Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- Seite 143 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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143 armen oder hilflosen Menschen treibe? Nur solch" hirnlose Puppen wie Sie dienen mir zum Zeitvertreib. An ihnen übe ich Gerechtigkeit auf Erden ..Wieder durchmaß er das Zimmer, ein Gedanke durchzuckte sein Hirn; diesmal wandte er sich an den Panduren: „Nimm neben Deinem Herrn Platz und trinke ihm Gesundheit zu, dort steht vom besten Tokayer! Was zauderst Du? Nasch eingeschenkt, sonst — " Wieder sauste die Gerte um des Aermsten Kopf. Pali erhob sich mit einem scheuen Blick auf Tot, schenkte ein und reichte diesem das Glas mit einer devoten Verbeugung. „Nicht so!" donnerte der Fürst. „Erst sollst Du trinken und dann Dein Gebieter." „Aber ... aber ... ich melde gehorsamst, daß nur ein Glas hier ist; ich kann doch nicht zuerst . . ." „Gewiß kannst und mußt Du zuerst trinken. Vorwärts!" Da sprang der Stuhlrichter auf, entriß dem Panduren das Glas und wandte sich mit zornbebender Stimme an den Fürsten: „Vergessen Sie nicht, Durchlaucht, mit wem Sie es zu tun haben. Ich bin ein ungarischer Edelmann, den man zwar beleidigen, aber niemals zu einer Handlung zwingen kann, die unter seiner Würde ist." „Unter seiner Würde! Ei, ei, mein Lieber, es verträgt sich aber ganz gut mit Ihrer Würde als Mensch und als Edelmann, einen armen Teufel zu zwingen, etwas zu essen, was seine Religion ihm zu essen verbietet!" „Als Stuhlrichter habe ich das Recht, in meinem Bezirk nach eigenem Gutdünken zu strafen," bemerkte Tot etwas kleinlaut und stellte das Glas wieder auf den Tisch. „Und als alleiniger Herr und Gebieter dieses Ortes steht mir ebenfalls das Recht zu, zu fordern, was mir beliebt. Da, Pali, trink"!" Dieser nippte nur zögernd von dem ihm gereichten Weine und präsentierte das Glas seinem Vorgesetzten, der absichtlich darüber hinwegsah. „Trinken Sie!" herrschte der Fürst ihn barsch an. „Niemals mit meinem Diener aus einem Glase!" Die Stirnadern des Fürsten schwollen mächtig an, seine Augen blitzten, und mit einem nichts Gutes versprechenden Lächeln auf den Lippen klatschte er in die Hände. Sofort erschienen zwei Diener. „Haltet den Herrn hier fest, daß er weder Arme noch Füße bewegen kann! Und Du, Pali, flößt ihm, so sanft als seine Würde es verträgt, den edlen Rebensaft ein. Einen Schluck Du, zwei er! — Bravo — Herr Stuhlrichter, der moderne Nero schwelgt vor Wonne bei Ihrem erbärmlichen Anblick! Hahaha!" Lachend lehnte sich die „verrückte Durchlaucht", wie der Volksmund den Fürsten nannte, in den zierlichen Lehnstuhl zurück, während die drei Diener den Befehl ausführten. Der Wein war stark, beim dritten Glase sing Tot bereits an, fröhlich zu werden; man brauchte ihm den feurigen Trank nicht mehr mit Gewalt einzuflößen. Bald nannte er Pali Bruderherz, küßte ihn, sang ungarische Volkslieder und tanzte Csardas zum Ergötzen Berzinskys. Als Tot schließlich wie ein Sack zu Boden fiel, gab der Fürst Befehl, ihn irr ein seiner jetzigen Würde entsprechendes Gemach, in den Schweinestallzu bringen. „Ich bitte untertänigst, meinen gnädigen Herrn nicht so hart zu strafen. Er wird es niemals überwinden können, eine Nacht, und sei es auch in bewußtlosem Zustande, in Gesellschaft von — mit Verlaub zu melden — Schweinen verlebt zu haben ... Wenn fürstliche Durchlaucht den Spaß haben wollen, dann bitte ich fürstliche Durchlaucht ganz untertänigst, Ihren Ergebenen Diener Pali dahin senden zu lassen .. . Ich verstehe es besser, mit Schweinen auszükommen, als der gnädige Herr Stuhlrichter, der so eigen auf seine feinen Kleider ist und so gebildet, daß er uns arme Leute nur von oben herab ansieht." „Spare Deine Worte! Der Stuhlrichter bleibt, wo ich ihn hingeschickt; wir wollen "mal sehen, ob seine Vornehmheit nicht auch den dummen Tieren Respekt einflößt! Nimm dort die Fackel von der Wand und leuchte mir, damit ich mich an dem Anblick ergötzen kann. Deinen Herrn, umgeben von seinen erstaunten Schlaskameraden..." „Durchlauchtigster Fürst, bedenken Sie doch, daß ein Menschenleben auf dem Spiel steht. Wenn der gnädige Herr von Stuhlrichter von dem Grunzen der — mit Verlaub zu melden — Schweine erwacht, kann ihn ja vor Schreck — mit Verlaub zu melden — der Schlag treffen. Sein Blut ist von dem starken Wein aufgeregt." „Hm, Bursche, Du könntest recht haben! Komm", wir wollen aus alle. Fälle Vorsorgen." Während sie über den großen Vorhof nach dem Wirtschaftsgebäude schritten, erkundigte sich der Fürst nach dem Arzt des Stuhlrichters. „Der Stadtphysikus ist ein alter Herr, den wollen wir in dieser unfreundlichen Nacht nicht hierher bemühen. — Halt! da fällt mir ein, daß ihr einen neuen Arzt im Dorfe habt, ich höre viel Gutes von ihm, den werden wir sofort holen lassen." „Ich melde gehorsamst, durchlauchtigster Herr, daß der gnädige Herr Stuhlrichter und Herr Dr. Viräg einander spinnefeind sind." „Um so besser! Nun soll er erst recht kommen . .. Sofort muß angespannt werden ... Weißt Du auch, weshalb sie sich feind sind, Goldjunge?" „Weil. . . weil der Doktor sich erlauben — mit Respekt zu -sagen — ein Jude zu sein." „So, so, deshalb! Kennst Du den Doktor? Was ist er sonst für ein Mann?" „Man lobt ihn sehr. Er geht wann und wohin man ihn ruft, von den Armen nimmt er nichts bezahlt und schenkt ihnen obendrein noch die Medikamente, aber —" „Aber er ist ein Jude, ich verstehe. Du hast mich neugierig gemacht; ich muß ihn noch heute sehen." Der Fürst pfiff einen Diener herbei und befahl, sofort einen Jagdwagen anzuspannen und Dr. Viräg abzuholen. Zu seinem größten Verdruß mußte er hören, daß an dem einen Wagen das Rad, an dem anderen die Feder gebrochen sei. „Zum Donnerwetter! so spannt die Staatskutsche an, ich muß den Menschen baldmöglichst hier haben." Der Diener wagte schüchtern die Bemerkung, daß die Nacht finster, die Wege von dem vielen Regen aufgeweichtmnd schlecht seien und daß man mit der wertvollen aber schwanken Kutsche nicht weit käme. Aergerlich wollte Berzinskh antworten, als aus dem Pferdestall, an dem sie gerade vorbeischritten, ein lustiges Gewieher ertönte. „Ich hab's! Daß ich nicht gleich daran dachte! Der Groom soll „Satan", und „Angelika" satteln, nach M. reiten und Dr. Viräg mitbringen." „Aber, Durchlaucht, wird der Doktor auch reiten können?" bemerkte der hinzugetretene Groom zweifelhaft. „Dummkopf! Weil ich gewiß bin, daß er es nicht kann,' will ich ihn hoch zu Roß sehen. Es wird ein Anblick für