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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-31 · Heft 13 (31.3.1910) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 13 (31.3.1910)
Date
1910-03-31
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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Stiefel und Pelz.ab, .trat auf die Pferde zu, streichelt ihre Mähnen und besah sich - dieselben mit Kennerblick; dann erst sagte er: - „Bitte, überlassen Sie - mir den Rappen; ich - liebe wilde, feurige Pferde.",.; „Herr, Doktor wollten den „Satan" besteigen? Die, Bestie, die ich selbst kaum zu bändigen imstande bin? Können denn Herr Doktor überhaupt reiten?" fragte der Groom, verblüfft. „Davon sollen. Me . sich überzeugen, mein Freund," entgegn eie. Viräg lachend,. schwang sich mit Leichtigkeit: in den Sattel, ließ dem Reitknecht den Medikamentkasten überreichen und sprengte dann in vollem Galopp in die finstere Nacht hinein, den Abgesandten des Fürsten weit hinter sich lassend. Ehe eine halbe Stunde verstrich, stand er auf der Zugbrücke. Wer beschreibt die Enttäuschung Berzinskys, der spähend am fachelerleuchteten Söller stand! War es wirklich der Doktor, der fest und kerzengerade im Sattel saß und den der wilde „Satan" pfeilschnell näher brachte? Ein Jude konnte reiten, mit solcher Sicherheit und Eleganz reiten, und wagte es, ihn, den Fürstentum einen köstlichen Spaß zu bringen! Wie hatte er sich, daraus gefreut, den Arzt ungeschickt im Sattel hin-und herschwanken zu sehen, vor Angst bebend — ein „Häufchen Jammer", über das man sich vor Lachen ausschütten mußte. Fast hätte er in seinem Verdruß vergessen, weshalb er eigentlich Doktor Viräg hatte kommen lassen, wenn nicht ein Diener mit der Meldung erschienen wäre? daß der Arzt die Befehle Seiner Durchlaucht erwarte und zu dem Patienten geführt sein wolle. „Hahäha! Ein solches Krankenzimmer hat er gewiß in seinem Leben noch nicht betreten! Serviere ihm Wein und Kuchen und sage, ich würde sofort erscheinen, um ihn persönlich zu seinem Patienten zu geleiten." - -- Viräg war in der rosigsten Laune; nach dem scharfen Ritt iw der kalten Nachtluft fühlte er sich in dem'eleganten, durchwärmten Zimmer sehr behaglich. Sein geheimer Wunsch, Leibarzt des Fürsten zu werden, ging der Erfüllung entgegen. Er würde mit dem Sonderling, von dem er so viele ergötzliche, aber auch traurige Geschichten gehört, schon fertig werden und ihm Achtung abzwingen. Er wollte keine Puppe in seinen Händen sein, sondern ihm männlich und fest entgegentreten, Mann gegen Marin. Er wußte sich ja stets bei seinen Patienten Geltung und Vertrauen zu verschaffen, sein Glück konnte ihn auch jetzt nicht verlassen. Feste Schritte näherten sich der Türe; der-Arzt blieb ruhig sitzen und schlürfte mit Wohlbehagen den köstlichen Wein. Erst alsder Fürst die Schwelle überschritten, setzte erdas Glas aus den Tisch und erhob sich mit einer kurzen Verbeugung. Wortlos standen sich die beiden eine Weile gegenüber und mustertest einander. Belustigt blitzten die Augen des Arztes auf beim Anblick des Fürsten, der sich in seinen spanischen Mantel. gehüllt. Dieser bemerkte es, zog die Stirn in krause Falten und deutete Viräg mit einer Handbewegung, wieder Platz zu nehmen.. - „Der Ritt auf meinem „Satan" .ist Ihnen wohl bei so später Nachtstunde und bei den schlechten Wegen recht sauer geworden?" fragte der Fürst, noch immer stehend, mit prüfendem Blick. " ^Durchaus nicht. Bin Husar gewesen. Durchlaucht hätten mir nichts Angenehmeres erweisen können. „Satan" ist ein prächtiges Tier und macht seinem Herrn alle Ehre!" ' Die Unmutsfalten aus der Stirne des Hausherrn verschärften sich. „Darf ich Durchlaucht ersuchen, mich zu meinem Patienten führen zu lassen?" < „Hat keine Eile! Wie, wenn gar kein Kranker vorhanden wäre?. Wenn es mir... nur Vergnügen bereitet hätte. Sie in der.Geisterstunde einen Ritt durch unseren verrufenen Wald machen zu lassen, um Ihren Mut zu erproben?" Der Arzt blickte dem Fürsten prüfend in die Augen und erfaßte dann dessen Hand, um ihm den Puls zu fühlen; erst nachdem dies geschehen, antwortete er ruhig aber scharf: „Ich mußte mich überzeugen, ob nicht ein Fieberkranker zu mir spreche. Ihr Puls ist normal, Durchlaucht,- und so antworte ich denn:- Ich bedauere Sie, Fürst, wenn Sie mich wirklich nicht zu einem Patienten rufen ließen, sondern nur meinen Mut erproben wollten! Gestatten Sie mir die Be-, merkung, daß ich ein freier Bürger des Staates bin, der seine Kräfte nicht den Launen eines Despoten unterzuordnen braucht. Suchen Sie sich in Zukunft andere Scherzobjekte!" . In diesem Augenblick stürzte der etwas angeheiterte Pali zur Türe herein: ,-Durchlaucht, Durchlaucht, ich hab's ja gesagt, mein armer Herr stirbt, und Sie haben ihn gemordet! Die Schweine.... . die Schweine fressen ihn auf... ich habe es deutlich gehört; wenn er aus dem Rausche erwacht, ist er tot, mausetot!" Verwundert blickte der Arzt von dem Fürsten auf Pali, und von diesem auf jenen; er glaubte zwei Irre vor sich zu haben, .denn der erstere durchmaß erregt das Zimmer, während der letztere.micht aufhörte,., um die Befreiung seines Gebieters aus dem Schweinestall zu flehen. Endlich beruhigte sich der Fürst, blieb vor Viräg stehen und blickte, ihm prüfend ins Antlitz, als ob. er sein Innerstes erforschen wollte. „Ich danke Ihnen, Doktor," sagte der Fürst plötzlich und reichte Viräg die Hand, in welche, dieser nur zögernd die sinnige legte. „Wollen Sie die Güte haben, an Herrn Stuhlrichter Tot Ihre Kunst zu erproben und. dann die Pacht in meinem Schlosse zu verbringen?'. . . Du, Pali? schaffe den Trunkenen ins. Gastzimmer ... für heute gute Nacht!" — Sprach's und verschwand. ~ '; Noch lange hörte mast ihn in seinem Schlafzimmer aüf- , und abgehen, ehe er sich zur Ruhe begab? Ein seltsamer Widerstreit tobte in seiner Brüst. Sein besseres Ich lag mit .dem Kobold, der ihn zumeist beherrschte? in heftigem Kampfe. Zum erstenmal in feinem Leben hatte es jemand gewagt,'ihn wie einen Schuljungen abzukanzeln — ihn/ den Fürsten Berzinsky, zu bedauern. Das konnte und wollte er sich nicht gefallenlassen! Mit welchem Rechte durfte es ein Mensch, der im Schweiße seines Angesichts sein tägliches Brot verdienen mußte, wagen, ihn zu bedauern? Bis' jetzt war er allgemein beneidet und geehrt worden: Geehrt? Nein, gefürchtet;' noch niemand hatte sich erfrecht, so mit ihm zu sprechen, wie der einfache Landarzt. . . . Konnte er sich das ungestraft gefallen lassen? Nein! . . . Nie und nimmer! Ingrimmig ballte er die'Faüst. . . . Dochda flüsterte ihm eine Stimme seines Innern zu: „Der Mann, der-Dich so erzürnt, hat sich ja nur seiner eigenen Haut gewehrt, seine Manneswürde verteidigt ... Er ist eben besser als die anderen: Du -hast ihn ohnb Grund und Ursache beleidigt, und er hat Selbstgefühl und Ehre genug/ um sich das nicht gefallen zu lassen, selbst von einem Fürsten Berzinsky nicht. .:. Ein Gedanke jagte den anderen, ein Bild das ändere, und nach und nach rollte sich sein ganzes vergangenes Leben vor -ihm - aus. - Was er sah, - erfüllte ihn' mit ' Schauder und Ekel! Er hatte alles, alles genossen, was für Geld zu erreichen war, aber wie? Nur Sklaven umringten ihn, die nicht aus Liebe oder Dankbarkeit bei dem launischen Despoten aüsharrten, sondern nur um des eigenen Vorteils willen. Wie glücklich erschien - ihm in diesem - Augenblick der Mann im Schweinestüll l Hatte nicht 'eine tleue Seele um seine

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