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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-04-08 · Heft 14 (8.4.1910) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
Seite 160 (sequence 4)
Language
German
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160 Gleichfalls am 24. März ist Adolf Tobler gestorben. Wenn auch sonst unser Blatt nicht die Pflicht hätte, dieses großen Gelehrten zu gedenken, so gibt die Reminiszenz eines Oberlehrers Dr. B. in einem Berliner Blatt dazu Veranlassung. Unter der Aufschrift: „Adolf Tobler contra Adolf Stöcker" berichtet sie folgendes: Der eben verstorbene Meister der romanischen Philologie und langjährige Professor an der Berliner Universität hatte sich als geborener freier Schweizer, der aber in seinem langen Leben „viele Länder und Völker gesehen hatte", nicht bloß eine weltbürgerlich freiheitliche Lebensanschauung zum persönlichen Gebrauche zu eigen gemacht, sondern benutzte auch jedweden Anlaß in seinen Vorlesungen und Schriften, um sich mutig zu ihr zu bekennen; besonders konnte er ebenso wie sein hoher Gönner Kaiser Friedrich nicht scharf , genug gegen religiöse Unduldsamkeit und den in den achtziger Jahren in Berlin auf seiner Höhe befindlichen Antisemitismus auftreten. Es war um die Zeit des sogenannten Stöckerschen Meineidprozesses, der eigentlich eine Beleidigungsklage gegen einen freisinnigen Redakteur darstellte und in dessen Verlauf der antisemitische Hofprediger von dem Gerichtshof die Mahnung hinnehmen mußte, bei seinem Zeugeneide in Zukunft ein größeres Maß von Vorsicht walten zu lassen, die Zeit, wo man im Volke höhnisch den Schunkelwälzer sang von dem „Dompfaff, wenn er Eide schwöret". In jener Zeit hatte Tobler Gelegenheit, in seiner berühmten Vorlesung über historische Syntax der französischen Sprache vor einer zahlreichen studentischen Zuhörerschaft, zu der Schreiber dieses gehörte, eine Stelle aus der Chronik des berühmten Hofhistoriographen des französischen Königs LudwigsIX. Jean de Joinville, als Beleg für eine syntaktische Erscheinung im mittelalterlichen Französisch zu zitieren: „Als damals in Frankreich eine Epidemie ausbrach, die auf sittlichem Gebiete nicht minder verheerend als auf materiellem wirkte, so daß Treu und Glaube vollständig ins Wanken gerieten, glaubte man schließlich sogar niemandes Eide mehr als allein dem des Priesters, des Königs!" „Auf gut Deutsch, meine Herren, dem des Hosprcdigers," fügteTobler lächelnd hinzu, „Die Zeiten ändern sich! Heute wurde wohl Kollege Treitschke vielleicht nicht gerade den Hofprediger als das klassische Beispiel unverbrüchlichster Glaubwürdigkeit mit sittlichem Pathos wählen! Ja, die Zeiten ändern sich!" Darauf lebhaftes Trampeln oder auch Schurren unter den akademischen Zuhörern je .nach ihrem Standpunkte! Und der Herr Professor: „Meine Herren, aus Ihren etwas barbarischen Beifalls- und Mißfallsbezeugungen, die mich im übrigen kalt lassen, sehe ich, daß Sie mich verstanden haben, und das ist die Hauptsache!" $ Da jetzt so viel vomHalleyschen Kometen die Rede ist, so sei zum Schluß eine historische Mitteilung erwähnt, laut welcher nach Feststellungen des französis^en Forschers Renaudot dieser periodische Komet auch den alten Juden bekannt gewesen sein soll. Diese Annahme knüpft an eine Stelle im Talmud an, wo folgendes gesagt wird: „Es gibt einen sehr hellen Stern, der etwa alle 70 Jahre erscheint und die Seeleute bei ihren Beobachtungen auf der Fahrt täuscht." Jus der Lerlinrr Gemeinde. Berlin. 29. März. 8. Aus der umfangreichen Tagesordnung der heutigen Repräsentantenversammlung ragte als wichtigster Gegenstand die Beratung des Gemeinde-Haushaltetats pro 1910/13 hervor, dessen erste und zweite Lesung nur in den Sitzungen vom 29. und 30. März stattfand. Der Generalredner zum Etat, Herr Willibald Loewenthal, wies darauf hin, daß derEtatzum erstenmal in einer neuen Form erschienen, welche durch die aä boo eingesetzte gemischte Deputation festgestellt worden sei. Namens der Repräsentantenversammlung gab er der Freude und dem Dank Ausdruck für diese glänzende Verbesserung. In zwei Sitzungen hatte der Etatsausschuß die Riesenarbeit dieses Millionenetats bewältigen können. Der Etat erscheint zum erstenmal als Brutto-Etat. Es sind also nicht nur die Zuschüsse zu den einzelnen Verwaltungen bezw. deren Ueberschüsse in den Etat ausgenommen, es laufen vielmehr die gesamten Ausgaben und Einnahmen der Spezialverwaltungen, in Titeln zusammengefaßt, durch den Hauptetat. Es ist somit ans dem Etat jetzt deutlich ersichtlich, mit welchen Summen die jüdische Gemeinde nebst allen ihren Spezialverwaltungen wirtschaftet. Zur Form des Etats hat der Etatsausschuß noch besondere Anträge gestellt für die zukünftige Ausstellung des Haushalts. Diese Anträge sind in gleicher Form von der Repräsentantenversammlung übernommen und in den erwähnten Sitzungen einstimmig zum Beschluß erhoben worden. So soll 83. jede im Hauptetat befindliche Einnahme- und Ausgabeposition in einem der Spezialetats enthalten sein. Die Spezialetats seitens der einzelnen Verwaltungen sollen durch ausreichende Erläuterungen einen Einblick in die zweckentsprechende Verwendung der ausgeworfenen Beträge gestatten. Wenn möglich, soll der Hauptetät nicht in Einnahme- und Ausgabeetat getrennt, vielmehr so eingerichtet werden, daß sich bei jedem Spezialetat die Einnahmen und Ausgaben gegenüberstehen. Der neue Etat gliedert sich in neun große Positionen. Für Kultus und Ritualangelegenheiten sind für die dreijährige Etatsperiode 2647056 M. in Aussicht genommen, wozu ein Gemeindezuschuß von 1626000 M. erforderlich ist. Die zweite große Position Friedhofs- und Beerdigungswesen ergiebt infolge .des Gärtnereibelriebes zwar einen Ueberschuß, dagegen erfordern die Beerdigungen einen Zuschuß von 202000 M. Die Kosten des Unterrichtswesens sind mit 1202000 M. eingestellt; der Gemeindezuschuß beträgt hierzu 1083000 M. Die Unterhaltung der Bibliothek wird in der dreijährigen Etatsperiode 60000 M. beanspruchen. Das Armenwesen ist mit 921385 M. eingestellt und wird eines Gemeindezuschusses von 565650 M. bedürfen. Die Wohl« tätigkeitsanstalten und die Waisenpflege werden einen Aufwand von 2 270223 M. erfordern, der Gemeindezufchuß hierzu figuriert im Etat mit 861657 M. Die Vermögensverwaltung wird 2384553 M. Kosten verursachen; der Gemeindezuschuß ist auf 1817675 M. beziffert. An Gemeindesteuern sind laut Etat aufzubringen 2475381 M. pro 1910/11 für das zweite Etatsjahr 2498910,54 Mark und schließlich für das letzte Jahr 2548980,79, die Steigerungen im zweiten und dritten Jahr ergeben sich hauptsächlich aus der Minderung der Zinseinkünfte, da die zuletzt aufgenommcne Gemeindeanleihe dann bestimmungsgemäß verbraucht wird. Der Gemeindevorstand hegt infolge des Anwachsens der Steuerzahler die bestimmte Hoffnung, daß die Verwaltung mit der bisherigen Steuerquote auskommen dürfte. Der Gesamtetat schließt in Einnahme und Ausgabe in folgenden stattlichen Endsummen ab: für das Jahr 1910/11 mit 4377089,31 Mark, für das Jahr 1911/12 mit 4408108,64 Mark, für das Jahr 1912/13 mit 4448378,89 M. Alle diejenigen Beträge, die nunruehr etatsmäßig fetzgesetzt sind, brauchen nicht von neuem beantragt zu werden und überall dort, wo nicht ausdrücklich ein Gemeindebeschluß Vorbehalten ist, gelten die Etatspositionen als genehmigt. Für die Baukommission ist noch besonders beschlossen worden, daß die Ersparnisse des einen Jahres auf das andere übertragen werden können. „Die Zahlen des Etats", so schließt der Geueralreferent seinen Bericht, „geben ein Bild von der Bedeutung und Kraft der jüdischen Gemeinde Berlins, wie es anschaulicher in Worten nicht gegeben werden kann. Wir haben alle den Wunsch, daß die Größe und die Bedeutung unserer jüdischen Gemeinde Berlin niemals sich verringern möge. Ein Teil der Versammlung wird sich im Hexbst zur Wahl stellen müssen. Wie auch das Glück des Wahlkampfes entscheiden möge, das eine ist unser aller Wunsch, daß niemals hier Vertreter einziehen mögen, welche durch Eingehen aus separatistische Gedanken oder durch eine Generalisation die Gemeinde in ihrer Kraft und Bedeutung schwächt. Wir hoffen und wünschen, das glaube ich im Namen aller sagen zu dürfen, daß die Kraft und die Macht der jüdischen Gemeinde nicht nur erhalten bleiben möge, sondern immer größer werde, auf daß sie ein Rückhalt bleibe, nicht nur für das Judentum in Berlin, sondern für alle Bekenner im ganzen deutschen Reich." Mit lebhaftem Beifall auf allen Seiten des Hauses wurden diese Worte ausgenommen. Zur Generaldiskussion sprach niemand mehr, und die Versammlung trat alsdann in die Spezialberatung ein. Die einzelnen Titel der 1 j l«

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