Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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74. Jahrgang: Nr. 14 Ein unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. Dies» Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Prei»: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vor. orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. »«gründet von Rabbiner vr. Ludwig PHMppson. Unter Leitung des Seheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Seiger. Verlags » Expedition: Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen fftr Srdaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung des Judentums* Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, r» richten. Verlag von Andolf rnosse, Berlin. Ifttftdif Der Massenaufstieg der Juden. Von 'Pros. Dr.' Ludwig IJiUJUiW Geiger. — Die Woche. — Äüs der Berliner Gemeinde. — Geheimer Justizrat Peltafohn-- Politische 'Vierteljahrsberichte. Von Geh. Justizrat Peltafohn. — Markus Horovitz. — Die spanische Inquisition als Erwerbsgesellschast. Von Dr. Marcus Landau. — Feuilleton: Das Testament. Ein Schauspiel aus dem modernen Rußland, in drei Aufzügen. Von Emanuel Kalisch. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Der Gemeindebote (Beilage zpr .Allgemeinen Zeitung des Judentums") Berlin,. Potsdam, Posen, Breslau, Hamburg, Paderborn, München, Wien.— Von,Nah und Fern. Der Msllmsufltirg der Juden. Unter diesem seltsamen Titel — man möchte eher vermuten, daß von einem Massenabstieg gesprochen werden müßte — brachte die „Zukunft" Nr. 12. vom 18. Dezember 1909, ’ unterzeichnet „Blankenhain, Oberarzt Dr. Georg Lomer" einen längeren Artikel. Der Aufsatz ries eine Entgegnung des Herrn Dr. Lewkowitz hervor; diese veranlaßte' den Verfasser des ersten Aufsatzes, in der „Deutschen Tageszeitung" vom il. März nochnials das Wort zu ergreifen, unter der Aufschrift „Bemerkungen zu unserer Judenfrage".Jn dieser zweiten Abhandlung bekennt der Verfasser selbst, daß seine ersten Bemerkungen „sehr wenig unumwundene Zustimmung" gefunden haben. Auch die Redaktion des Blattes, in dem der zweite Aufsatz steht, billigt durchaus nicht völlig die Lümerschen Ansichten, verlangt vielmehr „eine reinliche ' Scheidung zwischen Deutschen und Juden" und begrüßt darum den Zionismus mit Freude, während der Verfasser unserer Aufsätze ihm weniger sympathisch gesinnt ist, weil er seiner . Meinung nach gerade das jüdische Selbstbewußtsein erzeugt : oder fördert. Der erste Artikel des Herrn Lomer setzt 1. eine Vorherrschaft der Juden in Handel und Presse als bekannt voraus ' und sucht auszuführen, daß den Juden diese Herrschaft nicht genüge. 2. Sie lassen durch ihre Kinder, die höheren Schulen überschwemmen, so daß 2/3 aller jüdischen Schüler z. B. in Berlin die höheren Schulen besuchen, gegen etwa 17 Prozent evangelische; sie führen ferner ihre Söhne in so starkem Maße der Universität zu, daß unter 10000 Juden 160 die Hochschulen besuchen, während von ebensoviel evangelischen nur 25, von Katholiken in gleicher Zahl nur 13 auf die Universität gehen. 3. Die Juden herrschen aber nach der Meinung des Verfassers auch auf den Universitäten, denn während aus 80 Deutsche nur 1. Jude komme, seien unter 80 Universitätslehrern 12 Juden. 4. Der Prozentsatz in der richterlichen Karriere sei noch; größer: statt 5 Prozent, die sie zu den Gerichten Berlins stellen /mM^.stell.eu..fie/,iuWrklichfeit. 11die! Zahl, dev jüdischen Rechtsanwälte und Aerzte sei unendlich weit höher als durch ihren Prozentsatz gerechtfertigt wäre. Dieses Ueberwiegen der Juden wird erklärt durch ihre Opserfähigkeit, durch ihr Zusammenhalten, sowie durch ihr^ hervorragende Intelligenz. Es ' sei aber kein Vorteil für Deutschland, und zwar infolge der zersetzenden Hyperkritik der Juden, des allem feindlichen Skeptizismus und des allgegenwärtigen Erwerbsinns, „der sich nicht scheut, aus den heiligsten Dingen des menschlichen Herzens ein Geschäft zu/machen". Gegen diese Tatsachen gebe es, da rohe Gewaltsmaßregeln nicht angeraten werden könnten, auch Ausnahmegesetze undiskutierbar seien, nur ein Mittel: die w e i t e st g e h en de Blutvermischung, d. h. die Verheiratung von Juden mit Christinnen, von Christen mit Jüdinnen. Die Ausführungen des Verfassers sind, ganz abgesehen davon, ob seine Zahlen richtig sind oder nicht (zu einer, Nachprüfung lag für mich keine Veranlassung vor), so unbedeutend, wiederholen im Grunde nur längst Bekanntes und oft Gesagtes, daß ich lange schwankte, ob ein ernsthaftes Blatt sich mit derartigem zu beschäftigen Habe, Da aber Schweigen als Zustimmung ausgelegt werden könnte, so seien einige kurze Bemerkungen gemacht. Der Verfasser ist kein Antisemit im gewöhnlichen Sinne. Er erkennt manches Gute bei den 'Ariden an und ist vor allen Dingen kein purer Rassenfanätiker, denn er nimmt ja den Juden oder die Jüdin, die in christliche (Pardon: deutsche) Kreise eintritt, schon für Halb deutsche und die Kinder aus diesen Ehen schon als Ganzdeutsche an. Aber wie kindlich sind diese Vorschläge! Denn von dem Glauben spricht der Verfasser gar nicht. Ebensowenig von dem notwendigen oder ihm gewiß erwünscht scheinenden Uebertritt der Erwachsenen, der notwendigen Taufe der Kinder. Er scheint vorauszusetzen, daß ein solcher Uebergang wirklich von allen Juden als etwas Selbstverständliches gefordert oder durch sie zugegeben werden könnte. Aber vor allem ist bei diesem Vorschläge, bei der ganzen Darlegung vorausgesetzt, daß zwischen Deutschen und Juden überhaupt ein Gegensatz und zwar ein unvereinbarer bestehe; also dasjenige, was erst zu beweisen wäre, wird von vornherein als bewiesen angenommen. Es wird in einer geradezu unerhörten Werse vorausgesetzt, daß jeder jüdische Dozent, Lehrer, Rechtsanwalt und Arzt etwas Undeutsches in seinem Wesen, etwas Unethisches in seinem Tun besitze. Wo hat denn der Verfasser bei den Vertretern der Wissenschaft oder der gelehrten Berufe „die zersetzende Ueberkritik" gefunden, „die sich wie ein Alb aus jede freie heitere Weltauffasiung legt", während sich doch gerade unter Juden, z. B. unter den Schriftstellern und Schauspielern so viele fröhliche, lachende Elemente finden? wo unter