Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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m eine Ansicht, die ich hier ausspreche, sondern; die dev'Pro-? pheten, die uns Juden maßgebender sind als die. Leiter des Zionismus. , 'v Denn; liest man die. Propheten nüt Verständnis- und mit offenem Blick/ so springt ein Gedanke in die Äugend sie alle sind durchweg „Antizionisten." Ja, das gerade ist ihre Stärke, ihre Originalität, daß sie mit allen Mitteln, die ihnen zu Gebote stehen, auf die Loslösung der Religion vom Staate hinarbeiten. Ihnen ist die Religion alles, die Nation gar nichts. Darum galt ihr Kampf nicht allein dem Heidentum und der israelitisch-jüdischen Volksreligion, sondern hauptsächlich auch der Politik von König und Hof. Ihr religiöser Universalismus ist geradezu eine Absage an den Nationali smus. Und dank ihrer Predigt hat Israel als Volk den Zusammenbruch überdauert und hat sich als Religionsgemeinschaft bis auf den heutigen Tag erhalten in partikularistischer Hülle den prophetischen Universalismus bewahrend. Einige wenige Anführungen aus den Propheten mögen das noch verdeutlichen. Zunächst muß daran festgehalten werden: im Mittelpunkte aller Verkündigungen der Schrift steht die Verheißung Gottes an Abraham: Durch dich sollen gesegnet werden alle Völkerstämme auf Erden. — Hier haben wir das Leitmotiv in der jüdischen Geschichte, hier das Programm des jüdischen Volkes, hier ist ihm seine Marschroute vorgezeichnet. Ein Volk mit einer solchen Aufgabe ist prädestiniert zu einem Wandervolk, nicht aber zn einer seßhaften Nation. — Was wir in unserer mehrtausendjährigen Geschichte erlebt und erlitten und innerhalb der Menschheit segensreich gewirkt, hängt mit dieser Verheißung zusammen. Leicht haben es freilich die geistigen Führer Israels nicht gehabt, diese Berufsidee in die Herzen der breiten Masse des Volkes einzupflanzen. Israel in seiner Gesamtheit wollte ein Reich von dieser Welt bilden, es wollte in allen Stücken die Nachbarvölker kopieren. Erst als die prophetische Gerichtsverkündigung, die hauptsächlich dem Staatswesen galt, traurige Wahrheit geworden, erst dann kam Israel zur Ueberzeugung. daß seine Könige, daß seine hohe Politik sein größtes Unglück gewesen und daß ihm nur das Festhalten an seiner Religion Existenzberechtigung verleihen könne. So zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Geschichte die Mahnung: Erhaltet eure Religion und nicht eure Nation! Ein Jes.ajaS weissagt die Verheerung Judas durch die Assyrer. Aber, dessen ist er sicher, wenn auch das Volk als solches dem Tode geweiht ist, weil es vom heiligen Gott nichts wissen will, so wird doch seine Religionbleiben, weil diese unabhängig ist vom staatlichen Verband. (Vgl. Jes. Kap. 8,16—18.) Noch freier von allen nationalen Banden ist Jeremias. Er rät seinen Mitbürgern, sich Babel zu fügen. Die Politik der fanatischen Chauvinisten ist ihm in der Seele verhaßt. Und wenn diese ihn wie einen Verräter in der schmählichsten Weise behandeln, so weiß er, daß sie wohlihn, aber nicht die Wahrheit vernichten können. — Und als schließlich die Katastrophe eintraf, betrauert Jeremias nicht den Untergang Jerusalems, sondern die sittliche Verderbnis seiner Einwohner. Ueberzeugt von der Unabhängigkeit der Religion von der Nation schreibt er an die Deportierten in Babylon im Namen GotteS: „.Baut Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten und genießt ihre Früchte ... Kümmert euch um die Wohlfahrt .der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für. sie zum Ewigen; denn ihre Wohlfahrt ist eure eigene Wohlfahrt!" Ganz entnationalisiert hat indes kein Prophet Israel, in dem Maße, wie der großeUnbekannte, dessen Schrift.wir im Jesajas) Buch 40—66 besitzen. . ' > . - . Israel ist für ihn' überhaupt, kein Volk mehr. Er hat? einen : neuem Ehrennamen fsir Israel geprägt; er nennt es Ebed Adonai (Knecht öder Dldrrer' Gottes). Als Träger der 'göttlichen Verheißung an Abraham, soll der Gottesknecht H eid enapostel werden.und nach den fernen Inseln ziehen, um die Herrlichkeit. Gottes unter' den Völkern kundzutun: „Sieh' da mein Knecht, an dem ich festhalte" — heißt es von ihm — „mein Erwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat!' Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt: er wird den Völkern das Recht verkünden. Er schreit und lärmt nicht und läßt seine Stimme nicht auf der Gasse hören .. . Er wird nicht ermatten und nicht zusammenbrechen, bis. er. auf. Erden das Recht gegründet hat, und seiner Unterweisung harren schon die fernen Gestade." Oder aber er wird selbst redend eingesührt: „Höret auf mich, ihr Inseln und merket auf, ihr fernsten Nationen! Der Ewige hat mich vom Mutterleibe an berufen ... und er sprach zu mir: Mein Knecht bist du, an dem ich mich verherrlichen will. Für deinen Beruf als mein Knecht ist .es zu gering, daß du nur die Stämme Israels aufrichten und die aus Israel Bewahrten wied erbringen sollst, vielmehr mache ich dich zum Licht der Heiden, daß mein Heil bis ans Ende der Welt reiche." (Jes. 42, 1 ff., 49, 1 ff.) Das ist Israels heiligster Beruf, wie wir ihn als kostbarstes Erbe von unseren Vätern erhalten und wie wir ihn durch Lehre und Leben unseren Nachkommen überliefern wollen und sollen, damit auch sie zum Segen werden, wie es unsere Väter geworden. Wer an diesem Berufe rüttelt, wer. bei der Lösung der „Judenfrage" die Religion, ausschaltet, wer „nur die..Stämme Israels-aufrichten" will, und zwar als Nation in Palästina mit Hilfe eines Nationalfonds und anderer weltlicher Mittel, der mag seine Arbeit eine Kulturarbeit nennen, aber jüdisch im prophetischen Sinne ist sie nicht. Sie bedeutet vielmehr, nicht nach unserer Ansicht, sondern nach der unserer Propheten einen Abfall von Israels Beruf, eine Zertrümmerung des Judentums. Dir Wuchr. Berlin, IT April. Ä^ie Zustände der jüdischen Lehrerinnen haben eine der Betroffenen zu einer lebhaften Klage veranlaßt. Aus ihren eigenen Erfahrungen berichtet sie in der „Frankfurter Zeitung", daß die jüdische Lehrerin selbst bei wohlgesinnten Direktoren, sobald diese von ihrer Zugehörigkeit zum Judentum erfahren, großen Schwierigkeiten begegnet, und auf eine Empfehlung zur Anstellung von seiten der Betreffenden nur dann rechnen könne, wenn sie sich auch bereit erkläre, jüdischen. Religionsunterricht zu erteilen. Sie weist mit Recht daraus hin, wie schwierig, ja fast unmöglich es den meisten jungen Mädchen sei, die eine wissenschaftliche Bildung sich angeeignet haben, auch das Religionslehrerinnenexamen zu machen, und wie infolgedessen die meisten auf eine Tätigkeit an jüdischen Schulen oder auf Privatunterricht angewiesen sind.. $ In einem großen Artikel der „Kreuz-Zeitung" vom 5. April „Der Geist von 1813" wird mit Hinweis aus eine