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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-04-08 · Heft 14 (8.4.1910) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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<'?{h^ s>:!r- 158 ihnen „den allem Leben feindlichen Skeptizismus", Mährend man doch gerade den Optimismus, ja die starke Lebensfreudigkeit den Juden so oft als Haupteigenschaft zugeschrieben hat? Wo endlich „den allgegenwärtigen Erwerbsinn, der sich nicht scheut, aus den heiligsten Dingen des menschlichen Herzens ein Geschäft zu machen"? Kann man bei den übrigen Vorwürfen lächeln, so muß man gegen den letzteren aus das entschiedenste protestieren. Wagt man wirklich derartiges den Richtern Und Rechtsanwälten jüdischer Abstammung Zusagen? Ihnen, die dem Recht, wahrlich einer heiligen Sache, trotz aller Zurücksetzung mit Aufopferung dienen! Wagt man derartiges den Aerzten entgegenzuhalten, die mit Aufwendung ihrer vollen Kraft wahre Menschlichkeit unermüdet zu bewähren bereit sind!? Der Herr Verfasser meint zwar, die Juden herrschen als .Richter und als Universitätslehrer, weil zufällig in Berlin der Prozentsatz ein höherer ist, als nach der Normalbevölkerungsziffer notwendig wäre; weiß er denn nicht, daß die vielen- Juden, die Richter sind, fast ausnahmslos mit dem Amts- oder Landgerichtsrat ihre Karriere abschließen müssen; ist es ihm nicht bekannt,oder verschweigt er'es nur, daß, wenn wirklich unter 80 Universitätslehrern 12 .Juden sein sollten (vielleicht in Berlin, sicher an keiner andern deutschen Universität und in Berlin auch nur aus dem Grunde, weil so viele Aerzte sich dort als Privatdozenten habilitieren), an den meisten Universitäten auch nicht ein einziger Jude Ordinarius ist, kein Jude also auf die inneren Verhältnisse irgendwelchen Einfluß zu üben, bei den Prüfungen irgend ein Wort mitzureden hat? Und wie steht es denn mit der Vorherrschaft in Hände und Presse? Kann man dies überhaupt für den Hände zugeben, bei der Unmasse von Fabriken und großen Gewerbebetrieben, die Tausende und Abertausende beschäftigen und grundsätzlich alle Juden ausschließen? Und mit dem Kapital? Hat doch ganz neuerdings einer der eifrigsten Antisemiten Theodor Fritsch zugegeben, „es ist nicht wahr, daß die Juden bereits alle Kapitalien an sich gebracht hätten und wir Wirt' schastlich unbedingt von ihnen abhängig wären. Die deutschen . Sparkassen allein verwalten ein Volksvermögen, das ungleich größer ist als das Kapital aller jüdischen Großbanken, und es bedürfte nur einer andern Organisation des Geldmarktes, um .Staat und Volk von der jüdischen Großmacht unabhängig zu machen." Und mit der Presse? Wenn man die tonangebenden Journale, Kölnische, Frankfurter, die Magdeburger und Hamburger i . Blätter und sämtliche Berliner Zeitungen ansieht, wo sind denn' da die Juden? Und gar in kleineren Städten, selbst in Mittelstädten dürften jüdische Journalisten zu den allergrößten . Ausnahmen gehören. Das ganze Geschrei von der Vorherrschaft der Juden in der Presse läßt sich darauf zurückführen, daß vielleicht bei vier oder fünf größeren Berliner Zeitungen . Juden in wirklich erheblicher Zahl in der Redaktion vertreten .sind. Wo ist denn aber da der jüdische Geist, der dem deutschen entgegentritt? Etwa in der Behandlung jüdischer Angelegenheiten? Wie selten kommt es vor, daß gerade eines dieser sogenannten Judenblätter in jüdischen Dingen das Wort ergreift. Wüßten die Judengegner nicht zufällig, .. daß in der oder jener Redaktion ein paar Juden sitzen, ich möchte eine Wette eingehen, daß sie aus Ton und Gesinnung . des Blattes niemals das Jüdische heraushören dürften. Noch niemand hat Beweise von einer wirklichen Vorherrschaft der Juden im Handel, Presse, im Richterstande,, in den Universitäten gebracht, ja, ich wage sogar zu behaupten, daß auf dem Gebiete, in dem ich wohl eine gewisse Kenntnis beanspruchen darf, niemand auch nur den Schatten eines Beweises dafür liefern kann. Jüdische Hochschullehrer haben nie und nirgends eine Spur von Gegensatz gegen deutsches Wesen, deutschen Geist und deutsche Wissenschaft gezeigt. Ich halte daher die Behauptungen des Herrn Verfaffers für gänzlich unerwiesen, muß aber auch sein Heilmittel für völlig wirkungslos erachten. Wäre wirklich in den Juden etwas Deutschfeindliches, so könnte es erst nach vielen Generationen überwunden werden. Das von dem Verfasser angeratene Heilmittel der Blutvermischung könnte zudem nur in dem Falle einen Erfolg haben, wenn eben ein Ausnahmegesetz — und einem solchen ist unser Schriftsteller ja durchaus abgeneigt — jede Ehe zwischen Juden verböte und . alle Juden männlichen und weiblichen Geschlechtes zwänge, .nur Ehen mit Christen einzugehen. Besteht wirklich zwischen Juden und Deutschen ein Gegensatz, — den ich Meinerseits durchaus leugne, —-so gibt es dagegen nur ein Heilmittel, vollkommene Gleichqeit vor dem Gesetz. Oeffnet dem Juden jede Laufbahn, vernichtet den Haß der niederen Klassen, damit der, der geringere Geislesgaben besitzt, mit den Bauern auf dem Felde, mit den Arbeitern in' den Fabriken tätig sein könne, als Lehrling in den Werkstätten geduldet, ja freundlich ausgenommen werde. Dann werden gewiß viele, ja unzählige dem Kleinhandel entsagen und dem Arbeiterstande sich in weit größeren Massen zuwenden als dies bisher der Fall ist. Oeffnet den Juden die öffentliche Laufbahn: für die mäßig Begabten den Subalterndienst, bei der Post und bei der Eisenbahn, im Schreib-, .Rechnungs¬ und Kastenwesen;... für die höher begabten alle Aemter, der Militär-, der Richter-, der Lehrer-, der Universitäts- Karriere, der höheren Verwaltungsbehörden aller Art. Mit einem Schläge würde ein erheblicher Prozentsatz von Rechtsanwälten und Aerzten, Journalisten und dergleichen verschwinden; .viele Reiche und Angesehene, die jetzt etwa zum Luxus ein Rittergut kaufen, Aufsichtsrats- oder Bankdirektorstellen annehmen, würden mit Freuden die . militärische oder diplomatische Karriere wählen. Aber eins dürft ihr nicht fordern, verlangt nicht von dem Juden, daß er sich erst dann als Deutscher unter Deutschen fühle,, wenn er seinen Glauben verläßt, seinen Glauben, der ihn nie pnd nimmer an der Erfüllung aller seiner vaterländischen Pflichten, an treuester Ausführung seines Berufes gehindert hat. Er hat nicht nötig, einen Passierschein zürn deutschen Wesen sich zu erkaufen, da er ihn längst besitzt. Denn wir sägen mit Gabriel Rießer: „Das deutsche Vaterland kann und darf und mag von uns alles fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist, willig werden wir ihm alles opfern, — nur Glaube und Treue, Wahrheit und Ehre nicht; denn Deutschlands Helden und De.utfchlauds Weise haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird." Ludwig. Geiger. Bit Woche. Berlin, 5. April. s gibt recht wenig Nachrichten in den letzten März- und in den ersten Apriltagen. Hervorzuheben ist nur, daß die „Kreuzzeitung" sich darüber ereifert, daß im Königlichen französischen Gymnasium zu Berlin unter 150 Schülern 70 Juden und unter 14 Abiturienten des Jahres 1909 gleichfalls die Hälfte,' nämlich 7 Juben sind; das edle Blatt möchte daher jene Lehranstalt „Königliches israelitisches Gymnasium"

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