Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- Seite 167 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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*.vl » ■' — *•- '---Ti ': - —- ■. 167 -- daß ich Helene gegenüber. die. verkörperte Logik bin. Doktor . -. . lesen Sie doch ^mal diesen Brief, mittels dessen sie mich nach Moskau beruft. Dr. Masirewitsch (liest): „Liebste, beste Tante! Wie bedaure ich, daß Sie so ferne wohnen! Noch niemals habe ich die Nähe einer mütterlichen Freundin so schmerzlich vermißt, wie eben jetzt. Noch niemals habe ich es mit solcher Bitterkeit empfunden, was es heißt für ein junges Mädchen: verwaist und allein sein. Nicht wahr, Sie bringen mir das-Opfer und kommen, nach' Moskau! Es drängt mich, Jhuen vieles zu sagen. Doch will ich es dem Papier nicht anvertrauen. Sie denken — hoffe ich —nichts Schlechtes; es ist aber auch — nichts Gutes! Mein Los schließt leider jede Lebensfreude, alles Gute und Edle für mich von vornherein aus. " Frau Dörmann: Ist es Ihnen nicht, klar, daß das Mädchen verliebt ist? Dr. Masi re witsch: Gewiß. Ich . kann mir nichts anderes denken. Frau Dörmann: Anstatt, daß sie nun in der Liebe ihr Glück finden sollte, sehe ich sie verzagt und. traurig wieder, ja geradezu unglücklich. Nichts mehr von ihrer früheren Lebhaftigkeit, von ihrer sonnigen Heiterkeit! Sie lebt in sich gekehrt und zurückgezogen, entfremdet allen ihren Zerstreuungen und harmlosen Liebhabereien. Sie rührt keinen Pinsel mehr an, besucht auch keine Bildergalerien, und unlängst — denken Sie — hat sie sogar bei einem Künstler, dem sie zu ihrem Porträt Modell gesessen, die Sitzungen vorzeitig und plötzlich abgebrochen. Dr. Masirewitsch: Einem Künstler? Frau Dörmann: Ja freilich, einem Künstler. Er soll ein bedeutendes Talent sein, ein ausgehender Stern! Sie schwärmte geradezu für ihn — oder eigentlich für seine Kunst. Und jetzt will sie weder von dem einen noch von der andern etwas wissen. . . man möchte den Grund erfahren! Der Maler heißt Helbing? Dr. Masirewitsch: Ah, Helbing! Das ist ja das größte, das kraftvollste Genie unseres modernen Rußland. Vergangenen Winter hat eine Riesenleinwand von ihm, ein Schlachtengemälde, im Salon gewaltiges Aufsehen erregt. Der eine Teil der Kritik erhob ihn begeistert auf Schild und maß sein Genie mit dem Maße eines Werestschagin; der andere — nun Sie wiffen ja — der machte ihn so herunter ... bis in den Kot. Das ist ja eben der Lauf der Dinge. .. weil man über einen solchen Menschen nicht laue Mittelmäßigkeiten schreiben kann. So hat-sein Erscheinen wie ein kategorischer Imperativ auf die öffentliche Meinung gewirkt, im Lager der Kritiker jedoch zu Streit und Hader geführt, denn sie sinds ja bekanntermaßen, die am wenigsten von der Kunst verstehen. Frau Dörmann: Nun aber verstehe ich Helene erst recht nicht. Sie ist ja kein Kritiker, doch versteht sie sich auf die Kunst... Ich glaube sogar, daß sie sie sehr gründlich versteht; sie ist ja so eine zartbesaitete, von wirklicher und edler Neigung beseelte Künstlernatur — ganz Herz und Empfindung. Dr. Masirewitsch: Ja, das wird eben das Malheur sein, liebe Frau Dörmann! Mir erscheint diese Künstlergeschichte in hohem Grade verdächtig... In hohem Grade! Denn Helbing ist nicht nur ein genialer Künstler, sondern hat auch ein schmuckes Aeußere und ist von angenehmen Allüren. Was Wunder .also, wenn er — etwa halb unbewußt — seinem schönen Modell den Kopf ein wenig verdreht hätte, zumal sie doch so oft miteinander beisammen waren. Frau Dörmann : Da.sei Gott vor, lieber Herr Doktor! Sie vergessen ja. ganzdas Testament, den letzten Willen, ihres Vaters! . Dr. Masirewitsch.: Ah bah, das Testament! Lassen Sie doch nur das Testament beiseite! Der alte Schwärmer träumte von einer Befreiung seines Volkes; und ihm war es Nicht genug, daß er . aus der Mitte seines Volkes. .. (etwas spöttisch) aus der Mitte unseres Volkes, einen Erlöser erhoffte, nein., gleich wollte er sich auch dessen versichern,, daß dieser Messias seine Tochter heirate. Ja, aber die Messiase. werden selten geboren, und viel seltener noch entschließen sie sich zur Heirat. ' Frau Dörmann: So darf man von dieser- Sache nicht reden. Sie wissen, Doktor; Helenens Vater war ein sehr ernster, durch die Erfahrungen des Lebens gereister, und, ich wage es ohne Uebertreibung zu behaupten: weiser Mensch. Sein ganzes Leben hindurch empfand er ^as traurige Los des geduldeten Menschen; er fühlte, daß seine Ehrlichkeit, seine Arbeitsamkeit, sein großes Vermögen — daß alles noch nicht hinreichte, um sein eigenes Leben und die Zukunft seiner Familie zu sichern, geschweige denn diejenige seines Volkes. Und da er es nicht erleben konnte, seine Tochter selbst einem Gatten zu vermählen, so hat er es sich wenigstens in seiner letztwilligen Verfügung ausbedungen, daß seine Tochter nur demjenigen ihre Hand zum Bund fürs Leben reichen dürfe, der für seinen verfolgten Glauben nicht mit der Ergebung des stummen Märtyrers, sondern mit der Energie des zur Tat bereiten Mannes in die Schranken treten würde. Und dies zu fordern, war das Recht eines Mannes,. wie Samuel Wassiljewitsch, der über zwei so reiche 'Schätze verfügte, wie das Herz seiner Tochter und — seine Millionen. Dr. Masirewitsch : Ich geb^ es zu, meine liebe Frau Dörmann. Sie haben wohl recht; auch der Alte hatte recht; .indessen — gestatten Sie wohl, daß. ich auch für. mich den Teil von Recht herausnehme, das mir gebührt. Wenigstens darin habe ich recht, daß Helene in. den Maler verliebt ist. Sie liebt ihn und fürchtet ihn, oder eigentlich diese. Liebe. Denn das ist doch klar wie die Sonne, daß unser Freund Helbig nie... niemals den Bestimmungen des Testaments entsprechen wird, trotzdem er ein Jude sein soll, ein „guter" Jnde sogar, wie man sagt — und dennoch nicht! Frau Dörmann: Das kann niemand wissen. Dr. Masirewitsch: Na, na. Sie werden-sich noch zu einer enragierten Parteigängerin. des Malers bekennen. Frau Dörmann: Das nicht. Aber ich halte ihn für einen höchst achtbaren und sympathischen Menschen; und da ich sehe, daß Helene mit ganzem Herzen an ihm hängt, so möchte ich meinem-Herzensmädchen gerne hilfreich sein. Dr. Masirewitsch: Und ihm, dem Maler nicht? Ich bitte, tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie ihn doch unter einem Vorwand herbeirufen. Frau Dörmann (erschrocken): Herrn Helbing? Um Gotteswillen, Herr Doktor, das nicht! Helene hat ihn seit Wochen nicht gesehen; sie will ihn auch nicht, sehen, und jetzt soll ich ihn auf meine eigene Verantwortung hieher rufen: Was würde Helene sagen? Dr. Masirewitsch: Dann tun Sie es, bitte auf meine Verantwortung! Ich bin ihr Vormund; ich nehme es auf mich. Frau Dörmann: Ich wage es nicht. Dr. Masirew itsch: Wie kann . man nur so ängstlich sein? •;; , :. Frau Dörmann: Man. sieht, daß. Sie Helene nicht kennen. ... - .7 j