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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-25 · Heft 12 (25.3.1910) · p. Seite 135

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 12 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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befreundeten Person „ein. Stich ins Herz" versetzt. Ja, es kommt vor, daß nicht einmal Verwandte von dem vollzogenen Uebertritt des ihnen Nahestehenden etwas wissen.« Soll diesen noch der tiefe Schmerz bereitet werden, ihren Angehörigen auf der „Proskriptionsliste" zu sehen. Wie viel schweres Unheil kann durch eine solche Veröffentlichung heraufbeschworen werden. Wem wird einzig und allein hierdurch eine Freude bereitet werden? Den Judenfeinden, welche mit Wonne und Behagen die Listen studieren werden. ‘ Dieser Gedanke ist so furchtbar, daß nicht genug vor diesem Vorhaben gewarnt werden kann. Ich glaube, es ist besser, wir befinden uns in dieser Beziehung im Irrtum, als daß wir völlige Gewißheit hierüber erlangen. Wie sagt doch Schiller in der Kassandra: „Nur der Irrtum ist das Leben. Und das Wissen ist der Tod." Darum weg mit diesem Mittel. T. Die Mochr. Berlin, 22. März. weimal ist in den letzten Tagen im Deutschen Reichstag von den Juden die Rede gewesen. Das erstemal, am 15. März, kam bei Gelegenheit einer allgemeinen Politischen Debatte auch die Stellung deutscher Kaufleute in Rußland zur Sprache. Der Abgeordnete Kaempf führte folgende berechtigte und mannhafte Klage: „Wiederholt hat sich das Haus mit unserem Verhältnis zu Rußland beschäftigt, soweit es die Behandlung deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Rußland betrifft. Es ist Tatsache, daß diese in Rußland in einer Weise behandelt werden, wie sie sich mit den Forderungen, die an einen modernen Staat gestellt werden können, durchaus nicht verträgt. (Zustimmung links.) Unsere Reichsregierung sollte die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens in Rußland ebenso in Schutz nehmen, wie alle anderen Deutschen. (Sehr wahr! links.) Das Auswärtige Amt sollte nicht bloß mit halben Maßregeln arbeiten. Durch den russischen Handelsvertrag von 1904 ist allerdings eine gewisse Besserung in der Sache herbeigeführt oder vielmehr ist eine solche beabsichtigt. Die Pässe für deutsche jüdische Kaufleute werden auf sechs Monate nach Rußland ausgestellt. Jeder würde nun meinen, daß jemand, der einen solchen Paß hat, sich auch sechs Monate lang in Rußland aufhalten kann. Aber hier werden durch allerlei Maßnahmen Kürzungen bewirkt. Frankreich hat sich in dieser Richtung der Interessen seiner jüdischen Mitbürger energisch angenommen. Das sollte auch endlich in Deutschland gegenüber Rußland geschehen. (Beifall links.)" Zwei Tage später, am 17. März, brachte der Abgeordnete Gothein die Nichtbeförderung der Juden zu Reserveoffizieren zur Sprache. Der betreffende Passus deS Sitzungsberichtes lautet: „Abg. Gothein (Vpt.) Der Kriegsminister hat in der zweiten Lesung gesagt, daß das Offizierkorps sich demokratisch ergänzt. Er denkt dabei an die Wahl der Reserveoffiziere durch das Regiment selbst. Das sind höchst merkwürdige Ansichten über Demokratie. Wirklich demokratisch wäre es, wenn die Soldaten ihre Offiziere selbst wählen würden. (Heiterkeit.) Ich bitte den Kriegsminister, sich über die Verhältnisse beim 2. Garde-Regiment zu erkundigen. Dort bekommen die jüdischen Einjährigen nicht einmal die Gefreitenknöpfe.- Hoffentlich wird das in Zukunft anders. In Bayern gibt' es eine ganze Menge jüdischer Reserveoffiziere, die sich durchaus bewähren. Warum ist das in Preußen nicht möglich? (Lebhafter Beifall links.) Kriegsminister v. Heeringen: Ich kann nur wiederholen, die gesetzlichen Bestimiyungen sind so. klar, daß kein Zweifel darüber bestehen-kann, .daß die Konfession .^niemandem in der Armee hei der Beförderung oder Wahl zum Reserveoffizier hinderlich sein kann. Die sogenannten adligen Regimenter sollen auf Befehl des Kaisers aufhören. Das ist bereits vor zwei Jahren angeordnet worden und wird jetzt allmählich durchgeführt. Die Reden im-Reichstag haben dazu nichts getan.; ,, Bayerischer Militärbevollmächtigter v. Gebsattel: Die Meinung, daß in Bayern jeder Jude Reserveoffizier wird, ist irrig. Nur der, der die Qualifikation hat, wird bei uns Offizier, allerdings ohne Rücksicht auf die Konfession." Auch in der Presse ist diese Zurücksetzung der Juden im Militärstand lebhaft besprochen worden. Jn einem Artikel d.es „Berliner Tageblatt" „Israeliten als Vorgesetzte" wehrt Oberst Gaedke die Vorwürfe ab, die ein ehemaliger Offizier im „Deutschen Armeeblatt" gegen seine jüdischen Mitbürger erhoben, indem er folgendes ausführt: „Der Herr macht sich diese Verleumdung in der Tat sehr leicht. Daß Leute, die zum ersten Male vor die Front als Vorgesetzte treten, befangen sind und keine gute Figur spielen, findet man wahrlich nicht nur bei Juden, sondern ebenso bei Christen, ja sogar bei christlichen Junkern und sogar bei jungen Offizieren. Ich habe adlige Offiziere reinsten Blutes kennen gelernt, die während ihrer ganzen Dienstzeit keine guten Vorgesetzten geworden sind oder die erforderliche Autorität über ihre Truppe gewonnen haben. Das köstlichste ist, daß' der Herr seiner eigenen Argumentation ins Gesicht schlägt, ohne auch nur zu ahnen, wie sehr er sich bloßstellt. Er spricht von der Hochachtung, „die aktive Offiziere ursprünglich jüdischer Abstammung im Heere genießen"; sie müssen also doch verstanden haben, sich die erforderliche Autorität zu sichern. Hiernach scheint es fast, als ob mit der Taufe zugleich die militärischen Eigenschaften eines guten Soldaten und Kriegers durch einen Akt göttlicher Allmacht verliehen würden — eine freilich eigenartige Wirkung des Glaubens, der Liebe, Frieden, Versöhnung predigt. Wem fiele hierbei nicht Luthers Erklärung ein: „schlicht Wasser tut's freilich nicht, sondern der Glaube, so mit und bei dem Wasser ist!" Wie aber kommt es,' daß diese Erfahrung mangelnder Autorität und eines Mangels an Selbstbewußtsein gerade nur in dem deutschen Heere — und natürlich in dem russischen — gemacht wird, sich aber weder in Italien, noch in Frankreich, noch in England oder selbst in Oesterreich irgendwie bemerkbar gemacht hat? Will der Herr seine deutschen Landsleute jüdischer Konfession ernsthaft beschuldigen, schlechtere soldatische Eigenschaften zu besitzen als ihre Glaubensgenossen in jenen Ländern? Oder sollte es nicht vielmehr so sein, daß eben nur in Preußen — und natürlich in Rußland — die Sumpfpflanze des Antisemitismus ihre giftigen Blüten treibt? Auch in Bayern gibt es ja jüdische Reserveoffiziere; und wenn ich auf die Erfahrungen zurückgreife, die ich mit jüdischen Offizieren des Beurlaubtenstandes gemacht habe, so muß ich gestehen, daß ich unter ihnen nur vornehm denkende, gut erzogene Herren kennen lernte, die ihrer militärischen Stellung ebensogut wie irgendein anderer Reserveoffizier gerecht zu werden verstanden und sich auch den gleichen Respekt zu sichern wußten. Der schärfste Vorgesetzte, den ich während meiner ganzen Dienstzeit kennen gelernt habe, war jüdisches Halbblut (adliger Vater und jüdische Mutter); es wäre demjenigen sehr schlecht gegangen, der gegen seine Autorität sich auch nur in der leisesten Weise aufzulehnen versucht hätte. * Der Tod des Bürgermeisters Lueger gab der Presse Anlaß zu verschiedenen Betrachtungen. Und gerade seine Stellung zum Antisemitismus ist in gar vielen deutschen und österreichischen Blättern ausführlich dargelegt worden. Eine der charakteristischsten Aeußerungen ist die der Weserzeitung, die folgendermaßen lautet: Sein Antisemitismus hingegen, schon ursprünglich in Reden blutrünstiger als in der Anwendung, tat, seit Luegers Einfluß wuchs, - viel Wasser in seinen Wein. Es war mehr ein Antisemitismus zu

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