Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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7,. Nr. ,2 Der Oemeindebote. ***!S- *lri Vrilsge zur „Ällgemelnen Lettung deL IuüentumK^. GsrrrlponÄrntzen und Nachrichten. Deutschland. J. Berlin, 21. März. Unter dem Vorsitze des Herrn Dr. Isidor Ginsberg fand gestern im Hotel Adlon eine. Versammlung der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation statt, die außerordentlich stark besucht war. Der Vorsitzende begrüßte die Erschienenen und gab dann in einleitendem Vortrage ein Bild der trostlosen Zustände, unter denen insbesondere die Juden Rußlands leidem Die von der konstitutionellen Bewegung in Rußland erhoffte Aufhebung der Ausnahmegesetze und Eindämmung der jüdischen Auswanderung sei nicht eingetreten, auch in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Die russische Duma sei in ihrer Majorität ausgesprochen judenfeindlich, und die kleine Zahl der Duma-Mitglieder, die den Juden nicht feindlich gegenüberständen, wage es nicht, angesichts dieser Stimmung der Majorität irgendwelche Anträge auf Besserung zu stellen. Die judenfeindliche Administration drangsaliere die Juden in unmenschlicher Weise, und was diese nicht tut, besorge die antisemitische Gesellschaft. In Rußland herrsche eine permanente Pogromstimmung, dazu trete die ökonomische Krise und andauernde Arbeitslosigkeit unter den Juden. So erschöpft sich selbst die berühmte jüdische Zähigkeit, der russische Jude greife zum Wanderstabe, aber auch dann ist sein Elend nicht zu Ende. Er werde den deutschen Gemeinden bei der Durchreise zur Last, die schließlich beim besten Willen nicht allen Anforderungen genügen können. Aber noch schlimmer sei, daß auch die Länder, in welche sich der Auswandererstrom ergießt, mit osteuropäischen Juden übersättigt seien, so daß die Gefahr entstehe, daß auch dort eine Judenfrage in die Erscheinung trete. Es sei daher unerläßlich, den Auswandererstrom abzulenken. Und hierfür biete das so dringend erforderliche neue Ansiedlungsgebiet die Türkei, die stets, auch zu Zeiten, des krassesten Absolutismus den Juden gegenüber tolerant gewesen ist, und jetzt, nachdem sie. in die, Reihe der modernen. Verfassungsstaaten getreten ist, erst recht den Juden besonders freundlich gegenübersteht. Es komme auch hinzu, daß der Transport aus dem Süden Rußlands dorthin wesentlich billiger sei, da die Fahrt von Odessa nach syrischen Häfen nur 20 bis 30 Mark kostet. Der Herr Vortragende verweist auf die in Palästina bestehenden irdischen Bauerndörfer und erläutert die Ziele der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation". Der Zweck derselben sei die Ablenkung der Auswanderer nach dem Orient, die Förderung der landwirtschaftlichen und industriellen Kolonisation derselben, aber nicht auf philanthropischer Grundlage, sondern auf organisatorischer und geschäftlicher. Nicht Mittellose zu unterstützen habe man die Absicht, sondern lediglich für gute Vorbedingungen der Ansiedlung, für Gewährung von Krediten, Erleichterung der Ansiedlung usw. zu sorgen. Nachdem der Vortragende dann noch das Verhältnis der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" zu den anderen großen Organisationen, mit denen man gerne kooperieren wolle, und zu denen allen man in keinerlei Gegensatz stehe, auch den religiösunparteiischen, politisch und nationalen absolut neutralen Standpunkt der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" betont hatte, ging er mit einigen Worten auch auf die Stellung der Türkei zu der ^Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" ein. Die türkische Regierung wolle weites Entgegenkommen betätigen, deshalb habe die Gesamtheit der Juden die Pflicht, zum Gelingen des Werkes das ihrige beizutragen. Es sei in der Tat ein günstiger historischer Augenblick. Die Türkei braucht Menschen und Kapital, und unsere Glaubensgenossen in den Unkulturländern brauchen Land. Sobald man ein Kapital von 500000 Mark beisammen habe, werde man an die Gründung einer Parzellierungs- oder Erwerbsgesellschast heran« treten. Deshalb bitte, er, den Kolonisationsfonds reich zu bedenken. Dann erhielt Dr. Nossig das Wort, der in ausführlicher Weise über seine Mission bei der türkischen Regierung und deren Vorgeschichte Bericht erstattete. Unmittelbar nach der türkischen Staatsumwälzung wäre die Stimmung der Türkei gegenüber den Juden und einer eventuellen Ansiedlung osteuropäischer Glaubensgenossen in der Türkei eine überaus günstige gewesen. Er erinnerte an die Aeußerung Ahmed Riza Beys, die dieser gegenüber dem Oberrabbiner Dr. Nahum in Kottstäntinopel äußerte: „Wir wünschen sehr zu sehen, daß die Juden anderer Länder, wie die russischen und die rumänischen, in unser Land kämen und uns die Mithilfe ihrer Intelligenz und ihrer Tugenden brächten" usw. Dann aber trat später ein Moment ein, in welchem die maßgebenden Kreise der Türkei kopfscheu wurden. Sie erfuhren, daß viele Juden in Palästina noch keine türkischen Untertanen seien, sondern die alte Staatsangehörigkeit bewahrten. Ferner flüsterten ihnen die alten Beamten zu, daß mit der Einwanderung osteuropäischer Juden nationale und politische Zwecke verfolgt würden. Auch die türkische Presse gab diesem Mißtrauen Ausdruck, und die Einwanderungsbestimmungen sollten daraufhin schärfer angewendet werden. Dem Redner, Dr. Nossig, ist es nun bei seinem Aufenthalt in Konstantinopel gelungen, die alte judenfreundliche und günstige Stimmung durch Aufklärung wieder hervorzurufen. Auf Anregung des türkischen Botschafters Nizami Pascha in Berlin, der sich als den Juden ungemein wohlgesinnt betätigt hat. überreichte die „Allgemeine Jüdische Kolonisations- Organisation vor der Reise Dr. Nossigs nach Konstantinopel eine Denkschrift, die die erforderlichen Aufklärungen gab zur. Zerstreuung des Mißtrauens. Dr.Nossig hatvon dem GroßwesirHilmi Pascha, dem Landwirtschaftsminister Hamada Pascha und anderen Ministern die Zusage erhalten, daß die türkische Regierung der von der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations- Organisation" geplanten Kolonisatio nstätigkeit außergewöhnlich wohlwollend gegenüberstehen nnd sie in jeder Hinsicht fördern werde. Die Bedingungen, die die Türkei stellt, sind einmal, daß die einwanderuden Juden sofort ottomanische Staatsbürger werden sollen; die „Allgemeine Jüdische Kolonisations- Organisation" solle, wenn möglich, Sorge tragen, daß sie schon beim Verlassen des alten Heimatlandes aus dem dortigen Untertanenverband entlassen werden. Ferner verlangt, die türkische Regierung eine territoriale Verteilung der Kolonisation auf möglichst viele Gebiete des türkischen Reiches. Gegen einige tausend Seelen an einem Platze habe man nichts, unerwünscht aber seien Ansammlungen von etwa 40000 bis 50 000. Außerdem will die Türkei am liebsten mit einer jüdischen Repräsentanz, möglichst der der großen jüdischen Gemeinden, verhandeln. Zur Durchführung des Werkes bedürfe man eines großen Fonds, dessen Aufbringung die nächste richtige Aufgabe sei. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß Dr. Nossig in der Türkei selbst, und zwar in Konstantinopel,'ein Komitee zur Förderung der jüdischen Kolonisation zusammenbrachte, das aus hervorragenden ottomanischen Staatsmännern, den Spitzen der Armee und einflußreichen türkischen Patrioten besteht. Ortsgruppen der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" bestehen bereits in Hamburg und in Moskau. Aus den Mitteilungen des Vorsitzenden ging noch hervor, daß die bedeutendsten Juden aller Länder sich der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" angeschloffen haben. Auch in der Versammlung selbst erfolgten sehr zahlreiche neue Zeichnungen. In der Debatte ergriff das Wort Professor Philippson, der ein Patronat der großen Gemeinde aller Länder und die tatkräftige Unterstützung seitens der Gemeinden befürwortete und gleichfalls den gegenwärtigen Zeitpunkt als einen wichtigen historischenMoment bezeichnete. DieBerliner Gemeinde sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Geheimrat Baginskh glaubte mit Rücksicht auf die schon jetzt bestehenden großen Lasten der Gemeinde an diese vorerst nicht herantreten zu sollen. Herr Dr. Löwe versuchte vom zionistischen Standpunkte aus Kritik an dem Gehörten zu üben, worauf der Vorsitzende ausdrücklich betonte, daß die „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation" weder irgend-