hervorgehoben zu werden die Essays über: Lo Stato e la Chiesa nel Belgio und La embriologia e la evoluzione delle coslituzioni politiche . . Unter dem Ministerium Sonnino, das zum zweitenmal 100 Tage am Ruder war, erhielt Luzzatti wunderbarerweise nicht das finanzielle Ministerium, sondern er, der sich immer mehr zum sozialen Apostel ausbildetet, begnügte sich vorläufig mit dem Uebergangsposten des Ministeriums für Handel und Ackerbau. Nun, da die Wirren, wie zu erwarten war, von neuem eintraten, unterzieht, sich Luzzatti der schwierigen Aufgabe, alle Parteien zur Mitarbeit heranzuziehen. Die Ideen des onorevole Luzzatti über die Macht, die Berechtigung, die Notwendigkeit der Religion im Staat sind bekannt. Man kennt aber auch seine Abneigung gegen jede Intoleranz. Eine jakobinische, der Kirche und den Katholiken feindliche Politik hat er niemals gutgeheißen, die äußerste Linke also kann dergleichen nicht von dem Mann verlangen, der eine verantwortungsreiche Aufgabe zum Heil des Vaterlandes durchzuführen hat. Die freie Kirche unter der Souveränetät des Staates, das ist's, was Luzzatti anstrebt. Margarete Marasse. Ministerpräsident £. Luzzatti. Die Iudenkrage in Oesterreich? Von Siegfried Fleischer. III. In den Sudetenländern. — Das galizisch-jüdische Problem. einer wesentlich anderen Grundlage als in der Reichs- Hauptstadt entwickelte sich der Antisemitismus in Böhmen und Mähren. Die nationale Struktur dieser beiden gemischtsprachigen Länder ist nicht ganz die gleiche. . Während in Böhmen Tschechen und Deutsche in großen geschlossenen Sprachgebieten beisammenwohnen und sich nur in der Landeshauptstadt Prag und einigen wenigen Bezirken miteinander vermengen, sind in Mähren beide Nationalitäten so durcheinander beschoben, daß im Umkreise von wenigen Kilometern sich neben Städten und Ortschaften mit deutscher Mehrheit, solche mit tschechischer Mehrheit finden. Die Juden in beiden Kronländern waren von altersher Träger der deutschen Kultur und der deutschen Sprache. Das erklärt sich sehr einfach aus der Tatsache, daß sie als Handelsleute auf ein Idiom angewiesen waren, dessen Geltung über den lokalen Kreis der Stadt oder des Bezirkes und über die Schichten der Kleinhandwerker und Bauern, welche bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts das Gros der slawischen Bevölkerung bildeten, hinausreichte. In dem Augenblicke aber, wo durch die verfassungsmäßige Gleichstellung der Nationalitäten zwischen Deutschen und Tschechen ein erbitterter Kampf nicht um die Gleichberechtigung, wie diesefiktive Terminologie lautet, sondern um die Vorherrschaft begann und die Tschechen unter so hervorragenden geistigen Führern wie Jungmann, Sladkowski, P alack y und Ri eg er sich zu einem bedeutenden Kulturvolle emporrangen, wurden im rein tschechischen Sprachgebiete und mehr noch in den gemischten-Bezirken auch die Juden in diesen Streit hineingezogen. Ein Jahrhundert lang hatten sie in ihren Kultusgemeinden durch Erhaltung eigener deutscher Volksschulen dafür gesorgt, daß ihre Kinder der deutschen Weltsprache mächtig, mit den deutschen Geistesschützen vertraut wurden und nicht an die dürftige Heimatsscholle gebannt blieben. In Mähren hatten sie überdies in 27 Städten durch Kaiser Joses 1l. das Recht erlangt, autonome politische Jsraelitengemeinden Zu bilden, die von den Christengemeinden territorial abgegrenzt waren und heute noch bestehen. Es lag im Zuge ihrer geschichtlichen Entwicklung und in der Natur ihrer Berussstellung, daß die böhmischen und mährischen Juden die festesten und verläßlichsten Stützen jener deutsch-liberalen Partei waren, der sie die Befreiung von allen mittelalterlichen Beschränkungen und Demütigungen verdankten. Nun verlangte man plötzlich von ihnen, daß sie ihren ganzen inneren und äußeren h Siehe Judentums". Nummer 1 und 10 der „Allgemeinen Zeitung des