Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 25. März 1910 74. Jahrgang. Nr. 12 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnxments-Prei»: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und vor« orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps»«. . Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger. Verlags-LxpecUt!on: verUn» Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition, sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", .Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/4S, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin« TTftft£*Tt zur Tat. — Die Woche. — Michael Hersch, k. u. k. Oberst. Von Moritz Frühling-Wien. — Rothschild und die hannoversche Regierung. Nach den Akten des Königlichen Staatsarchivs zu Hannover von M. Zuckermann-Hannover. — Thekla v. Gumpert und die Juden. Von Regina Neitzer. — Bräutigamsbriese von Berthold Auerbach. Mitgeteilt von Anton Bettelheim. — Feuilleton: Der „verrückte. Alfred". Eine jüdisch-slowakische Dorfgeschichte von Anno 1870, nacherzählt von Ludmilla Koelle. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. " Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Posen, Görlitz, Frankfurt a. M.) Straßburg,' Saarbrücken, München, Petersburg, New York. — Von Nah und.Fern. Mus?ur Cst! ' : . : III, ' .. err Max F. Wolfs in Charlottenburg sendet uns folgende Ausführung: Wenngleich ich der Meinung des Herrn Steinthal,, daß auch unsere konservativen. Rabbiner seinen Vorschlägen sympathisch gegenübertreten werden, nicht beistimmen kann, so bin-ich doch entschieden der Ansicht, daß nur auf dem Wege des liberalen Fortschrittes die Erhaltung unseres Judentums möglich und einem weiteren Abfall Einhalt getan wird.. . Ich komme zu Punkt 1. Es kann nicht angezweifelt werden, daß die Behauptungen, die über den Freitag-Abend- Gottesdienst niedergelegt find, voll und ganz den..Tatsachen entsprechen, wovon man sich leider oft genug überzeugen muß.- Der Gottesdienst, wie er momentan.abgehalten wird,, ist für einen erschreckenden Prozentsatz unserer Glaubensbrüder ein Herplappern unverständlicher Gebete geworden. Aber ist es nicht notwendig, daß wir uns, wenn wir zur Reorganisation unseres Gottesdienstes schreiten, auch nach dem „Wieso" fragen, kann uns das Eindringen in die Materie nicht das Mittel in die Hand geben, zu verhüten, daß unser geliebtes Judentum, an das wir uns mit ganzem Herzen klammern, dereinst ganz fortgefegt wird in einer Zeit völliger Assimilation? Es hat Jahrhunderte, Jahrtausende gedauert, bis wir uns, wir liberal denkende Juden, zu dem immer festere Gestalt annehmenden Gedanken durchgerungen haben, daß wir einen Teil des uns überlieferten Zeremoniells der Zeit opfern müssen. Aber ich glaube, es wird nicht eine gleiche Spanne Zeit vergehen, bis unsere Nachkommen beginnen, die Wurzel unseres Judentums zu untergraben und in der Assimilation die Lösung der Judenfrage erblicken. .. Und dem zu steuern, sei Hand in Hand gehend mit der Reorganisation des Gottesdienstes die Erziehung unserer Jugend unsere wichtigste Pflicht, an deren Erfüllung wir zeitlebens arbeiten müssen. .;; 7 v, , Fragen wir einmal einen Trauernden, wie ihn uns Herr Sanitätsrat Steinthal vorführt, einen jungen Juden, ob er die Sprache seiner Väter versteht, ob er weiß, was er von Gott für die Seele des ihm gestorbenen Lieben erfleht. Er weiß es nicht. Wohl kann er, und auch dies trifft nicht immer zu, die hebräischen Lettern lesen, aber ihren Sinn erfassen, das kann er nicht. Ihm fehlt der jüdische Fonds des Elternhauses und der Schule. Es muß unbedingt als Tatsache gelten, daß bei unserer Jugend eine Vorbildung, die sie befähigt, dem eigenen Gottesdienste zu folgen, bei 75 von 100 Fällen nicht vorhandenist. Was würde also bei dieser Tatsache die-liberalere Ausgestaltung unseres Gottesdienstes bedeuten? Schwerlich etwas anderes als ein letztes, wildes Aufflackern der Kerze unseres religiösen Lebens vor dem ewigen Verlöschen. Wir können auf diesem Wege zweifellos eine ganze Anzahl indifferenter Elemente, die den rituell zeremoniellen Gottesdienst lästig empfanden, wieder in das Gotteshaus zurückführen. Aber dies bedeutet doch nur einen temporären Erfolg. Mit der Zurückgewinnung jener indifferenten Elemente muß unbedingt ein zeitgemäßer Religionsunterricht Hand in Hand gehen, der obligatorisch und für jedes Kind ohne Entrichtung besonderer Gebühren zugänglich ist, kurzum, wir müssen auch unsere Jugend für unseren Glauben zurückgewmnen, sowohl die jungen Juden aus den besseren Ständen, die übermütig bei allem Luxus, der. ihnen geboten wird, für alles, was Religion heißt, nur ein spöttisches Lächeln haben, als auch die Kinder aus niederen Schichten, denen wir durch die Einführung in die Religion einen moralischen Halt mitgeben wollen auf ihren sorgenvollen Lebensweg. Die Religion kennt keine Klassenunterschiede, ob arm, ob reich, allen sollen in gleichem Maße die Quellen unseres Glaubens eröffnet werden. , > Dann erst können wir sagen, daß die angestrebten Reformen unseres jüdischen Gottesdienstes grundlegender Natur sind und einen, dauernden Wert darstellen. Nun zu Punkt 2 der Ausführungen, die einheitliche Festlegung . des Beginnes des Freitagabendgottesdienstes. Hier stelle ich mich wie in allen anderen Punkten ganz auf den gleichen Böden ' wie Herr 'Sanitätsrat Dr. Steinthäl, denn der ständig wechselnde und mitunter recht zeitige Beginn macht es selbst denen, die den ernsten Willen zum Besuch des Gottesdienstes haben, aus geschäftlichen Rücksichten ganz unmöglich, das Gotteshaus aufzusuchen. Aber ich glaube, daß wir unseren orthodoxen Glaubensbrüdern .doch zuviel Herzblut