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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-31 · Heft 13 (31.3.1910) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 13 (31.3.1910)
Date
1910-03-31
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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147 ' -Sehe interessante Resultate über die Ausgrabung in Palästina stellt Prof. Sellin in einem Aufsatz der-„Umschau" züsammen. Die' „Nationalzeitung" bringt daraus einen Auszug, -„Was der Boden Palästinas erzählt"- aus dem folgendes auchfür^nnsete Leser von Interesse sein wird: „Fast überall zeigten sich die von den alten Kanaanitern, er; richteten Stadtmauern in ihren Fundamenten noch erhalten, die von den Israeliten vielfach nur ausgeflickt und durch viereckig behauene Quadern ergänzt wurden, während die Kanaaniter noch mit polygonalen Steinen bauten. Auf Grund dieser Mauern lassen sich die Städte dieses Volkes, das im dritten vorchristlichen Jahrtausend Palästina zu einem Kulturlands machte, aufs genaueste erkennen und von den späteren israelitischen- Ansiedlungen abgrenzen. Durch eine merkwürdige Fügung ist gerade -die in dreifachem Gürtel verlaufende Mauer von Jericho, die durch die Erzählung der Bibel so berühmt geworden, am besten erhalten. Innerhalb der Stadtmauern stehen vielfach noch die Hausmauern in einer Höhe bis zu zwei Metern, und auch der außerordentlichgeringe Umfang der Zimmer läßt sich noch feststellen, Die. Behausungen selbst sind ebenfalls sehr klein, und sogar die aufgedeckten fürstlichen Burgen unterscheiden sich von den anderen Häusern nicht durch größere Ausdehnung, sondern nur durch größere Anzahl der Räumlichkeiten. In den Häusern wurden zahlreiche Geräte'entdeckt, die der Raubgier der Feinde als. wertlos erschienen waren und den Feuersbrünsten widerstanden hatten. Vorwiegend haben, die Kanaaniter mit Steinwerkzeugen gearbeitet, die auch in israelitischer Zeit noch in Gebrauch waren. Dazu'kommen seit dem Jahre 2060 Bronzewerkzeuge und seit dem Jahre 1Ö00 eiserne Geräte. Von Edelmetall hat Sellin nur ein einziges Mal in Taanach den kompletten Goldschmuck eines kanaanitischen Weibes gefunden, die Engländer aber machten in den Gräbern von Gezer reichere Ausbeute.. Den wichtigsten Ertrag boten die Erzeugnisse, der Keramik, Krüge, Teller, Lampen usw. aus kanaanitischer, israelitischer, griechischer römischer und noch späterer Zeit, die die sicherste Handhabe zur Datierung der betreffenden Kulturschichten gaben und durch ihre charakteristischen Dekorationen erkennen ließen, was ausländischer Import und was einheimisches Fabrikat ist. Die Fülle mykenischer, zyprischer, ägyptischer Ware erwies, daß Palästina nicht von der Kulturentwicklung der antiken 'Welt abgeschlossen war, sondern bereits im zweiten vorchristlichen Jahrtausend mitten im Strome der altorientalischen Kultur stand. Die in Menge gefundenen Siegelsteine, die jeder Kanaaniter und Israelit an einer Schnur um den Hals und später wohl auch am Finger trug, zeigen interessante Embleme. Auch ganze Inschriften, wurden, gefunden, ja sogar in Taanach. das Archiv eines kanaanitischen Stadtsürsten aus dem 15. Jahrhundert v. Ehr., auf Töntaseln in babylonischer Keilschrift geschrieben. Von israelitischhebräischen Inschriften ist bis jetzt erst eine größere von den- Engländern entdeckt worden. Neben dem inschrrftlichen Funden stehen die religionsgeschichtlichen, die uns die Kultstätten der Kanaaniter, auf Bergeshöhe errichtete Felsaltäre und Steinsäulen, vorsühren, ihr Räuchergerüt, Amulette und kleine Götterbilder aus Ton, Emaille und Bronze, Am häufigsten erscheint Astarte, die Göttin der Fruchtbarkeit. Leichen neugeborener Kinder, die an einzelnen Stätten der Reihe nach in Krügen beigesetzt waren, ließen erkennen, daß die Kanaaniter ihren Göttern Kinder opferten. Die Ausgrabungen in Palästina illustrieren auf das lebendigste . das, was die Bibel , über das alltägliche, soziale und religiöse Leben der Kanaaniter und Israeliten erzählt. Siezeigen die wechselnden Kultureinflüsse auf, die sich in der überall herrschenden babylonischen Schrift, in den ägyptischenElementen der Volksreligion, ja auch in dem lebhaften Import ägäischer Waren - von. den griechischen Inseln her dokumentieren. Die Geschichte des. Landes offenbart sich in den wechselnden Kulturschichten, aus denen .wir. ablesen können, wie die Babylonier, Aegypter, Philister Herren, des Landes waren, wie die Israeliten um 1000 t). Ehr. unter David und Salomo, das ganze Gebiet eroberten. Erst um 1OOO erheben sich plötzlich in allen bis jetzt aüsgegrabenen Städten die ganz charakteristischen israelitischen Burgen. Auch die Religionsgeschichte erhält reichen. Gewinn durch die'Inschriften, Götterbilder und Kultplätze, die die ganze Religion der Kanaaniter lebendig machen. .Neues Licht verbreitet sich über die Entwicklung, durch die aus jener Mischreligion die Religion der Propheten, der geistige Monotheismus entstand. Seit dem Jahre 1000 etwa schwinden die Eöttergestalten von den Siegeln, an den Krügen und Schalen tritt das Farbenprächtige und Bildnerische zurück. Idole, Amulette werden seltener, die Kinderopfer hören auf, bis endlich im 5. Jahrhundert .v. Ehr. die Krughenkel kein Emblem mehr tragen, sondern einfach in aramäischen Lettern der Name des Gottes Israels erscheint: „Jahn". * Sehr merkwürdig ist die Meldung, daß in Konstantinopel auch in die Leibgarde des Sultans christliche und jüdische Rekruten eingestellt werden sollen. Da diese Leibgarde nur aus 320 Mann besteht, und sie viele Jahrhunderte nur aus „Anhängern des Propheten" gebildet wurde, so ist damit ein weiterer Schritt in der. Zurückdrängung der Religionsunterschiede gemacht. Nach einer Zusammenstellung des „lloivers Israelite“ I zählen der italienische Senat und die dortige D.eputiertenkamm er je elf jüdische Mitglieder. * Aus England meldet dasselbe Blatt, daß die Zahl der Ehen in der jüdischen Bevölkerung abnimmt. Sie betrug im Jahre 1909 nur 1329 und war trotz des Anwachsens der Bevölkerung nicht größer als vor zehn Jahren. Sehr bemerkenswert ist die Nachricht, daß die Zahl der in London wegen Vergehen oder Verbrechen Bestraften im Laufe von sechs Jahren um 40 Prozent abgenommen hat. Während man im Jahre 1904: 717 eingekerkerte Inden' zählte, betrug deren Zahl im Jahre 1909 nur 433. 4* Die „Kreuzzeitung" schreibt: „Außerordentlich hoch ist unter gewissen fremden Staatsangehörigen in Deutschland die Zahl der Juden. Nach dem „Statistischen Jahrbuch deutscher Städte" waren in Berlin von den 91OO russischen Staatsbürgern nicht weniger als drei Viertel Juden, von den 45OO Ungarn die volle Hälfte und von den 23 100 Oesterreichern immerhin noch ein ganzes Drittel." Die Nachricht sei unseren Statistikern zur Prüfung empfohlen. Die wenig schmeichelhaften Bemerkungen, mit denen das konservative Blatt diese Notiz begleitet, werden für unsere Leser schwerlich Interesse haben. Dagegen wird man gern folgende Reminiszenz lesen, die/ ein alter Abonnent der „Vossischen Zeitung" diesem Blatte schreibt: Gelegentlich der Verhandlungen im Reichstage über die Zurücksetzung der jüdischen Einjährig-Freiwilligen wurde auch Klage geführt über deren Behandlung beim 2. Garderegiment zu Fuß. Wie hat sich doch der in dessen Osfizierkorps herrschende Geist geändert! Als ich vom 1. Juni 1866 bis dahin 1867 bei diesem Regiment meiner Dienstpflicht genügte, erhielt ich nicht nur nach bestandenem Examen die Qualifikation zum Landwehroffizier, sondern nach etwa einem Jahre die nachstehende Anfrage vom 4. Juni 1868: „Euer Hochwohlgeboren ersucht das Regiment um umgehende Erklärung hierunter, ob Sie damit einverstanden sein werden, wenn das Regiment seinerzeit Ihren Uebertritt zum Reserveoffizier des 2. Garderegiments zu Fuß beantragen würde, (gez.) Graf v. Kanitz, Oberst, Flügeladjulant und Regimentskommandeur." Das Regiment nahm also zu der Zeit keinen Anstand, einen Juden selbst unter seine Reserveoffiziere aufzunehmen, denn daß ich mosaischer Religion, wußt . es aus mein.em Nationale. Und heute! Ich habe sogar alle Veranlassung zu glauben,' daß diese Anfrage seinerzeit ganz absichtleich -1 I l

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