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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-25 · Heft 12 (25.3.1910) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 12 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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Paradezwecken, sö usutn delphini, als ein wirklicher, finster-folgerichtiger Judenhaß. Bester Beweis daß der Bürgermeister — " was ja kein Geheimnis — unter den Juden zahlreiche Anhänger, sogar Wähler besaß. Es kursieren genügend Geschichten von Luegers — allerdings heimlicher — Förderung jüdischer Interessen, deren Schutz der Pseudoliberalismus als inopportun ablehnte. Gleichwohl — das darf auch an Luegers Bahre nicht verschwiegen werden — schädigte er Andersgläubige prinzipiell wirtschaftlich, drängte sie langsam aus städtischen Diensten, hielt an ihrer Uebergehung unbeirrbar fest. Vergewaltigte die politische und religiöse Betätigung, ja selbst die innere Ueberzeugung der städtischen Lehrer, Beamten, Arbeiter, aller von der Kommune ökonomisch Abhängigen. »Für Kaiser, Reich und Christentum." Von diesem Leitspruch ließ er nicht ab. Er war eben eine Kampfnatur — mit allem Glanz, und allen Flecken einer solchen — und gab keinen Pardon, wie er auch nie einen gefordert hat. Man schreibt uns ferner aus Oesterreich: Der Antisemitismus scheint bei den Tschechen abzuflauen. Nach einer Pause von vielen Jahren zieht wieder ein tschechischer Abgeordneter jüdischen Glaubens in den böhmischen Landtag ein. Er heißt Moritz Steindler und wurde dieser Tage von der Handelskammer in Budweis in den böhmischen Landtag entsendet. Auch der neugewählte tschechische Vizepräsident der Prager Handelskammer, kaiserlicher Rat Bondy, ist Jude. Die Deutschen in Böhmen wählen seit langen Jahren keinen Juden in die parlamentarischen Vertretungskörper; allerdings ist der Präsident der (deutschen) Handelskammer in Reichenberg, Herrenhausmitglied Alois Neumann, jüdischen Glaubens. — Von der Regierung wurde der Sektionsches im Ministerium des Aeußeren Geheimrat Exzellenz Dr. Rudolf Sieghardt als Nachfolger Ritter v. Taussigs für die Gouverneurstelle der Oesterreichischen Bodenkreditanstalt designiert. Sieghardt, der heute erst im 45. Lebensjahre steht und schon mit 40 Jahren Exzellenz, Inhaber von Großkreuzen, Vorsitzender der Kommission für den Ausgleich zwischen Oesterreich und Ungarn war, hieß von Hause aus Singer und trat erst im reifen Lebensalter zum Christentum über, was ihn aber nicht hindert, mit den antisemitischen Machthabern, Lueger und Genossen, gute Freundschaft zu halten. Sein Schwiegervater, Herrenhausmitglied Hofrät Prof. Grünhut, ist heute noch Jude. — Ein beschämendes Schauspiel bot der soeben von einer Anzahl hoher militärischer Funktionäre gegen den österreichischen Staatsangehörigen und angeblichen persischen „General" und „Khan" Klemens Kolischer in Wien angestrengte Ehrenbeleidigungsprozeß. Kolischer, der als „Organisator" des Steuerwesens einige Zeit in Persien bedienstet war, maßte sich nach seiner Rückkehr nach Wien, teils in gutem Glauben, teils aus törichter Eitelkeit den Rang eines persischen Generals an und suchte mit krankhafter Zudringlichkeit Eintritt in die hohen österreichischen Militärkreise. Mit seinen militärischen und gesellschaftlichen Ansprüchen abgewiesen, verfiel er in eine Art von Querulantenwahnsinn und veröffentlichte schließlich eine Reihe von Zeitungsartikeln, die die gröbsten Anwürfe wider verschiedene hohe Offiziere und Ministerialdeamte enthielten. Während des Prozesses, den die Beleidigten gegen Kolischer anstrengten, versagte dieser unter allgemeinem Hohne völlig, und wurde, nachdem er sich überdies zu einem überaus demütigenden Widerrufe aller Anschuldigungen bequemt hatte, wegen Verleumdung usw. zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Doch wurde die Strafe auf Bitte der Kläger mit Rücksicht auf Kolischers leidenden Zustand in eine Geldstrafe von 4000 Kr. umgewandelt. Der Umstand, daß Herr Kolischer vor Jahresfrist Zum Katholizismus übertrat (er hatte übrigens schon als Jude munter äks ^Taufpate" funktioniert), vermindert 'wohl einigermaßen die Beschämung über diesen bedenklichen? und völlig würdelosen Sprossen des Judentums.? ... :V Ä; Einen sehr starken Artikel über österreichische Verhältnisse finden wir in der Frankfurter Zeitung. Dort wird unter dem Titel „Die Deutschen und der Liberalismus" von dem neuen „Nationatverband der Deutsch-Freiheitlichen" gesprochen und folgendes aus geführt: . Man hat die zwei Vertreter der intelligentesten Bezirke der Hauptstadt nicht einmal äufgefdrdert zum Anschluß an den Verbands weil sie ungetaüfte Juden sind. (Bei den getauften Juden Redlich und Licht drückt man ein Auge zu.) Der Antisemitismus 'ist in Deutschland nur eine Sünde an Moral und Menschlichkeit. In Oesterreich ist er ein Verbrechen am Deutschtum. Bei der intellektuellen Schläfrigkeit der bürgerlichen Deutschen in Oesterreich sind die Juden in weit höherem Maße als ihrem Anteil an der Bevölkerung zukäme, Träger der deutschen Kultur. Die deutschen Bühnen und Buchhandlungen, ja die meisten deutschen Zeitungsredaktionen könnten zusperren, wenn die Juden einmal aufhören würden, sich als Deutsche zu fühlen. In den gemischtsprachigen Gebieten ist das zum Teil schon der Fall. Die jüdischen Minoritäten, die in den mährischen und böhmischen Städten die Kerntruppe eines opferwilligen Deutschtums gebildet haben, sind kopfscheu geworden. Von den Deutschen angefeindet und beleidigt, von den Slawen umschmeichelt, haben sie lange genug an der deutschen Tradition festgehalten und tun es in Prag, das ohne sie schon verloren wäre, heute noch. Aber die Ueberläufer mehren sich. Der Zionismus, dem sich ein Teil der Auf« gescheuchten in die Arme geworfen hat, enthält immer noch ein verschämtes Bekenntnis zum Deutschtum. ..Denn die Zionisten heißen sich Nationaljuden deutscher Kultur. Aber zahlreich sind doch schon die Söhne deutsch-jüdischer Kaufleute in der Diaspora, die auf slawischen Mittelschulen slawischen Patriotismus eingesogen haben und nun, mit Freuden willkommen geheißen, ihre Intelligenz in den Dienst der Slaven stellen. Man braucht nicht zu glauben, daß die Slaven an sich judensreundlicher seien als die deutsche Bevölkerung. Das Gegenteil ist . der Fall. Der Slawe haßt den Juden doppelt, als Juden und als Deutschen. Aber die slawischen Politiker sind klüger als die deutschen und werben nur das geistig-wirtschaftliche Kapital der Juden. Die deutsche Bevölkerung wiederum ist relativ frei von Judenhaß, ja verträgt sich mit der altansässigen, vollkommen akklimatisierten Judenschaft ausgezeichnet. Aber der ganz gemeine politische Konkurrenzkampf der Parteien hat sich der in der Nähe Galiziens begreiflichen antisemitischen Parole bemächtigt, und man hat sich gegenseitig überboten an „Reinheit und Unverfälschtheit". Es ist ein wahres Glück, daß die Juden nicht allzu verwöhnt sind und instinktiv doch an dem Deutschtum festhalten, das ihnen ja doch mehr zu bieten hat und wesensverwandter ist als das noch tiefer in der Barbarei steckende Slawentum. Denn wenn die gesamte österreichische Judenschast, was ihr an sich nicht verargt werden könnte, sich einmal Völlig auf sich zurückzöge oder gar dem aggressiven Slawentum anschlösse, dann wäre es um das bißchen deutsche Dräponderanz in Oesterreich bald geschehen. Aber wenn das einer der Unentwegten des Nationalverbandes selbst ein sä he> hätte er doch den Mut. nicht, es zu bekennen und dafür einzutreten. So bleiben die Abgeordneten Kuranda und Ofner, von denen jeder einzelne mehr deutsche Kultur im Leibe hat als je ein Dutzend der wohlgemästeten Reindeutschen, beides obendrein untadelige Männer und hervorragende Fachleute, außerhalb des Verbandes, und der deutsche Nationalverband umfaßt alle „freiheitlichen" Deutschen, nur die Vertreter der geistig höchststehenden Bezirke der Hauptstadt nicht. / , * Von den eigenartigen französischen Verhältnissen erfährt man im allgemeinen so wenig, daß es sich wohl lohnt, eine in der neuesten Nummer des „llmvers IsraAite" abgedruckte Zusammenstellung über Pariser jüdische Verhältniffe hie

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