Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228920--66343-3278475- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lU abzapfen, wenn wir auch bisse Äenderung ohne weiteres ein- . treten lassen würden. Um so freudiger, glaube ich, könnten wir für diesen Punkt eine Anregung aufgreifen, die mir kürzlich zu Gehör kam und die den Abendgottesdienst in der .bisherigen Form und zu der 'wechselnden Zeit bestehen läßt, die aber für die Wintermonate, wo der Beginn infolge der zeitig eintretenden Dunkelheit sehr früh ist, einen zweiten Abendgottesdienst, welcher etwa jeden Freitag Abend um 7 Uhr abgehalten wird', vorsieht. Wir verletzen hierbei keine Tradition und dienen gleichzeitig der großen Masse. Vielleicht ließe sich diese Anregung für die angestrebten Reformen verwerten? Nun zu Punkt 3. Die Verkürzung des Gottesdienstes ist entschieden eine Forderung unserer Zeit, wenngleich wir diese, sofern wir unsere Jugend in der vorher erwähnten Weise zu wahren Juden heranzubilden, nicht aus dem Grunde anzustreben hätten, weil das andauernde Kommen und Gehen unsere moderne Jugend vergiftet. Denn bei denen, die heutzutage das Gotteshaus besuchen, kann ich, was das religiöse Empfinden betrifft, keinerlei Unterschied zwischen den Erwachsenen und der Jugend machen. Diejenigen aber, die sich durch solche Dinge in der Ehrfurcht vor dem Erhabensten beirren lassen, lassen jeden religiösen Fonds vermissen. Weshalb meiner Ansicht nach die Verkürzung des Gottesdienstes einzig und allein von zwingender Notwendigkeit ist, sind die Wiederholungen, die unbedingt sortsallen müssen. Und diesem Bestreben werden sich auch die konservativen.Kreise nicht verschließen können, wir leben, Gott sei Dank, in einer Zeit ständigen Fortschrittes und dürfen uns dem nicht widersetzen. Was die Betrachtungen wegen des Besuches der Predigten angeht, so deckt sich meine Anschauung allerdings nicht mit der des Herrn Sanitätsrat Dr. Steinthal. Ich habe dementgegen stets die Wahrnehmung machen können, daß die größte Zahl der Synagogenbesucher kurz vor der für die Predigt angesetzten Zeit ins Gotteshaus strömen, ja noch weiter, daß ein großer Teil indifferenter Elemente „nur der Predigt wegen" die Synagogen aussuchen. Nun zu dem vierten und letzten Punkt, der mir mehr eine Frage der Erziehung zum Judentum scheint. Hält Herr Sanitätsrat Dr. Steinthal den von ihm vorgeschlagenen Weg' für unumgänglich notwendig? Wenn nicht, lassen wir ihn lieber ganz fallen. - ""Ich gebe zu, daß die Ansichten über diesen Punkt begreiflicherweise auch bei liberalen Juden auseinandergehen können, aber schon allein der Umstand, daß wir christliche Sitten nach ahmen würden, läßt es mich verneinen. Wandeln wir doch, wie bisher, auf unseren eigenen Wegen und vermeiden wir es, den Gegnern neue Waffen in die Hand zu geben. Wir haben stets die Fehler gefunden, die uns anhaften, stets den Weg uns geebnet, der uns dahin führte, sie zu besiegen. Zeigen wir unserer Jugend den Weg zum Judentum, und ich bin sicher, daß uns nicht bange zu sein braucht vor dem Erfolge. ■ . Lassen wir durch unsere Jugend eine liberal jüdische Anschauung Verbreitung finden, und wir stehen am Ziele eines schönen und edlen Lebenswerkes. Von seiten eines Rabbiners,-.der. nicht genannt zu werden wünscht, erhalten wir endlich folgende Zuschrift: Ich möchte mir als Fachmann noch folgende Bemerkungen gestatten: Es ist wirklich tief betrübend, wenn'man sieht, wie in den Synagogen hie herrlichsten'- Psalmen, die das Herz jedes religiös fühlenden Menschen ergreifen, heruntergehaspelt und von Laien nicht verstanden werden. Was hat das Christentum aus den jüdischen Psalmen gemacht? Die schönsten christlichen Predigten haben in der Regel ein Psalmenwort zum Texte. Das Christentum hat eben die Religion popularisiert. Wer von den Synagogenbesuchern weiß etwas vom Inhalt der Psalmen? Der christliche Kirchenbesucher kennt den Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte", er erbaut sich an dem erhabenen Psalmenworte 73, der allerdings in der Lutherschen Bibelübersetzung falsch wiedergegeben ist: „Wenn ich Dich nur habe, dann frage ich nicht nach Himmel und nach Erde, wenn mir gleich Seele und Leib verschmachtet, so bist Du doch allezeit meines Herzens Trost und Teil." Nur in der jüdischen Predigt wird die Lehre des Judentums populär, d. h. auch dem Laien verständlich zu machen gesucht. Das nützt aber nichts, wenn nicht einer der wichtigsten Bestandteile im Lehrinhalte des Judentums, die Psalmen, dem Hörer in Fleisch und Blut übergegangen sind. Die Sprache der Psalmen ist so schwierig, daß sie selbst dem theologischen Fachmann die größten Schwierigkeiten bereitet, geschweige denn dem Laien. Darum ist es eine der Grundbedingungen einer sogenannten Reform — einer Fortbildung der Religion — die Psalmen in deutscher Ueberfetzung vorzutragen. Auch in bezug auf den Freitagabendgottesdienst, dev einheitlich um 7 Uhr abends festgesetzt werden soll, bin ich mit Steinthal einer Meinung. Ueber die Abkürzung der Gebete, besonders die Wiederholung derselben Gebete ist schon so viel gesagt worden, daß es sich erübrigt, ein Wort hinzuzufügen. Dazu werden sich die tonangebenden Gemeinden Deutschlands entschließen müssen. Einen Punkt, den letzten, den Steinthal anführt, will ich noch besprechen. Er hält es für zweckmäßig, „Flugblätter an den Eingängen der Friedhöfe" in der Zeit zwischen Neujahr und Versöhnungstag verteilen zu lassen. Dieser Gedanke erscheint mir geradezu abstoßend. Ich finde es anstößig, wenn in einem der Andacht geweihten Raum Flugblätter verteilt werden. Das kann sich höchstens eine politische Partei erlauben. In das Gotteshaus gehört eine solche Propaganda nicht und noch weniger auf den stillen Friedhof. Dadurch wird' keiner von der Taufe zurückgehalten. Es besucht Mancher den Friedhof seiner Ahnen, der schon lange dem Judentum den Rücken gekehrt hat. Ich komme nun auf das Mittel zu sprechen, das neulich im „liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Berlin" empfohlen wurde. Es soll in Berlin ein Gemeindeblatt gegründet werden, in welchem die Listen der Austretenden veröffentlicht werden. Mit diesem Mittel wird der beabsichtigte Zweck durchaus nicht erreicht, vielleicht das Gegenteil erzielt, und ich möchte dringend vor diesem Mittel warnen. Einer, der seinen Glauben verläßt, schämt sich seiner Tat nicht; das kann ich aus eigenster Erfahrung bestätigen — das haben wir auch im Reichstag erlebt. Dem gläubigen Israeliten wird gewissermaßen bei der Kunde von dem Uebertritt einer ihm bekannten oder