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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-04-15 · Heft 15 (15.4.1910) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 15 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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74. Jahrgang. Nr. 15 Allgemeine Berlin, 15. April 1910 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) b.-zogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags Expedition: Berlin, Jerusalemer Strasse 40/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgcin. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Srraße Hb/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rkosse, Berlin.?lttft£*li Die jüdische Volksidee und die Propheten. Von Gottlieb LßLllJtUL. Klein-Ctockholm. — Die Woche. — Luigi Luzzatti: Aon Margarete M>arasse. — Die Judensrage in Oesterreich. Von Siegfried Fleischer. — Die Lage der preußischen Rabbiner. Von Theologus. — Die spanische Inquisition als Erwerbsgesellschast. Von Dr. Marcus Landau. — Feuilleton: Bräutigamsbriefe von Berthold Auerbach. Mitgeteilt von Anton Bettelheim. — Das Testament. Ein Schauspiel aus dem modernen Rußland, in drei Aufzügen. Von Emanuel Kalisch. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums") Berlin, Thorn, Aus der Provinz Posen, Beuthen (Oberschl.), Hamburg, Neustadt a. H., Straßburg, Wien, New York. — Von Nah und Fern. Die Milcht Volksidre und die Propheten. Von Gottlieb Klein-Stockholm. Jahre 1871 hat die neue evangelische Kirchenzeitung ,^7 ein Schreiben des Vorstandes der jüdischen Gemeinde in Berlin an den evangelischen Oberkirchenrat sehr scharf kritisiert. Sie nannte die Vorsteher „Vertreter der Berliner Judenschaft", „denn von bloßer Gemeinde kann doch nicht die Rede sein, weil es nicht bloß eine Gemeinschaft der Religion ist, welche hier zu uns redet, sondern eine morgenländische Nation, die mit der Religion zusammenfüllt." Mit Bezug auf diese Worte schrieb Abraham Geiger in seiner bekannten Streitschrift: Das Verhalten der Kirche gegen das Judentum in der neuen Zeit, folgende für unsere Zeit ganz besonders beachtenswerte Worte: „Haben sie wirklich nicht -genug an den Polnischen, dänischen, der in Rom wurzelnden, nun noch einer neuen nach Frankreich schauenden Nationalität, die alle noch überwunden, von der deutschen aufgezehrt werden sollen, um noch eine morgenländisch-jüdische zu erwecken? Freilich, sie können sich beruhigen, solche törichte Gedanken liegen den Juden ganz fern. Wir ehren Jerusalem als die heilige Stadt des Altertums, aber unserer ganzen Geiftesrichtung ist es vollkommen entfremdet. Aber wie wäre es, wenn es in der Tat diesen ewigen Hetzereien gelänge, eine längst begrabene Nationalität wieder zu erwecken, die erloschene Kohle wieder anzufachen? Wären die Hetzer, die dahin geführt, nicht des schwersten Verbrechens schuldig?" Beim Lesen dieser Zeilen fragen wir uns: wie konnte Geiger in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf solche Gedanken kommen? Wie konnte er auf Grund vereinzelter judenfeindlicher Angriffe, die uns, im Vergleiche zu dem, was wir in den letzten Dezennien erfahren, ganz unschuldig erscheinen, solche Befürchtungen aussprechen? — Mittlerweile müssen wir ihm recht geben. Nur wenige Jahre nach seinem Tode ist der von vielen für versiegt gehaltene Quell des Judenhasses zum wilden Strom geworden, der mit seinem Schlamme ganze Erdteile überschwemmt hat. Und das Unglaubliche ist Tatsache, das scheinbar Unmögliche möglich geworden: der Zionismus, eine Frucht des Judenhasses, wie das Geiger vorhergesagt, ist entstanden, und er ist nicht allein in Rußland, sondern auch in den Kulturstaaten eine judenbewegende Frage geworden und wie es scheint, ist er auf dem Wege, das schon genug zerklüftete Judentum in weitere Trümmer zu zerschlagen. Was sollen wir tun, um dem Umsichgreifen, dieserVerirrung, d e dem Judenhaß ihre Entstehung verdankt, Einhalt zu gebieten? Wenn ich hier versuche, Stellung zu dieser Frage zu nehmen, so will ich von vornherein, um dem Leser keine Enttäuschung zu bereiten, bekennen, daß ich keineswegs den Anspruch erhebe, im Besitze eines Arkanums gegen diese jüdische Modekrankheit zu sein — aber eines solchen bedarf es auch nicht. Wir Juden besitzen seit langer Zeit ein Mittel, das sich tausendfach bei schlimmeren Krankheiten bewährt hat und das sicher auch jetzt bei vernünftigem Gebrauche seine unfehlbare Heilkraft erweisen wird. Dieses Mittel besitzen wir in unser er Religion, in unserem Judentum. Wer dieses in seinem wahren Wesen erkennt und seine Lebensrichtung davon bestimmen lassen will, der ist gefeit gegen alle Gefahren, von wannen sie auch kommen mögen, dem kann auch der Zionismus nichts anhaben. Denn sagen wir es offen heraus: der Zionismus ist nichts mehr und nichts weniger als ein Abfall von der höchsten Idee des Judentums, des orthodoxen nicht weniger als des reformierten. Scheiden sich auch beide in ihrer Stellung zur Tradition und in anderen wichtigen Fragen, so wissen sie sich eins in der Zenträllehre des Judentums. „Schema Jisrael" ist allen das gemeinsame Zeichen, in dem Israel gesiegt und in dem es sich berufen weiß, auch in der Zukunft Triumphe zu feiern; allen ist die Hoffnung gemeinsam, daß durch Israel dereinst die Einheitslehre, die Gotteserkenntnis, wie sie diß Propheten gelehrt, Gemeingut der Menschheit werden wird. Denn zu einem „Am Kadosch", zu einem „heiligen Volk" innerhalb der Menschheit wollten die Propheten Israel erziehen. — Wer ihm daher einen nationalen Beruf inputiert, wer ihn als Natiönchen in einem Winkel der Erde, und sei dieser auch Palästina, verkümmern lassen will, der untergräbt seine Wurzel, der versündigt sich an seiner Geschichte, der verkennt seinen Beruf, der ist ein Zerstörer des Judentums. Die Zionisten werden den Kopf schütteln, wenn ihnen diese Zeilen zu Gesichte kommen, sie werden mich für einen Verräter halten. Aber ich gestehe offen, ich würde eine solche Sprache nicht zu führen wagen, wenn ich eine persönliche Abneigung gegen die zionistische Bewegung hätte — allein es ist nich

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