Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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142 ich -mich wieder fühle, als ob durch die überstandenen Leiden trübe schwere Nebel sich von meiner Seele weggezogeu hätten. Sieh, meine gute Nina, ich verarbeite Alles bis zum letzten Endpunkte in meinem Geiste und darum kann ich in den jetzigen Tagen, in denen ich vor einem Jahre so Unsägliches ertragen, oft die Erinnerung nicht abwehren. Nicht wahr, Dü nimmst das recht auf, daß ich Dir dies sage? Eben daß ich dirs sage, mag Dir beweisen wie ganz Du mein und mir Alles bist, und Du, Du bist die Sonne, die alle Nebel verscheucht. Auch geht mir das Geschick unseres Vaterlandes, das sich nun entscheidet, schwer zu Herzen, und darin unterscheidet sich ja der höhere Mensch von dem gewöhnlichen, daß er in der eigenen Brust mitlebt, Freud und Leid des großen Ganzen. Und wirwollen uns erhoben halten, daß wir uns in uns die Seligkeit auserbauen und hinaus wirken, mit leiden und nns mit freuen an den Begebnissen des großen Ganzen, so erweitert, sich die Einzelseele zur Seele des Vaterlandes und der Menschheit. Du wirst vielleicht lächeln, wie so Mancherlei ich da unter einander vorbringe, aber mir ist als lehnte ich mich leibhaftig an Dich und spräche nur so heraus wie es ohne deutlich gemachte Verbindungs- und Zwischengedanken aus der vollen Seele ausströmt, und ich meine immer, ich könnte noch nicht fort von Dir und müßte Dir noch mehr, gar viel sagen und weiß doch nicht recht was. Morgen gehe ich wieder aus, und ich freue mich besonders meinen August wieder zu sehen. Du kannst Dir kaum vorstellen, was das für ein prächtiger Junge ist, seine Augen werden Dir besonders gefallen) meine Selbstliebe sagt mir warum. - Ich bitte Dich, mir doch auch bald wieder zu schreiben, kurz oder lang, schreib mir nur. Wenn Du jemand erfährst, der von hier aus zu mir kommt, schick mir ihn. Ich sende den Brief sogleich ab. Du sollst auch von heute von mir erfahren. Du kannst vollkommen beruhigt sein, ich schone und pflege mich sehr gut. Du wirst noch oft darüber lächeln, ich habe mich selbst auch seltsam lieb, und jetzt noch besonders, und ich habe mich auch frisch zu erhalten, denn ich gehöre Dir, das ist und bleibt der fröhliche gute Schluß. Dein Berthold. ’&wmm Der „verrückte Mred" Eine jüdisch-slowakische Dorfgeschichte von Anno 1870, nacherzählt von Ludmilla Koelle. II. ine Stunde war verstrichen, Berzinsky hatte sich in die malerische reiche Magnatentracht geworfen, ein kleines, im Stile Louis XVI. eingerichtetes Zimmer hell beleuchten lassen und die Lakaien instruiert. Ungeduldig, wie ein gereizter Löwe im Käfig, schritt er auf und ab und blickte jeden Augenblick auf die Uhr. Bald ertönte ein schriller Pfiff, man hörte das Rasseln der herabfallenden Zugbrücke, und wenige Minuten später führten zwei Diener den Stuhlrichter Tot samt seinem Pali, an Händen und Füßen gefesselt, die Augen mit schwarzen Binden bedeckt, herein. Beim Anblick der beiden schlotternden Gestalten brach der Fürst in ein schallendes Gelächter aus; es dauerte eine geraume Zeit, bis er sich beruhigen konnte. Auf seinen Wink wurden den Gefangenen die Binden abgenommen. Servus, Töt bäcsi! Heute sind Sie mein Gast. Wie Are bemerken, habe ich zu Ihrem Empfange alles festlich Herrichten lassen, ganz wie es Ihrem Stande gebührt. Aber, was sehe ich! Sie sind ja gefesselt! Welcher moderne Nero hat es gewagt, Sie, das Oberhaupt unserer Gemeinde, so unwürdig zu behandeln?! Nennen Sie ihn dreist, ich will ihn kraft meiner Macht in ein Irren- oder Jdiotenhaus bringen. — Sie erblassen? — Hans, Pista, Charles, schnell Wasser! Der Diener des Gesetzes droht in Ohnmacht zu fallen! Das darf nicht geschehen, ehe wir den Namen des boshaften Hanswurstes —" * „Durchlaucht" stammelte Tot, dem es nun wie Schuppen von den Augen fiel, „wenn ich geahnt hätte —" „Geahnt! Was geahnt? Ich glaube, Ihr Geist verwirrt sich. Schnell, Ihr Diener, befreit ihn von seinen Fesseln, der Schreck sitzt ihm noch in allen Gliedern. Hahaha, wenn die Stadtdamen jetzt den feschen, „vornehmen" Tot, für den sie alle ins Feuer gehen, zu Gesichte bekämen! — Apropos, können Sie mir etwa beiläufig sagen, wieviel Menschen Sie, seitdem Sie Stuhlrichter unseres Bezirkes sind, haben in Ketten schlagen lassen? — Ich verstehe, die Kehle ist Ihnen wie zugeschnürt. Bitte, nehmen Sie dort aus dem Diwan Platz, erholen Sie sich ein wenig, unterdessen unterhalte ich mich mit Pali! Also, Bursche, beantworte Du meine Frage. —" „So an die 50, durchlauchtigster Herr!" „Es waren natürlich lauter Verbrecher? Besinne Dich!" Pali, ein Schlaukops und seinem Herrn , treuergeben, antwortete ausweichend: „Sie sind alle im Namen des Gesetzes verhaftet worden." „Hm, Hm! Wirklich? Was hat z. B. mein Wirt unten im Dorfe verbrochen, daß er 14 Tage brummen mußte?" „Der Wirt — ja der Wirt — das weiß ich nicht," stammelte der Bursche verlegen. „Du weißt es nicht, Hallunke, und hast ihn doch selber verhaftet! Ich werde Dein schlechtes Gedächtnis sofort auffrischen." Damit nahm er eine Reitgerte vom Tisch und ließ sie um die Ohren des verdutzten Panduren sausen. „Weißt Du es noch immer nicht?" „Doch, doch hochwohlgeborener Herr. Moses hat dem Herrn Notarschreiber zwei Gläser Schnaps mehr aufgerechnet, als dieser getrunken, und hat von ihm obendrein noch Zahlung verlangt, der freche Mensch." „Und deshalb habt Ihr den armen Kerl, der acht Kinder zu ernähren hat, festgenommen, zu einer Zeit, wo seine Frau mit dem neunten ins Bett kam? Das nennen Sie, Herr Stuhlrichter, Gerechtigkeit?! Und Du, Kreatur, schämst Du Dich nicht, einem solchen Herrn zu dienen und seine Befehle auszuführen?! . . . Weshalb habt Ihr aber den Hausierer Samuel verhaftet?" „Weil — weil er die Bauern im Orte geprellt hat —" „Woher weißt Du das?" „Weil — ich bitte um Vergebung, daß ich das Wort in Gegenwart Ihrer Durchlaucht ausspreche, weil er ein Jude ist." „Hahaha, weil er ein Jude ist! Und deshalb habt Ihr ihn wohl auch gezwungen, Schweinefleisch zu effen? Und das alles im Namen des Gesetzes?" „Zu Befehl, Durchlaucht." Grimmig durchmaß der Fürst das Zimmer, blieb dann plötzlich vor Tot stehen, der noch immer an allen Gliedern zitterte und während der Unterredung mit Pali nicht aüszublicken gewagt hatte : „Wer ist der boshaftere Hanswurst, ich oder Sie? Haben Sie. jemals gehört,'daß ich mein Spiel mit