Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
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159 nennen. Aber damit begnügt sich das Blatt nicht/ sondern fährt fort: v - ' „Autzerdem sind unter den als „Christen" bezeichneten Schülern noch viele jüdischer Abkunft, wie die Namen beweisen.^ Echte Freisinnsseelen werden sagen, das ist nichts als Parität; gerade nur die Hülste ist jüdisch und immer noch die volle andere Hälfte nichtjüdisch. Diese Art Parität schwebt ihnen ja auch als Ziel für die Zusammensetzung der Offizierkorps unserer Garderegimenter vor. 'Selbst wenn wir von allen anderen stichhaltigen und triftigen Gegengründen übsehen, die zu widerlegen noch niemand ernstlich versucht hat, weil sie nicht zu widerlegen sind, so vergessen jene Leute ganz oder verschweigen absichtlich die Tatsache, daß von der Bevölkerung des Königreichs Preußen nur etwa ein Prozent jüdisch ist; 50 Prozent jüdischer Gymnasiasten sind also eine offenbare Rechtsungleichheit. Trotzdem sind wir gar nicht sicher, daß nicht nächstens jüdische Blätter darüber jammern werden, daß am Französischen Gymnasium nur ein Oberlehrer jüdisch ist. Dafür ist ihm aber auch, wie aus dem Jahresberichte ersichtlich ist, der deutsche Unterricht in den drei obersten Klassen, in beiden Primen und in der Obersekunda, anvertraut. Au jeder deutschen Schule soll das Deutsche im Mittelpunkte des ganzen Unterrichts stehen. Durch die deutschen Stunden sollen preußische und 'deutsche Jungen nicht etwa zu phantastischen Weltbürgern, zu Nathans und Posas, zu Griechen und Römern, sondern zu deutschen Männern erzogen werden. Diese Hauptaufgabe unserer Schulen löst auf der obersten Stufe eines Königlichen preußischen Gymnasiums ausschließlich ein Jude! Dies ist ein Mißstand, der unter allen Umständen beseitigt werden muß. Derartige Aussprüche niedriger zu hängen, halten wir für unsere Pflicht. Ist es denn Schuld der Juden, daß so wenig christliche Eltern ihre Kinder in das französische Gymnasium schicken? Wagt der Einsender wirklich zu behaupten, daß ein jüdischer Oberlehrer nicht ebensogut wie ein christlicher deutsche Jungen zu deutschen Männern zu erziehen vermöge. Wahrlich, der ehrliche Kampf, den wir seit 100 Jahren kämpfen, erscheint gegenüber solchen Bemerkungen als ein völlig vergeblicher. Ohne jede Kenntnis deS betreffenden Lehrers und seiner Leistungen, ohne jede Rücksicht darauf, daß -eine königliche Behörde, ein christlicher Direktor diesen Mann mit seiner Aufgabe betraut hat, wagt der Artikelschreiber einen pflichtbewußten Lehrer zu verdächtigen und mit dürren Worten seine Entfernung zu fordern. Es ist unerhört, daß ein Blatt, das sich königstreu nennt, derartiges auszusprechen sich erkühnt. * Einen sehr wackeren Artikel zur jüdischen Sprachenfrage findet man in dem „Osmanischen Lloyd" zu Konstantinopel, einem Blatte, das häufig gute Aufsätze über jüdische Angelegenheiten bringt. Jener Artikel polemisiert gegen die Zeitung „Aurore", die ziemlich unverblümt die hebräische Sprache als Nationalsprache der Juden gefordert, tut dar daß diese Sprache keine lebendige, sondern eine tote sei und fährt fort: „Zudem ist die Sprachensrage, da der Anfang in der Schule gemacht werden soll, doch auch eine pädagogische Frage. Man hat die Lehrer nicht gefragt, denn die würden dringend abgeraten haben. Eigene Lehrer hat man nicht, denn man ruft die Lehrer aus Deutschland und Frankreich und die werden nie etwas wider ihre Ueberzeugung und wider besseres Wissen tun. Dr. Nasim Bej, der von der „Aurore" befragt wurde, hat erklärt : „Ich wäre glücklich, wenn alle Bewohner des osmanischen Reiches eine Sprache — nämlich türkisch sprechen würden. Wir lassen zwar alle Freiheit, aber die türkische Sprache muß in der Schule vorherrschen." Das ist kein Zugeständnis, sondern es heißt bei ruhiger Betrachtung: „Jhrr könnt das Hebräische als fremde Sprache in den Schulen treiben, das kann niemand verbieten." Gut heimgeleuchtet hat er den Vertreter der „Aurore", indem er sagte: „Ich weiß von einstußreichen -jüdischen Franzosen und Engländern, -daß sie gar keine Neigung verspüren; die hebräische Sprache als Umgangssprache zu verwerten." Man muß daraus schließen, daß der Vertreter der „Aurore" etwas Derartiges, behauptet hat. Diese Behauptung trifft aber ebensowenig auf die deutschen Juden , zu wie auf ihre Glaubensgenossen in England und Frankreich. Auch sie sehen in der Sprachenfrage einen Versuch, Zwist zu erregen unter den Glaubensgenossen, und. alle vernünftigen Juden müssen, dagegen Einspruch erheben, daß eine Parteiförderung des Zionismus zu einerallgemeinen Angelegenheit desJudentums gestempelt wird. ' Ueher den Rabbin.erko.ngreß in Rußland, von dem wir unseren Lesern schon früher Kenntnis gegeben haben, handelt ein längerer Artikel der N. I. K. Daraus ist folgendes zu entnehmen. Die Konferenz wurde in drei Sektionen geteilt, von denen zwei, die Rabbinats-und die Verwaltungssektionen, mehrfach tagten. Jene verhandelte über den Dualismus zwischen geistlichem und Kronrabbinat, diese über die Stellung der Gemeinden. Nach den Verhandlungen dieser Sektionen beschloß die Konferenz mit Stimmenmehrheit: In Zukunft soll ausschließlich der geistliche Rabbiner der Regierung gegenüber verantwortlich sein und als Vertreter der Gemeinde fungieren. Die Kommission hat sich weiter für die Einrichtung staatlich anerkannter jüdischer Gemeinden ausgesprochen, denen dieVerwaltung der religiösen, Wohltätigkeits- und Bildungsanstalten unterstehen soll. Der „Frankfurter Zeitung" entnehmen wir folgenden Nekrolog: Am 24. März starb der als Schulmann und Geschichtsforscher bekannte frühere Professor am Wöhler-Realgymnasium Dr. Ludwig Oelsner im 79. Jahre seines Lebens. Geboren am 22. Dezember 1831 zu Bernstadt in Schlesien, auf dem Gymnasium zu St. Maria- Magdalena in Breslau vorgebildet, widmete er sich unter Röpell 'in Breslau und unter Leopold v. Ranke in Berlin historischen Studien. Mit seiner grundlegenden Schrift de Pippino, rege Francorum, erwarb er 1853 die Doktorwürde an der Breslauer philosophischen Fakultät, die ihm nach 50 Jahren das Diplom mit ehrenvoller Anerkennung seiner wissenschaftlichen und pädagogischen Lebensarbeit erneuerte. Nach kurzer Wirksamkeit als Lehrer zu Gleiwitz, nach 10 jähriger Zugehörigkeit zum Lehrerkollegium des Philanthropins, ging er 1868 in den Dienst der Schulen der Polytechnischen Gesellschaft über, dix das spätere Wöhler-Realgymnasium begründete. An dieser Anstalt wirkte Oelsner, als Jugendbildner und Erzieher hochgeschätzt, bis zu seiner vor 11 Jahren erbetenen Pensionierung. Neben seinem Schulamte setzte er seine geschichtlichen Lieblingsstudien fort, gab im Auftrag der historischen Kommission der bayerischen Akademie der Wissenschaften die „Jahrbücher des fränkischen Reiches unter König Pippin" heraus (1871), „Kaiser Karls IV. Jugendleben, von ihm selbst erzählt" (1885) und eine aus vieljähriger Unterrichtserfahruug erwachsene „Volkswirtschaftskunde" (1903). In minder umfangreichen Veröffentlichungen behandelte er Schlesische Urkunden zur Geschichte der Juden im Mittelalter, König Ludwig den Bayern, die Genesis der Pariser Bluthochzeit. Ludwig XIV.. Elisabeth Charlotte von Orleans, seinen Altmeister Leopold v. Ranke, den Frankfurter Historiker Joh. Friedr. Böhmer, die wirtschaftlichen und sozialpolitischen Verhandlungen des Parlaments, den Volkswirtschaftsunterricht auf Schulen. Als erster hat Oelsner das Interesse des höheren Lehrerstandes auf volkswirtschaftliche Propädeutik hingelenkt. Auch gemeinnützig betätigte er sich eifrig, unter anderem als sorgsamer Bibliothekar der Polytechnischen Gesellschaft, deren Geschichte er geschrieben hat, als sachkundiges Mitglied des Vorstandes der Rothschildschen öffentlichen Bibliothek, deren Gedeihen ihm von der Gründung an am Herzen lag. Mit Ludwig Oelsner ist ein feinsinniger Gelehrter, ein gediegener Schulmann, ein selbstloser Mensch aus einem arbeitsreichen Leben abgerufen worden. <