Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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lgrAutitzSMbrieke mm Lrrlhold Auerbach. .Mitgeteilt.von Anton Bettelheim?) Ul. Freitag den 9. März, wieder morgens 10 Uhr. . as ist meine beste, einzige Freude, an Dich zu schreiben, es erweckt mich zum Leben und ist das einzige nächst meinem Weilen bei meinem August. Wenn ich an Dich schreibe und an Dich denke — und dies letzte geschieht viel öfter und ausführlicher als jenes — dann fühle ich mich dann wieder so heimisch auf dieser Welt wie ich Dirs nicht sagen kann. Ja meine innig geliebte Nina, das muß Dich mit Frieden und Heiterkeit sättigen, wenn Du bedenkst, daß Du mir das Leben wiedergibst und die sichere Kraft, die in uns liegt, ich fühle es schon jetzt, wird mich auch erstärken Dir ein volles unangebrochenes Leben in mir zu bieten. Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich mich nach dem unmittelbaren Sein mit Dir sehne, aber wir dürfen das nicht jetzt in uns aufkommen lassen,^ keine kränkelnde Sehnsüchtelei soll uns die Tage verkümmern, die nun einmal noch unserem Getrenntsein verfallen sind. Meine innig geliebte Nina! Ja mit diesen Worten halte ich Dich fest umschlungen; Du bist mein. Ich weiß nicht mehr, was Vas noch heißen soll, wir werden uns erst nach näher kennen lernen und entscheiden. Wäre eine Entscheidung noch möglich? Ich weiß nicht, wie es kam, es wirkt eine göttliche Gewalt, die höher ist als unser eigener Wille. Ich zittere nicht der Stunde entgegen, da wir uns .Wiedersehen werden, ich bebe nur vor Freude, und in der ersten Minute werde ich Dich ganz als mein umsangen halten. Darf ich das nicht? Muß ich es nicht? Ich sehe unser nächstes Zusammenkommen nur als das; an, daß wir uns auch von Mund zu Mund sagen: wir gehören einander, und wie richten wirs nun ein mit unfern beiderseitigen Eigenheiten und Mängeln, um vor Allem immer vollauf die Harmonie zu empfinden. Wer darf jetzt noch an ein Scheiden und Meiden denken? Haben wir uns nicht innerlichst gefaßt? Nicht wahr, liebe Nina, ich bin ein stürmischer Mensch? laß Dir darob nicht bange sein. Ich habe Dirs glaub ich schon gesagt, es gibt keinen Ton in der Stufenleiter der Empfindungen, der nicht laut-wird aus meiner Seele. Ach meine innig geliebte Nina, ich sollte eigentlich ja nicht schreiben, so in Papier meine persönlichen Empfindungen einzeichnen, ich muß unmittelbar leben, und Dein liebendes Auge wird schon die Übergänge und die unwandelbare Grundfarbe in allem äußern Wechsel erkennen. Es hat doch auch sein Gutes, wenn man ein neues Blatt greifen und zurechtlegen muß, es fängt sich da von vorn an, und ich möchte mit Dir Tagelang sprechen ganz frei, wie es unmittelbar in der Seele aufsteigt. Ich fürchte fast, das was ich da vorhin geschrieben, könnte Dir eine gewisse Beängstigung geben, ich weiß nicht warum und was, aber es ist so. Meine innig geliebte Nina, ich möchte weiter gar nichts sagen als diese drei Worte und ich hätte alles gesagt. Ich habe Deinen Herzensbrief jetzt noch einmal durchgelesen. Du lobst mich, wegen meiner ungehinderten Aussprache, ich lege darauf. keinen Accent und doch freut michs sehr, daß Du mich lobst. Ich muß Dir ein Geständnis meiner Eitelkeit machen, ich habe Lob besonders von den Meinigen sehr gern, es stützt mir das, innere Sein, und liebe Nina — Du wirst oft finden, daß ich vom Persönlichen zum Allgemeinen aufsteige — die innere Währung der beiderseitigen Ehre das ist die sicherste Bürgschaft für eine dauernde reine Einigung. *) Siehe .Allgemeine Zeitung - des Judentums" Nr. 7 und 8. So viel tausend Verhältnisse verkommen nur dadurch, daß man sich beiderseits nie recht als heiligen Hüter der Ehre des andern vor sich und der Welt erkannte. Eines muß des andern Gewissen sein, in Lob und Tadel, im Streben nach innerster Friedigung. Wir wollen uns heilig halten, liebe Nina, nicht einander verweichlichen durch Lob, aber auch ohne Scheu und laut vor einander uns dessen erfreuen, was Natur und Geschick, an dem einen und andern zur gesunden Entfaltung kommen läßt. Ich muß Dir auch noch von meinem jetzigen äußeren Leben erzählen. Ich lebe fast nur in meinem Zimmer und im Hause meines Schwiegervaters?) Dieser ist ein großartiger Mensch in der vollsten Bedeutung des Wortes, er weiß genau von dem Berhältniß zwischen Dir und mir und er, der, ich darf es sagen, mich mehr liebt als eines seiner Kinder, begleitet es mit seinen besten Wünschen. Biele glaubten und einzelne Näherstehende sprachen es sogar zu mir aus, ich würde einer Verbindung mit meiner Schwägerin Henriette (die jetzt 18 Jahre alt ist) zuwarten, aber ich sagte es auch offen meinem Schwiegervater, das hätte nie sein können; wo kein unmittelbarer drängender Zug der innersten Stimme ist, da wäre das die gräßlichste Sünde ... Ich liebe vor allem eine schöne Ordnungsliebe und einen wirtschaftlichen Sinn, das sind die Grundlagen, aus die sich eine Häuslichkeit stellen muß. Meinem Schwiegervater tut es tief wehe, daß wir uns trennen sollen, und doch ist er großgesinnt genug, um auch das mit männlicher Haltung hinzunehmen. Wie. gern, meine inniggeliebte Nina, möchte ich Deinen Eltern sagen, wie es mir das Herz hebt, so von ihnen ausgenommen zu werden, aber das kann ich nur mündlich tun. Auch von meiner Mutter kann ich Dir viel besser erzählen als schreiben. Es war von jeher mein eifrigstes Streben und ist seit geraumer Zeit meine höchste Freude, daß es mir gegeben ist, ihre äußere Lage so sorgenlos und heiter zu machen als es ihre innere Natur von selbst ist. Du verstehst mich recht, wenn ich Dir sage, daß ich an der Schwelle des neu ausgehenden Glückes stets der Segnungen meiner wahrhaft frommen Mutter gedenke, die mir immer und immer sagte: „Es muß Dir noch gut gehen." Hoffentlich besuchen wir meine Mutter noch mit einander liebe Nina, und da wirst Du Dich an ihrem kernhaften Wesen noch besonders erfreuen. Meine Geschwister sind alle verheiratet, auck mein jüngster Bruder, der als Arzt in Amerika ist, ich darf wohl sagen, daß ein edler Zug in ihnen allen vorherrscht, außer etwalin dem leichtsinnigen Amerikaner. Sieh, liebe Nina, ich möchte Dir gern alles sagen, ich weiß gar nicht wie viel noch; aber wir sehen uns ja hoffentlich bald. — Ich muß Dir gestehen, daß es mir sehr schmerzlich ist. bis dahin keinen Brief von Dir zu bekommen, ich bedarf Deines erquickenden Zurufes, aber ich will doch nicht an dem einmal Festgesetzten rütteln. Es ist doch noch lange, bis ich wieder von Dir höre. Habe Geduld mit mir liebe Nina, und ich werde die Kraft haben. Dir Deine Liebe vollauf zu entgelten. Du sollst und wirst mein sein wie ich bin Dein Berthold. Breslau, 21. März 1849. Morgens 11 Uhr. Mir ist so wohl und froh zu Mute, meines herzliebe Nina, daß ich Dir das sagen muß, du Gute, Innige. Gestern Abend, als ich noch lange wach im Bette lag, war mirs als hätte ich Dir durch den gestrigen Brief doch Schmerz bereitet, und nun war mirs so schmerzlich, daß ich Dir nicht auch gleich wieder sagen konnte, wie flügge und leichtbeschwingt x) Moritz Schreiber, Lotterie-Collecteur und Bankier in Breslau.