Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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f Stelle aus Fanny Lewalds Selbstbiographie den Juden jener Zeit der Vorwurf gemacht, daß sie in den Befreiungskriegen keinen patriotischen Geist gezeigt haben. Das fromme Blatt erlaubt sich dabei freilich eine kleine Fälschung. Die Stelle nämlich, die es anführt, bezieht sich,, gar nicht auf die Zeit von 1813, sondern auf die Zeit der französischen Invasion. Wäre der Artikelschreiber so geschichtskundig, wie er übelwollend ist, so müßte er sich sagen, daß in der Epoche vor 1812, in der die Juden in Preußen keine Rechte hatten, sondern unter schweren Lasten, ja unter Gesetzlosigkeit seufzten, sie im Hinblick auf Frankreich, das die Juden zu vollberechtigten Bürgern erklärt hatte, ein Gefühl der Bewunderung hegen und äußern mußten. Es ist geradezu wunderbar, das müßte der Schreiber jenes Artikels erkennen, wenn er überhaupt die Wahrheit sehen wollte, wie trotz alledem die deutschen und besonders die preußischen Juden keine Ueberläufer und Vaterlandsverräter wurden, sondern wie sie an Deutschland hingen, obgleich es sie nicht anerkannte, ja sie mit schwerer Ungerechtigkeit bedrückte. $ Mit wahrhaftem Triumphe nimmt das genannte Blatt und ebenso alle übrigen antisemitischen Blätter Notiz von einem Artikel des Gewerberats Dr. Ernstv. Schwarz über das jüdische Schächten, der in den „Süddeutschen Monatsheften" erschienen ist. Es lohnt sich allerdings wohl kaum auf solche Angriffe, in denen das Schächten als „barbarischer und verrohender Schlachtvorgang" bezeichnet wird, noch einmal einzugehen, nachdem durch Hunderte von christlichen Autoritäten das jüdische Schächten als das wenigst grausame, immer und immer wieder erwiesen worden ist. Es wird gegenüber diesen Anzapfungen gewiß eine Antwort von autoritativer Seite erteilt werden, diese wollen wir abwarten und sind gewiß, daß es ihr gelingt, den erwähnten Angriff in seiner ganzen Nichtigkeit zu erweisen. > * Die Beschlüsse der Rabbinerkonferenz in Rußland sind bereits erwähnt, hier mag nur nachgetragen werden, daß eine Abordnung der Konferenz bei dem Ministerpräsidenten Stolypin erschien und daß dieser es nicht einmal für nötig hielt, die üblichen höflichen Phrasen zu gebrauchen, sondern sich in heftigen Angriffen gegen die Juden und ihre Beteiligung an der Revolution erging. Auf die Erwiderung des Führers der Deputation, Baron Günzburg, „außer den Juden haben sich doch auch andere Völker an der Revolution beteiligt. Juden gibt es ja nur 6 Millionen. Um zu den Juden zu sagen: seid gut, ist es nötig, daß man ihnen verspricht, daß ihre Lage dann verbessert werden soll", antwortete der Minister „Ich übernehme überhaupt keine Verpflichtung, Wechsel habe ich nie ausgestellt." Man sieht aus derartigen derben Erklärungen, wie . wenig die russischen Staatsleiter daran denken, die Lage der Juden zu verbessern, und begreift nur eigentlich nicht, aus welchem Grunde die Konferenz es für nötig fand, den Minister, dessen Gesinnungen man doch wohl kannte, zu begrüßen. Wie wenig große Parteien in Rußland geneigt sind, für die Juden einzutreten, welche ungeheuerlichen Maßregeln vielmehr gegen sie geplant werden, lehrt folgender Bericht des „Berliner Tageblattes": Auf dem hier tagenden sechsten Adelskongreß ist der russische Adel aufgesordert worden, einen neuen grandiosen Judenpogrom zu veranstalten, Der Berichterstatter in der Judenfrage, Pantschiludsew, —u__ ' schlug vor, zum Schutze des russischen Staatewesens sollen die Juden von der Wehrpflicht ausgeschlossen und ihnen auch der Eintritt als Freiwillige ins Heer verboten werden; man solle ihnen ferner den Besuch sämtlicher Hochschulen untersagen, Juden, auch getaufte, von den Semstwoversammlungen ausschließen, sie aus den Stadtämtern und dem kommunalgerichtlichen Dienst entfernen, nie als Geschworene verwenden, ihnen die Advokatur verschließen usw. Alle diese vorsintflutlichen Vorschläge wurden mit der größten Begeisterung auf genommen. * Auch in Rumänien plant man bedrückende gesetzliche Bestimmungen. Durch ein neues Jndustriegesetz will man die Industrie des Landes heben, zu diesem Zwecke die zollfreie Einfuhr der notwendigen Maschinen und Maschinenbestandteile gestatten, dagegen die der Rohmaterialien ausheben, und nicht wie bisher die Großsondern auch die Klein-Industrie fördern. . Gleichzeitig verfolgt das neue Gesetz, wie die „Vossische Zeitung" erfährt, den Zweck, die Fremden, und ganz besonders die eingeborenen Juden, so gründlich wie nur möglich aus der Betätigung im industriellen Leben des Landes hinauszudrängeu. Gleich im ersten Artikel wird nämlich festgesetzt, daß alle die Industrien in Rumänien, für die irgendein Schutzzoll besteht — und so ziemlich alle Industrien des Landes fallen in diese Kategorie — als staatlich gestützt betrachtet und den neuen Bestimmungen des Gesetzes unterworfen werden. Und im Anschluß daran wird angeordnet, daß in jeder Fabrik, die unter der Herrschaft - des neuen Gesetzes fünf Jahre, besteht, 75 v. H. des darin beschäftigten Personals aller Kategorien Rumänen sein müssen, und daß diese Rumänen 75 v. H. der Gesamtsumme der zur Auszahlung gelangenden Gehälter und Löhne zu bekommen haben. Die fortan bei den Jndustrieunternehmungen sich ergebenden freien Stellen müssen mit Rumänen beseht werden und überdies werden die Fabriken verpflichtet, alle rumänischen Lehrlinge, die das Ministerium ihnen zuzuschicken für gut findet, aufzunehmen und in die Lage zu versetzen) das Gewerbe zu erlernen. Der Fabrikant hat nicht die Möglichkeit, sich durch Verzicht aus die Begünstigungen des Gesetzes diesen Verpflichtungen zu entziehen, und die Regierung hat das Recht, im Uebertretungssalle mit Strafen gegen ihn vorzugehen und sogar auf Schadenersatz zu klagen. In ihrer praktischen Anwendung werden sich diese Bestimmungen zu einer schweren Kalamität für die Industrien Rumäniens gestalten. Für die industriellen Unternehmungen, die in ihrer überwiegenden Mehrheit mit fremdem, in erster Reihe mit deutschem Kapital arbeiten, ist es eine Lebensfrage, über ein fähiges, geschultes und diszipliniertes Personal ' zu verfügen. Nun soll das Personal, das sie im Laufe von vielen Jahren mit Mühen und Opfern herangezogen haben, ohne weiteres entfernt und durch Rumänen ersetzt werden, unter denen sich, wie die Dinge liegen, noch für sehr lange Zeit hinaus nicht die geeigneten Elemente, insbesondere nicht für den administrativen und technischen Dienst, finden werden. Was die eingeborenen Inden betrifftso haben sie sich unter dem Drucke der ihrer Erwerbstätigkeit auserlegten Beschränkungen in immer höherem Maße der Industrie zugewendet, wo sie als Angestellte aller Kategorien ein sehr brauchbares und nützliches Element sind. Diese Leute, die seit Generationen im Lande ansässig sind und alle Pflichten der rumänischen. Staatsbürger erfüllen müssen, werden durch .das neue Gesetz ganz und gar. den für die Fremden geltenden Bestimmungen unterstellt und buchstäblich auf die. Straße geworfen. In dieser. Weise wird das nun schon seit mehr als 30 Jahren