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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-31 · Heft 13 (31.3.1910) · p. Seite 149

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 13 (31.3.1910)
Date
1910-03-31
Page
Seite 149 (sequence 5)
Language
German
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^’’-w «*' 'S,*71^ \rf ’w v-^' ■ 14«. Lehrer war, der humoristisch vornehme La Roche, der unnachahmlich liebenswürdig-graziöse Fichtner, der übermütig-lustige Beckmann, der scharf charakterisierende Meixner, die durchgeistigte Rettich, die unvergleichliche Haizinger, die bezaubernde Neumann, die noch unter unS weilende Christine Hebbel, und um diese herum scharte sich eine stattliche Reihe hoch begabter und begeisterter Kunstjünger. Sonnenthal riß Augen und Ohren auf, weit auf, und er sah und hörte. Es verging kaum ein Abend, an dem er — auf der Bühne unbeschäftigt — nicht mit anderen jungen Kollegen in den engen Künftlerlogen des alten Burgtheaters, Kopf an Kopf gedrängt, atemlos den Offenbarungen auf der Bühne gelauscht hätte. Das war, wie er in einem Briese an den ausgezeichneten Kritiker Ludwig Speidel schrieb, „meine, das war unsere Schule, nicht, was heute unter dem allgemeinen Begriff „Schule" verstanden wird, wo der Schüler den Lehrer in Wort und Geste mechanisch nachzuahmen strebt, nein, das innerste Wesen dramatischer Kunst wurde uns da vor Augen geführt. Wenn ein Anschütz als Lear oder als alter Musikus Miller da unten auf der Bühne stand und man sah, wie jede Fiber dieses Mannes bei jedem seiner Worte erzitterte, wie er bei aller Plastik seiner stilvoll gehaltenen Reden doch unsere Herzen um- und umwendete, wie er selbst die Augen voll Wasser, uns weinen und schluchzen machte, wie er durch das völlige Aufgehen in dem Charakter seiner Rolle uns, Leute vom Handwerk, die Bühne ganz und gar vergessen machte, da koant<doch niemand an eine blinde Nachahmung denken; aberman ging nach Hause und fragte? sich: Welches sind die Mittel, die eine solche Wirkung hervorbringen? Und wenn man reiflich darüber nachgedacht, so kam man zu dem Schluffe: nur durch geistige und seelische Vertiefung in den Gegenstand seiner Aufgabe, - nur durch das vollständige Sich-hittein-lügen in die gegebene Situation vermag der darstellende Künstler den Schein der Wahrheit zu erreichen, ja die Wahrheit und die Natur selbst, ohne die Grenzen des Schönen auch nur mit einer Linie überschreiten zu brauchen." Damit traf er den Nagel auf den Kopf, dies war der Schlüssel zu seiner nachmaligen unvergleichlichen Kunst. Er war und blieb zeitlebens der Meister der „Einfühlung" und liest sich in seiner Anschauung niemals durch widersprechende Ansichten berühmter Kollegen beirren. Sein Freund Coquelin zum Beispiel behauptete, der Künstler müsse über der Situation stehen, und als er ihm gelegentlich gestand: „Mon eher ami, depuis vingt aas je tt’äi plus d’enriotiön, “ da mußte er ihm erwidern: „Nach 40 Jahren habe ich das Lampenfieber noch nicht verloren." In der Schule des alten Burgtheaters und geleitet von feinem unvergeßlichen Freunde und Direktor Heinrich Laube vollzogen fich seine Lehrjahre. Immer mehr verdichtete sich in ihm der Gedanke, daß Wahrheit, Natur und Einfachheit der Spielweise der Stein der Weisen fei. Und später wollte man ihm weißmachen, daß jene Schule eine veraltete sei, daß matt ganz anders, realistisch spielen muffe! Ja, was heißt denn realistisch? Offenbar natürlich und wahr. „Gehören denn aber," schrieb er in dem erwähnten Briefe an Speidel, „Natur und Wahrheit nicht zu den obersten Prinzipien Änserer Altmeister? Ja doch, aber sie waren nie uns Kosten der Schönheit natürlich, sie waren nie auf Kosten der Wahrheit roh und brutal. Nein, mein Freund, und mag man mich verurteilen, wie man will, ich werde diese sogenannte „moderne" Spielweise nie anerkennen, ich werde die Prinzipien unserer Kunst, die ich als die einzigen wahren und echten erkannt, ich werde sie nie verleugnen, und so lange mir der Himmel noch die Kraft gibt, an unserem Institute arbeiten zu können, werde ich, so weit ich es vermag, dahin wirken, daß diese „alte" Tradition ausrecht erhalten bleibe." . Unvergeßlich wird mir der Toast sein, den Meister Sonnenthal an dem im April 1891 von der Wiener Concordia zu Ehren Ibsens veranstalteten Abend aus den Magus des Nordens sprach. Er dankte ihm im Namen der Kunstgenoffen dafür, daß er durch seine dramatischen Schöpfungen der Schauspielkunst neue Bahnen gezogen: „Der Weg der Wahrheit und Natur, den unsterbliche Dichter vorgezeichnet, wurde im Lause der Zeit von Dichtern und Schauspielern ein wenig ausgetreten, hie und da versumpft. Der Weg wurde nachgerade unbequem, und man hat es vorgezogen, geebnete, scheinbar kultiviertere Wege einzuschlagen. Es waren aber Seitenwege, Umwege, ja nicht selten auch Schleichwege. Da kommt auf einmal ein Ackersmann aus dem Norden, und mit kräftigem Sensenhieb mäht er das Unkraut, das sich auf seinem Wege wuchernd angesammelt hat, hinweg, er durchackert den Boden aufs neue, und siehe da, eine neue Völkerwanderung zieht nun auf diesem schönen, breiten Wege zum Tempel der Wahrheit und der Natur. Wenn auch mancher in dem frisch geackerten Boden stecken bleibt, er hilft sich schließlich doch wieder heraus. Und diese Umackevung des Bodens, mein edler Meister, verdankt die Schauspielkunst Ihnen. Sie haben uns mit Macht in Ihre Bahn gezogen. Durch die wahren menschlichen Gestalten, die Sie geschaffen, haben Sie uns gezwungen, die Natur in der Kunst, in dem Künstler den Menschen aufgehen zu lassen. Und wenn ich Sie heute, wie Dr. Stockmann sich selber, den stärksten Mann der Welt nenne, so sind Sie es nicht, weil Sie allein stehen, nein! Tausende stehen hinter und neben Ihnen, und seien Sie versichert, unter uns Künstlern haben Sie unbestritten die 'kompakte Majorität'." Der Trinkspruch fand lebhaften Widerhall. Ibsen trat auf Sonnenthal zu, dankte ihm und gleich darauf umarmten sich beide und küßten sich. Nebst der Schule des Burgtheaters wollte Sonnenthal auch die der Comedie Franqaise kennen lernen. War sie doch neben jenem das einzige Theater, das noch Schule machte. Er ging also nach Paris und gestand gern, daß er dort seine Erfahrungen nicht wenig bereichert habe. Er hatte das Glück, auch dort noch die Altmeister vereinigt zu sehen. Gleich am ersten Abend wäre es ihm aber beinahe passiert, daß er sachte vor die Tür gesetzt worden wäre. Er hatte nämlich seinen Sitz in der ersten Reihe, und bei dem ersten Abgänge Samsons, des Lehrers der Rachel, nach einer meisterhaft gespielten Szene applaudierte er wie toll; Va hörte er, wie sein Nachbar zu seinem Nebenmanne sagte. „Cette maudite claque, die macht sich jetzt schon hier vorne breit, das darf man sich nicht gefallen lasten, werfen wir den Burschen hinaus." Der andere besänftigte ihn und meinte, er solle nur warten, bis der Bor- Adolf v. Sonnenthal. IMM

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