Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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—- 172 —— f^S^r^Wf^'**'- ^J*V*^^!S>?S!^Wf^ ^fsS^ £8«, geübte System der wirtschaftlichen Aushungerung der ein-' geborenen Juden um eine neue überaus harte Maßregel vermehrt, und Tausende von Leuten, die bis heute in ehrlicher und nützlicher Arbeit ihr Brot verdienen konnten, werden der Verelendung preisgegeben. £ Aus einem interessanten Artikel der „Kölnischen Zeitung" „Hamadam, die Stadt der Gärten", ein Persisches Städte- und Landschastsbild, seien zwei Stellen mitgeteilt; die eine spricht über den Handel der Juden und lautet so: Dieselbe Rolle, die für den Verkehr mit dem mächtigen nördlichen Nachbar die Armenier spielen, nehmen für den Handel mit Bagdad die Hamadaner Juden ein. Man zählt hier 2000 jüdische Häuser, die bei der großen Fruchtbarkeit der Ehen der orientalischen Juden und infolge des Zusammenwohnens der jüngeren verheirateten Söhne mit den Eltern eine Zahl von 12- bis 15 000 Seelen bergen dürften. Benjamin von Tudela schreibt gelegentlich seiner Anwesenheit in Hamadan im Jahre 1160 der dortigen jüdischen Kolonie 50 000 Seelen zu. Duprä findet 1808 200 jüdische Familien, Ker Porter 1818 deren 600. Außer den schon genannten Erzeugnissen, die durch armenische Vermittlung nach Rußland gehen, exportieren die Hamadaner Juden nach der asiatischen Türkei Opium, Därme, Wolle, Schweselarsenik, das vier Tagereisen entfernt auf dem Wege nach Ssendjan gewonnen wird, sowie den etwas bittern Tabak der Hamadaner Felder, der in Bagdad meist als Ernte aus Schiras zum Verkauf gelangt, oder doch mit diesem gemischt wird. Wenn die Hamadaner Juden nach der asiatischen Türkei, vor allem nach Bagdad hin tätig sind, so geschieht dies, weil dort gleichfalls starke jüdische Kolonien sitzen, mit deren Angehörigen sie in regen geschäftlichen Beziehungen stehen. Die andere Stelle spricht von den Bildungsanstalten der Alli£mc6 IsraSlite Universelle, wünscht in diesen Schulen ein stärkeres Betonen des deutschen Elementes und gibt jolgende, sehr interessante Schilderung eines merkwürdigen Heiligtums: Auf einem kleinen Hügel erhebt sich das Heiligtum der Hamadaner Juden, in dem nach ihrer Ueberlieferung die Reste von Esther und ihres Oheims und Beschützers Mardochai ruhen. Das Buch Esther, das die Schönheit und die Schicksale der jüdischen Gemahlin eines Perserkönigs erzählt, weiß freilich nichts von Ekbatana als Schauplatz der geschilderten Begebnisse, sondern gibt Susa als den Ort des Schlosses des Ahasweros (wahrscheinlich Artaxerxes, dem auch arabische Chronisten eine jüdische Gemahlin zuschreiben), in dem die Esther das Gefallen des Königs findet und nach dem Mahle in ihren Gemächern vom Herrscher den Widerruf des Ediktes zur Niedermetzlung ihrer Stammesangehörigen und den Tod des Judenfeindes Haman erreicht. Es ist ein roher Backfteinbau mit einer Kuppel in Gestalt eines runden Kegels, dem die innige Verehrung der Hamadaner Juden gilt. Schon die Bauform zeigt, daß es sich um ein Gebäude handelt, das nicht mehr als 200 Jahre alt ist. Eine Inschrift eines eingemauerten Marmorblocks besagt, daß zwei fromme Juden aus Kaschan im Jahre 4474 der Schöpfung, das ist 1713 n. Ehr. das Mausoleum über dem Grabe von Esther und Mardochai auf ihre Kosten wieder Herstellen ließen. Es scheint also, daß schon seit geraumer Zeit hier eine verehrungswürdige Stätte der Juden lag, die schon seit den Zeiten der babylonischen Gefangenschaft in der Residenz der Mederkönige sich zahlreich angesiedelt haben werden. Beschädigte Ziegel und abgeblätterte Stuckverkleidung geben dem Gebäude weniger ein altertümliches als ein dürftiges Aussehen. Ein Jude von untersetzter Gestalt, bekleidet mit einem braunroten, ärmellosen, weiten und langen Mantel, ist der Pförtner des Grabtempels. Wie alle Juden, denen ich in Hamadan begegnete, zeigt auch er ein langovales Gesicht mit hoher Stirne, wenig buschigen Augenbrauen und gerader Nase, ein Typus, der weder mit dem galizischen noch dem der spaniolischen Juden etwas gemein hat. Inmitten eines Spitzbogens der Eingangswand steht eine niedere, aus einem Quaderstein gemauerte Tür, die sich auf ihrem eigenen steinernen Zapfen dreht. Gähnende Dunkelheit umgab uns, als wir in den schmalen eckigen Vorraum gekrochen waren, hinter dem zur rechten eine kleine Kapelle und zur Linken die berühmte Grabkammer steht. Ein abermaliges tiefes Bücken ermöglichte uns, in diese einzudringen. Eine Anzahl Oellämpchen, die in eisernen Ringen an den Wänden hängen, halten den Raum in einem unbestimmten Zwielicht, aus dem in schwarzen Umrissen die beiden, Seite an Seite stehenden, mit Ebenholzschnitzereien gezierten hohen Holzsarkophage und an den Wänden große aufgemalte hebräische Lettern treten. Diese geben allerlei Legenden wieder, die sich an die Namen Esther und Mardochai und an die Wunderkrast des Tabernakels knüpfen, die sich vorzugsweise an unfruchtbaren Frauen erfüllen soll. Die Totenlade, von deren Tafelwerk einzelne kleine Stücke abgebrochen oder abgesägt waren, wohl um als Reliquien von den frommen Besuchern mitgeführt zu werden, sind mit Ornamenten und zahlreichen Inschriften bedeckt. Letztere zeigten namentlich die Namen von Pilgern, die von fern her zu diesem Heiligtum wanderten. Als Heimatsorte dieser Pilger waren, wie mich mein Begleiter belehrte, manche Städte Süd- und Zentralrußlands, wie Mesopotamiens und Syriens bezeichnet. Aus einem runden männerkopfgroßen Loch, das sich zwischen den beiden Sarkophagen im Fußboden befand, drang rötlicher Lichtschein. Da unten wölbt sich eine unterirdische Gruft und in dieser, nicht in den Holzsärgen sollen die Gebeine von Esther und Mardochai ruhen, damit sie vor Entehrung bewahrt bleiben. Aber sich von ihrem Vorhandensein zu überzeugen, ist dem Besucher verwehrt. Luigi Lu??stti. s ist ein weit verbreiteter Irrtum, daß sich die Juden in . Italien, die einzige Religionssekte des antiken Rom, die sich durch den Sturm der Jahrhunderte unverändert erhalten hat, äußerlich in nichts von den gleichfalls dunkeläugigen und brünetten Italienern unterscheiden. Das orientalische Blut bleibt auch dort unten im Süden im allgemeinen unverkennbar. Es war nicht nur der Zwang, dem sich ein heldenmütig leidendes Volk in seinen mittelalterlichen Kämpfen ergab, wenn es sich von den anderen Kulturen ringsherum hartnäckig abschloß. Auch eigene Wahl führte zu einträchtigem Leben untereinander, zu einer Absonderung vom Nachbarn, dem nicht recht zu trauen war, und dem man sich auch zuweilen überlegen fühlte. Längst gibt es in Rom, in Venedig, in allen Städten ein Ghetto nur dem Namen nach, aber noch hängt das arme Judenvolk wie an den Gebräuchen der Väter, so auch an den Wohnstätten in engen, häufig in Schmutz starrenden Stadtteilen. Die Sprache —. auf den alten Begräbnisplätzen durch ganz Italien sind die Inschriften vorwiegend griechisch — hat denn auch bei diesem armseligen Teil der jüdischen Bevölkerung, dies darf nicht geleugnet werden, etwas Jargonartiges behalten. Auch die Namen sind häufig kennzeichnend, die Familien nennen sich nach italienischen Städten, Volterra, Fano, Sinigaglia, Pontecorvo, Gonzaga und andere habe ich auf neueren Grabsteinen gelesen. Diese kleinen Unterscheidungsmerkmale bei jener Kaste, die sich selbst absperrt, zugegeben, läßt sich erfreulicherweise konstatieren, daß der wirtschaftlichen Selbständigkeit der Juden auf italienischem Boden nichts entgegensteht. Der Verfolgungsgeift geht nicht um in dem Staat, dessen Industrie so sichtlich im Aufblühen begriffen ist. „Jedes Land hat die Juden, die es verdient," hat Karl Emil Franzos in seinen Bildern ans Halbasien einmal gesagt. Nun, Nom besitzt seit kurzem einen jüdischen Bürgermeister, es rühmt sich eines Finanzgenies wie Luigi Luzzatti, den der König bei der gegenwärtigen Krisis mit der Bildung eines neuen Kabinetts betraut hat. Es dürfte nicht ohne Interesse sein, in großen Zügen die Lebens-