Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1910)
- Date
- 1910-03-31
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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15S seit gerartmet Mt durch meiste Zimmer, da soll ich helfen/) raten, und düs hat abgesehen von allem andern das Mißliche, daß' ich viel aus der mir so Nötigen Ruhe aufgefcheuHt Werde, aus dem mir so Nötigen Dämmern und Brüten. Unter allen Vedürßckffett steht mir das nach öfterer stiller Einsamkeit obenan, ich maß mich in mich versenken, und wenn ich genötigt werde, den ganzen Tag über schon von Morgens aN zu sprechen und zu sondieren, erfaßt mich eine unerklärliche Ungeduldurlb Haft. Darum liebe Nina, denke ich auch so viel daran, daß wir künftig einen guten Teil des Sommers auf dem Lande verleben wollen, vielleicht schaffen wir uns da auf sttrem schönen Fleck deutscher Erde ein eigenes kleines Heimwesen an, und . Du wirst gewiß gern mit Mir in Berg und Wald leben, ich mitten im freien Naturleben erst in Meiner echten Lebenslust, obgleich ich Mich auch andererseits nie da verstehen könnte, mich von den CultUrstätten zu entfernen. Ich denke eben daran, liebe Nina, wir sind noch nie miteinander im Freien gewesen. Wie herrlich wird es sein, wenn ich Drch da bei mir habe, ich habe einmal das Wort gefunden, aber es paßt NUr für mich und die allgemeine Welt wird es nicht verstehen, mir wirds oft ganz „waldweh" zu Mute. Ich schwärme Nichtin der Natur,, denn ich fühle mich ihr vertraut und »ah von Kindheit arks, und wenn ich jetzt so denke, wie ich Dich bei mir haben werde, da sproßt der ganze Frühling vor mir auf, während es draußen jetzt eben noch mächtig schneit. Wie lieb und innig geht mir Dein Ausspruch zu Herzen, Du gute meine Nina, daß Du so gern jetzt um mich sein und mich die Tage beleben möchten. Freue Dich daß wir . ein schönes großes Leben mit einander vollbringen werden, und wir müssen jetzt diese Zecken noch gerne zum Opfer bringen. Sind wir ja unserer sicher. Du bist mir so gewiß, wie meine eigenen Gedanken, wie meine rechte Hand. Mein August ist so prächtig wie ich dies gärnicht sagen kann, und wenn ich ihn ansehe, denke ich jetzt oft wie Deine mütterliche Liebe ihn umfassen wird, er lernt jetzt kaufen und wird in Nächster Woche entwöhnt. Ich werde Dir öfter schreiben, kürzer oder länger wie es kommt, ich werde wahrscheinlich noch mit meinem Schwiegervater eins Reife nach Berlin machen, bevor wir uns wieder sehen. Ich schreibe Dir das indeß noch vorher, wenn ich übteise. Lebe wohl, du innig geliebte Mna und möge ich in Gedanken uttv in der Wirklichkeit Dir stets so zur Freude sein wie Du es mir bist Deinem Berthold. Breslau, 31. März 1849 Morgens 11 Uhr. Gestern war ich den ganzen Mittag zum erstenmal spazieren geritten und da hörte ich zum erstenmal wieder die Lerchen jubeln in der Lust und wehmütig wonnig war mir^s im Herzen. Dabei fühlte ich auch zugleich eine allgemeine Freude, denn gestern war die Nachricht von der Kaiserwahl in Frankfurt hier angekommen, mein Vaterland kann jetzt einer großartigen Entfaltung entgegen gehem Ich kann nicht aussprechen wie mir da war, so erfüllt von dem großen Natur- und Menschenleben zugleich und mitten darin stand das neue Leben, das mir durch Dich wird und die Trauer, die ich noch immer nicht vergessen kann, trat zurück und ich war y Vörgl.: Briefe von Jacob Auerbach, Band II, 444. Dort erzählt Aüerbttch Ml dem Freunde, wie ihn der Wiener Flüchtling Dti Göldmärk unversehens in Breslau Heimsüchte mit der Bitte, ihn vor Spionen zu retten. Eoldniark wur fälschlich der Mitschuld an der Ermordung des Kriegsurittisters Grafen Latour bezichtigt worden. Am nächsten Tage schlich sich bei Aiurbach in der Uniform der Akademischen Legion ein Anderer ein, den er als Spion erkannte. Wie ein Vogel auf einer Bergeskante, der mit plötzlichem Aufraffen frei hineinschwebt in den Aether. Ach, meine liebe Nina, ich sprach Deinen Namen oft vor mich hin, das war mein Halt und mein Gebet. — Jetzt, da ich in meinem stillen Zimmer sitze. Wollte ich allerlei arbeiten, aber ich kann nicht, was gibt es jetzt Erdichtetes, das mitten im Ouellsprung des neuen Lebens mich so erfassen könnte, wie dieses selbst? Ich studiere Mancherlei, altdeutsche Mythologie und dergleichen, was mir immer besondere Freude macht und auch für. später nicht ohne gute Produktionskeime bleibt. Auch lese ich jetzt ein Buch „Drei Sommer in Tyrol von Ludwig Steub", an dem ich mich wahrhaft erlabe, ich atme da Bergeslust im Geleite eines frischen Menschen. Ich brauche auch diese Lektüre für eine spätere Arbeit, von der ich Dir in unserem Gemeinleben noch mitteilen werde?) Einzelnes in dem Buche wird auch Dir sehr gefallen. Ich denke mit Hochgenuß daran, wie wir einst das Beste, was die Besten aller Zeit geschaffen, gemeinsam in uns aufnehmen werden und so die weite Ewigkeit in uns fqffen. Zage nur nicht ob solcher zukünftigen Selbsterfüllung,, das gesunde Herz hat die Welt in sich und kann sie in sich aufnehmen. Ich werde soeben durch einen Besuch unterbrochen. Berlin, den 4. April 49. Heute ist der Todestag meiner Auguste und an ihm schreibe ich Dir, nachdem ich lange allein in mich geschaut, trockene ich den Blick und schaue hinein in die sonnige Welt, in Dich. Ich weiß, was ich damit tue und weiß, daß Du mich ganz verstehst. Meine liebe Nina! Du hast ein großes Herz, und dies allein ermächtigt Dich, so zu sein wie Du bist und das Heilige zu vollbringen. Ich habe meine Auguste von ganzer Seele geliebt, das weißt Du und daß ihr ewiges Andenken meinem Herzen innewohnt, aber ich weiß auch, daß die Verklärte, wenn sie Dich so kennte wie ich. Dich und mich segnen würde. Das ist das Höchste, was ich Dir sagen kann. Du bist meine Erlösung und mein Heil, mein neues Lebens Und Du wirst finden, daß dieses ein ganzes vollauf Dir geweihtes sein wird, wenn ich auch getreu zurückschaue auf das heilige Grab. Du bist stark und groß genug, mich ganz^ zu fassen, ich kann und brauche nicht weiter reden. Es muß auch das Dich glücklich machen, meine Nina, daß Du mein Heiland bist und meine Wiedergeburt in Dir ruht. Ich. werde von Tag zu Tag Dir betätigen, daß Du mir das Leben gegeben. * Ich habe Dir^s gesagt, meine Nina, nachdem ich Dir den Abschiedskuß gegeben und ich noch eine Weile Dich anschauend zu Dir reden durfte: das ist mir Alles schon wie geschrieben. Ich kann Dich jetzt nicht mehr erreichen, Dich nicht fasten und am Herzen halten. Ach, meine Nina, ich glaubte, ich würde stärker sein in dieser Abschiedsstunde, ich war es nicht, schwer, unendlich schwer lag es auf mir, und ich ging draußen im Sturm umher wie ein frierendes verlassenes Kind, Jetzt ist mein Auge trocken, und ich hefte den Blick auf dieses Blatt, auf dem Dein Blick ruhen wird, das ist alles, was ich will. Was kann ich Dir sagen? Ich will nur zu Dir reden, ich weiß nicht was, aber ich weiß doch, wenn ich zu Dir rede, daß ich Dich habe. Ich sage mir selber, wie ich Dir zugerufen: sei stark und heiter, gedenke der Freuden, die wir gehabt und *) Vermutlich für sein Drama: Andrae Hofer. 2) Auerbach hätte Nina bei ihren Eltern in deren Sommeraufenthalt Eisgrub bei Luüdenburg besucht. Ort und Zeit der Niederschrift steht am Schluß der Zeilen.