Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1910)
- Date
- 1910-03-31
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiläffüntz gefleht^ Für ihn, deü Fürstenwürde gewiß keiü MeüsiH äüs Erden ein gütes ÄZört einitgen, wdim er sich iÜ Not oder Gefahr befände. Sie Leute, selbst diejenigen, deneü er Gutes getan, würden sich nür freuen, wenn dem „verrückten Alfred" aüch einmal etwäs Unangenehmes passierte! Hatte sich nicht bis jetzt jedermann widerstündslös seineni Willen untergeordnet? Weshalb sollte er die Kreaturen nicht in den Stäub treten, wenn sie unter seinen Tritten nicht einrNäl aufzuckten? Sie verdienten Nichts Besseres. Er hätte sein Späßchen und bezahlte sie dafür mit blinkendem Golde. Aber hier war einer, den er ebenfalls mit Gold bezahlen wollte und der es brauchen konnte, aber dieser Eine warf es ihm vvr die Füße, weil er seine Menschenwürde über alles liebte! Ein Gefühl, das der Fürst bisher nicht gekannt, an dessen Existenz er nicht geglaubt, beschlich ihn: er schämte sich — schämte sich vvr dem Inden.... Hatte er Nicht vor wenigen Stündett Stühlrichter Tot eine Strafpredigt ob seiner Greueltaten gehalten? Und er, Fürst BerziNskh, durfte sich dergleichen „Vergnügungen" gestatten?... Uebrigens lag es ja in seiner Hand, den Fehler gut zu machen. Der Arzt hatte ihm kühn die Stirn geboten, das verlangte Revanche! Nachdenklich durchschritt er sein GeMäch. dann brummte er: „Ja, ja, so wirvs am besten sein!... Und wie sich Lot, dieser eingebildete Geck, ärgern wird!" Mit diesem tröstlichen Gedanken ging der Fürst endlich zu Bette. Als Tot am änderen Morgen mit heftigen Kopfschmerzen erwachte, fand er sich in einem eleganten Schlafzimmer und an seinem Lager saß — er traute seinen Augen kaum — Doktor Viräg und fühlte ihm den Pulß. Dieser hochmütige Mensch, den er so haßte! Wie war er aber selbst in das fremde Gemach gekommen, was war mit ihm geschehen? „Bitte, Herr Stuhlrichter, verhalten Sie sich noch ein Weilchen ganz still, damit der Verband an Ihrem rechten Arm nicht herabrutsche. Der Spaß Ihrer Durchlaucht hätte Ihnen auf ein Haar das Leben gekostet. Ein tüchtiger Aderlaß hat Sie vor einem Schlaganfall bewahrt." „Spaß? ... Welcher Spaß?" Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen... Er erinnerte sich der unwürdigen Szene vom vergangenen Abend, auch der seltsam grunzenden Töne, die er während des Schlafes gehört. Und Virüg hatte ihn in einer so erbärmlichen Situation gesehen, ihm gar das Leben gerettet? Das war doch zu demütigend! Seine Stirn zog sich in krause Falten und doch wagte er nicht, den Arzt anzusehen. Dieser erhob sich jetzt förmlich und sagte: „Sobald Sie sich wohl genug fühlen, können Sie ohne Gefahr die Heimfahrt antreten; vielleicht haben Sie die Güte, mir ein kleines Plätzchen , in Ihrem Wagen anzuweisen; ich möchte je eher, je lieber dieses verwünschte Schloß verlassen. Seine Durchlaucht hat uns beiden einen tollen Streich gespielt." „Auch Ihnen?" fragte der Stühlrichter erleichtert. »Ja!" „Sie haben recht, nur fort von hier und — nicht wahr, Herr Doktor, Sie erzählen niemandem, was hier vorgesallen? Und dann-" setzte er, mit einer großen Verlegenheit kämpfend, hinzu, „bitte ich Siemir mein unverantwortliches Benehmen „Ach- Herr Stuhlrichter, ich weiß, was Sie sagen wollen — also keine Feindschaft! Hier meine Hand!" Tüt war im Grunde kein schlechter Kerl, nur ein echter und rechter ungarischer Stühlrichter vsn anno dazumal — was ins Deutsche übersetzt Gewaltsmensch heißte Er schüttelte deiü Ätzt kameradschaftlich die Händdann klingelte er Palt. Dieser trät geräde wie eine Tänrw uüv steif wie ein AutvMat ein. — „Melde gehorsamft, wohlgebornet Herr, daß ich schön seit einer Stunde vor der Türe Ihrer Befehle harre." „Laß sofort ansPanNeN, Herr Dvktor fährt Mit uns." Der atme Bursche kräute käünr seinen Ohren, doch wagte er nichts zu erwidern und ging kopfschüttelnd zur Türe; öott wäre er beinähe mit dem Fürsten züsammengestoßen. „Mir scheint, Kerl, der Rausch Deines Herrn ist auf Dich übergangen .. . Darf ich eintreten?" frägte er zur halb geöffneten Tür hinein. „Bitte, Herr Stühlrichter, kässen Sie sich gar nicht stören; kaltes Wasser ist das beste Heilmittel gegen Katzenjammer ... Uebrigens soll die Episode Vön gestern zwischen uns vergessen sein. Wir haben uns gegenseitig Nichts Vorzuwerfen und find — güitt. Sie, Herr Doktor, haben Mir zwar einen Spaß verdorben und mich, den Fürsten Alfred Berzinsky, wie einen Schuljungen abgekanzelt; gläuben Sie nicht, daß ich Vas üngetächt hiugehen lasse. Zur Strafe ernenne ich Sie zu meinem Hausarzt, und als Honorar für die nächtliche Visite geht „Satan" in Ihren Besitz über. Güteir Morgen, meine Herren, jetzt muß ich inspizieren gehen. Lassen Sie sich däs Frühstück gut bekommen!";; Litersrikchr Mitteilungen. Am 23. März sind 50 Jahre verflossen, daß der Begründer der Völkerpsychologie Moritz Lazarus seine vielbemerkte Antrittsrede an der Berner Universität gehalten. Seine Witwe, Frau Geheimrat Nayida Lazarus läßt zu diesem Tage eine Gedenkschrist unter dem Titel: „Ein Deuscher Professor in der Schweiz" (zirka 200 S.) bei Dümmlers Verlagsbuchhandlung erscheinen,, die interessante, kulturgeschichtliche und persönliche Daten, Briefe usw. bringt. Löbliche Redaktion! Die Unterzeichneten bitten um Aufnahme nachstehender Berichtigung der in Ihrem geschätzten Blatte vom 4. Februar 1910 übet Karlsbad erschienenen Notiz. Es ist unwahr, daß „sämtliche Vereine Karlsbads die Juden ausgeschlossen haben". Von den nahezu 200 Vereinen unseres Ortes haben sich allerdings einige wenige, es dürsten kaum mehr als drei sein, in früheren Jahren arisch erklärt, — die traurige Zeitströmung machte eben vor unseren Loren eben so wenig halt, wie vor den anderer internationaler Kur« und Reiseorte in gaüz Oesterreich, Deutschland und der Schweiz — aber die Ausschließung öer Jüdtzn aus sämtlichen Vereinen in Karlsbad ist eine platte Erfindung. Ebenso unwahr ist es, daß die Juden zu den Verattstältüttgett und Unterhaltungen hierorts nicht geladen werden. Sitz werden zu den meisten unterschiedslos eingeladen. Die bedauerliche gesellschaftliche Trennung zwischen Christen und Juden ist in Karlsbad nicht schlimmer als anderwärts. Das öffentliche und wirtschaftliche Leben ist in unserem Orte derzeit vollständig friedlich und ruhig. Karlsbad, den 18. März 1910. Adolf Rosen selb. Vorsteher-Stellvertreter. Dr. Ignatz Ziegler, Rabbiner. Druck und Verlag von Rudolf Müsse in BekliN. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Bchclin-