Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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in zirka 40 600 Vereins-Quittungen^ Für die Einziehung konnten zirka 5000 Mark an die Jnkassenten ausgezahlt werden. Redner betonte die freundlichen Beziehungen des Vereins zur Gemeindeverwaltung, insbesondere zur Armenkommission und verspricht sich von. einem noch engeren Zusammenhangs mit der letzteren weitere, größere Erfolge im Interesse der Bedürftigen. Nach Worten, herzlichen Dankes für die gespendeten Beihilfen der Gemeindeverwaltung,. der Großloge, der Berliner Logen, der Alliance Isra61ite und des „Hilssverein der Deutschen Juden" schloß der Vorsitzende seinen Bericht mit dem Ausspruchseines der besten Kenner, der Arbeitsnachweisfrage, des Freiherrn v. Reitzenstein: „Arbeitsnachweis ist das vorbeugende Mittel der Armenpflege." Wie sodann der Schatzmeister des Vereins, Herr Emil Co hn, mitteilte, balancieren die Einnahmen und Ausgaben des Vereins mit 282 258,66 Mark. Redner betonte, daß die Durchführung aller humanen Aufgaben des Vereins weit größere Mittel, als zur Verfügung stehen, erfordern, zumal der Etat für das laufende Geschäftsjahr einen erheblichen Fehlbetrag aufweist, und bat die Anwesenden, sich in weiteren Kreisen für Werbung neuer Mitglieder zu interessieren. Nachdem Herr L. Bernstein im Namen der Revisionskommission Decharge beantragt hatte, wurde diese einstimmig, erteilt. In der Besprechung des Jahresberichts wurde von.verschiedenen Seiten mit Recht darüber Klage geführt, daß eine Reihe jüdischer Vereine bedauerlicherweise das Inkasso ihrer Mitgliederquittungen noch nicht durch den Arbeitsnachweis bewirke, weshalb die Vereinsleitung Schritte ergreifen müsse, um die Jnkassoabteilung weiteren Kreisen bekannt zu machen. Herr Greifenhagen wünschte dasselbe auch für die Stellenvermittlungs-Abteilung des Vereins, und verspricht sich hierdurch noch zahlreichere Meldungen von Stellungsuchenden. Nachdem der bisherige Vorstand durch Zuruf wiedergewählt worden, schloß der Vorsitzende nach eineinhalhstündiger Dauer die angeregt verlaufene Generalversammlung. e. Berlin, 10. März. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am 1. d. M. Rabbiner Dr. I. Eschelbach er einen Vortrag über „Die Anfänge der jüdischen Diaspora". Der Redner führte aus, daß einige Gelehrte behaupten, schon zur Zeit Sauls seien Juden aus ihrer Heimat nach Arabien ausgewandert und unter der Regierung Salomos sogar bis nach Ostafrika. Sichere Kunde jedoch haben wir erst von der im. achten Jahrhundert erfolgten Wegführung der zehn Stämme nach Assyrien. Dort wurden sie in verschiedenen Gegenden angesiedelt und wohnten lange Zeit im Lande. Jetzt ist ihre Spur verloren gegangen. Bald will man sie hier, bald dort gefunden haben. Indier, Turkestaner, Afghanen und sogar Japaner wurden und. werden für Abkömmlinge der zehn Stämme ausgegeben. Beweisen läßt sich das natürlich nicht. Interessant ist es, daß die Engländer durchaus von Juden abstammen wollen. Es gibt eine große Gesellschaft in England, die es sich zum Ziel gesetzt hat, eben diesen Nachweis zu erbringen. Die zweite große Abwanderung erfolgte 120 Jahre später nach Babylonien. Hier wurden sie groß und mächtig und schufen einen neuen geistigen Mittelpunkt. Später zogen Juden von dort nach Arabien, Kleinasien und Aegyten. Ueberall, wohin sie kamen, erlangten sie Einfluß. Sie lebten sich ein in die Gebräuche der Völker, aber dennoch gaben sie ihre Eigenheiten nicht auf. Sie bewahrten ihr Gesetz, ihre Sprache. So auch nur konnten sie weiterleben, andernfalls wären sie in den Völkern untergegangen,, und keine Spur wäre mehr von ihnen gewesen. Die Geschichte der Zerstreuung der Juden zeigt, daß sie keineswegs die Folge eines Fluches ist, wie sie die christliche Volkssage bekanntlich hinstellt; sie ge' staltete sich vielmehr zum Segen für das-Judentum und seine Bekenner« Die lehrreichen Ausführungen Dr. Eschelbach ers, der sie durch zahl' reiche Einzelheiten interessant illustrierte, , fanden lebhaften Beifall. — Zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums hielt am 28. v. M. in der Aula der Lehranstalt Rabbiner Dr. Bäck aus Düsseldorf einen fesselnden Vortrag über „die Entsteßung des-Christentums". Das zahlreich erschienene Publikum spendete dem Redner für seine geistvollen Ausführungen reichen Beifall. - Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Frankfurt a. M. sprachen Dr. Nathan Birnbaum-Czernowitz über „Das jüdische Theater", Rabbiner Dr. Jacob HoroWitz-Frankfurt a. M. über Josef Hahn, ein Charakterbild aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde Frankfurts zur Zeit des 30 jährigen Krieges. In Bremen und Hannover sprach Frau Regina Neißer-Breslau über Wilhelm v. Humboldt und seine Familie in ihren Beziehungen zum Judentum; in Mannheim Reichstagsabgeordneter Dr. L. Frank über' „Ludwig Börne". — In Lissa i. P. sprachen Herr Lagueur- Breslau über „Salomon Munk", Rabbiner Dr, Bäck-Düsseldorf über „Tolstoi und das Judentum", Justizrat Nürnberg-Lissa. über „Ludwig August Frankl". y. Berlin, 15- März. In unseren Tagen, da der Herr Kriegsminister sich so geflissentlich bemüht, die Fernhaltung jüdischer Offiziersaspirante-n von der Gesellschaft der. Offizierkorps zu. „erklären" und gewissermaßen zu „entschuldigen", entbehrt es nicht eines ganz besonderen Interesses, daß sich unter den sechs Berliner Herren der Haute Finance und der Großindustrie, die mit einer Ein-; ladung des Kaisers zur Teilnahme an der Nordlandsfahrt des Monarchen beehrt worden sind, sich auch zwei Herren jüdischen Bekenntnisses befanden, die also zur Reisegesellschaft des Kaisers zugezogen worden sind. Es sind dies die Herren Geheimer Baurat Dr. E. Rathenau und der Direktorder „Deutschen Bank" Paul Mankiewitz- Zwei weitere Herren „jüdischen Geblüts", die heute aber nicht mehr dem Judentumangehören, befanden sich auch noch unter den rest- - lichen vier, nämlich Geheimer Kommerzienrat v. Friedländer-Fuld und der Chef des Hauses Bleichröder Dr. Paul v. Schwabach, - Sollte es nicht doch auch Juden geben, bie: der Kameradschaft von Offizieren würdig sind? W. Posen, 14. März. Die in Berlin abgehaltene Konferenz des „Deutsch»Israelitischen Gemeindebundes" beschäftigte sich auch mit der Regulierung der Fürsorge für die armen jüdischen Wanderer. Zur Erörterung kam die Frage der Errichtung von Wanderarbeitsstätten, von Arbeitsnachweisen usw. Hauptsächlich wurde darüber beraten, wie den Wanderarmen das Kreuz- und Querfahren zu ersparen sei. Bei der heute herrschenden Systemlosigkeit werden Zeit und Mittel zwecklos vergeudet. Durch die Einführung von Provinzialkassen würden die nötigen Geldmittel zur Verfügung stehen, um die bestehenden Uebelstände zu beseitigen oder wenigstens zu mildern.' Dann ist weiter nötig die Schaffung von Wanderarbeitsstätten, und zwar mindestens einer für jede Provinz. Hier würden sich schnell die arbeitsscheuen von den arbeitswilligen Elementen sondern, hier würde sich auch Herausstellen, ob und zu welcher Arbeit der einzelne befähigt ist. Ein Netz von Arbeitsnachweisen, die untereinander in reger Verbindung stehen, müßte dann aus diesen Arbeitsstätten alle die heraussuchen, für die sich eine passende Existenz und dauernde Betätigung bietet. Eine bedeutsame Rolle könnten in dieser Hinsicht auch die Brockenanstalten spielen, die vom „Verein der Sabbathfreunde" ins Leben gerufen sind und von denen sich eine, die „Peah", in Posen befindet. Bei den bedeutenden Summen, die hier wie anderswo fast zwecklos ausgegeben werden, wäre es ein Leichtes, durch einen Zusammenschluß der Armenvereine in unseren Provinzialgemeinden mit dem Mittelpunkt Posen die nötigen Geldmittel zu schaffen, um durch einen geordneten und wohlorganisierten Provinzialverband diese Mittel ihrem wirklichen Zwecke zuzuführen und so dem Nebelstand der Wanderbettelei abzuhelfen. — Beim Beginne des nbuen Schuljahres werden merkliche Veränderungen im Schulwesen in betreff der jüdischen Lehrer Vorkommen. Lehrer Brzez i n ski aus Miloslaw tritt in den hiesigen städtischen Schuldienst ein und wird die Stelle des verstorbenen Lehrers Bernstein übernehmen/ In Samter tritt Lehrer Borchardt in den Ruhestand; zu seinem Nachfolger ist Lehrer Katz aus Borek bestimmt. Für die durch den Tod des Lehrers Goldberg in Kempen vakante Lehrerstelle an der dortigen Simultanschule ist Lehrer Witt aus Murowana-Goslin gewählt. Wie verlautet, soll Lehrer Isaak aus Tirfchtiegel zum Nachfolger des Herrn Brzezinski in Miloslaw ernannt worden sein. y. Breslau, 14. März.. Die bekannte Fränkelsche Stiftung, die u. a. in ihren Häusern billige Wohnungen an vermögenslose Einwohner vermietet, war von der städtischen Kommune zur Gemeindegrundsteuer herangezogen. Auf erhobenen Einspruch des Kuratoriums der Stiftung entschied der Bezirksausschuß und jetzt als letzte Instanz auch das Oberverwaltungsgericht, daß die Stiftung als eine „milde", wohltätigen Zwecken dienende zu erachten sei und daher zur Grundsteuer nicht herangezogen werden dürfe.