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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-18 · Heft 11 (18.3.1910) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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74. Jahrgang. Nr. 11 Der Oemeindeöote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung öeg Judentums. Sorrelpondrnren und Mchrichtrn Veutschlsnd. */ Berlin, 15. März. Dem soeben erschienenen Rechenschaftsbericht des Hilssvereins der Deutschen Juden über seine Tätigkeit im Jahre 1909 entnehmen wir folgende bemerkenswerte Angaben: Das neunte Geschäftsjahr hat dem Hilfsverein auf allen Gebieten seinerTätigeit große und zum Teil neue Aufgaben gestellt.' Das Vertrauen der deutschen Glaubensgenossen ist dem Verein wie bisher treu geblieben, und auch ausländische Glaubensgenossen beteiligen sich mehr und mehr finanziell an seinem Werke. In den Einnahmen, die bisher von Jahr zu Jahr gewachsen sind, spiegelt sich am klarsten die Anerkennung wieder, die sein Wirken findet. Die Jahresbeiträge haben sich erhöht und betragen rund 153000 Mark. In besonders großem Umfange sind im Jahre 1909 neben den Jahresbeiträgen einmalige Beiträge eingegangen, nicht aus Deuschland allein, sondern auch aus Rußland. Sie betrugen rund 124500 Mark, so daß die Gesamteinnahme dieses Jahres sich auf 277000 Mark beziffert gegen 199700 Mark im Vorjahre. In dem Ausbau des Schul- und Erziehnngswerks wurden im abgelaufenen Jahre weitere Fortschritte gemacht. Insgesamt unterhielt oder unterstützte der Hilfsverein der Deutschen Juden 38. Anstalten/ davon vier in Galizien, sechs in Rumänien, drei in Bulgarien, drei in der europäischen Türkei und 20 in Palästina. Auch in Rußland subventioniert er einige Institute und zwar speziell solche, die der Ausbildung und Fortbildung im Handwerk dienen. In den Balkanländern wie im Orient wurde das Schulwerk ausgebaut und erweitert. Entsprechend der wachsenden Ausbreitung des deutschen Handels in Rumänien, Bulgarien und im Orient tritt die deutsche Sprache immer stärker in den Vordergrund, und demzufolge hat der Hilfsverein Gesuchen um Entsendung deutscher Lehrkräfte, soweit wie möglich gern stattgegeben. Besonderen Wert legt der Hilfsverein der Deutschen Juden darauf, daß der Unterricht an den Instituten im Orient, der neuen Entwicklung der Türkei immer mehr gerecht wird. Um die der Schule Entwachsenen mit den nötigen Kenntnissen fürs Leben auszurüsten, werden auch Fortbildungskurse eingeführt. 'Das Lehrerseminar des Hilfsvereins in Jerusalem hat sich als ein großes Bedürfnis erwiesen. Außer in Palästina sind auf dem Jerusalemer Lehrerseminar ausgebildete Lehr xräfte in Bulgarien und der europäischen Türkei tätig. Eine blühende Entwicklung hat insbesondere auch das vom Hilfsverein in Palästina eingeführte Kindergartenwesen genommen. Durch die Einrichtung eines Kindergärtnerinnenkursus in Jerusalem ist einem lange empfundenen Notstand abgeholfen worden. Es ist . ferner . hervorzuheben, daß die Vorarbeiten für die Errichtung eines Technikums in Haifa, dessen Begründung der Hilfsverein .der Deutschen Juden inauguriert hat, nun so weit gediehen ist, daß in Kürze die Grundsteinlegung erfolgen kann. Wie in^den vorigen Jahren hat der Hilfsverein auch 1909 den Falaschas, dem versprengten jüdischen Stamm in Abefsynien, sein Interesse entgegengebracht. Er hat die der Erforschung und der Besserung der Lage der Falaschas dienende Expedition des jungen Gelehrten Dr. Faitlowitsch unterstützt und die Ausbildung einiger Falaschas in Jerusalem übernommen, die nach ihrer Heimat zurückkehren und eine Verbindung der Falaschas, mit der Kulturwelt Herstellen sollen. Galten im Orient die Bemühungen und Arbeit des Hilfsvereins in erster Linie der Förderung . der Bildung, Erziehung und Kultur, so hatte er in Osteuropa auch im abgelaufenen Jahre wiederum ein schwieriges und bedeutsames Hilfs» merk für die leidenden Glaubensgenossen zu vollbringen. In Galizien hat der Hilfsverein in Kooperation mit der Großloge für Deutschland und dem Wiener Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung st ne Tätigkeit wieder in der Richtung erstreckt, kulturelle Institutionen — Kindergärten — zu unterstützen, die Juden produktiven Berufen z -zusühren und ihnen Kreditquellen zu erschließen. In Rumänien Hot er außer dem Schul« und Erziehungswerk sich auch für die Besserung der ökonomischen und rechtlichen Lage der Juden eingesetzt. Die Leidensgeschichte der Juden Rußlands ist in diesem Jahre eine getreuliche Wiederholung der Bedrückungen des vorigen Jahres. Die unnatürliche Verteilung der Juden in Rußland, die gesetzliche Verfolgung und der fast völlige Ausschluß von den Bildungsanstalten sind es, die auch die traurige wirtschaftliche Lage der Juden herbeiführen. Angesichts der beispiellosen Not, in der sich die. russischen Glaubensgenossen .befinden, mußte die Tätigkeit des Hilfsvereins in unvermindertem Maßstabe fortgesetzt werden. Für das russische Hilfswerk inklusive der Auswanderung hat der Hilfsverein im Jahre.1909 die Summe von 290 000 Mark ausgegeben. Im Jahre 1909 haben etwa 100 000 jüdische Auswanderer ihre europäische Heimat verlassen müssen, darunter mehr als 65 000 aus Rußland. In mehr als 13 585 Einzelfällen wurde die Hilfe unserer Vertrauensleute angerufen. 8538 Personen wurden befördert, und fast die doppelte Anzahl beherbergt, verpflegt, bekleidet oder in Krankheitsfällen unterstützt. Neben der Auswanderung hat der Hilfsverein auch den Rückwanderern seine Fürsorge zugewandt, und er ist zurzeit bestrebt, gemeinsam mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde und anderen jüdischen Organisationen zur Unterdrückung des Wanderbettels geeignete Vorkehrungen zu treffen. So hat der Hilfsverein im abgelaufenen Jahre seine bisherige segensreiche Tätigkeit nicht nur fortgesetzt, sondern auch in mannigfacher Weise erweitert. Das gesamte Kultur- und Hilfswerk des Hilfsvereins der Deutschen Juden erforderte im Jahre 1909 die namhafte Summe von rund 1/2 Million Mark. — Es wäre zu wünschen, daß unsere begüterten Glaubensgenossen des In- und Auslandes in noch gesteigertem Maße als bisher dem kulturellen und sozialen Werke des Hilfsvereins das erforderliche Verständnis und Interesse entgegenbrächten. *** Berlin, 10. März. Der Verein für Arbeitsnachweis hielt am 25. v. M. in seinen Räumen Monbijouplatz 10 die fünfzehnte Generalversammlung ab. Der Vorsitzende Herr Dr. Max Ginsberg eröffnete die Sitzung mit einem warmen Nachruf auf das verstorbene Vorstandsmitglied Hermann Davidsohn, dessen Andenken die Versammlung durch Erheben von den Plätzen ehrte, und erstattete hierauf folgenden Jahresbericht: Die Frage des Arbeits- Nachweises sei gegenwärtig aktuell; von den Parlamenten und innerhalb der großen jüdischen Organisationen werde sie lebhaft diskutiert; die Großloge für Deutschland widme derselben, ihr besonderes Interesse; gemeinsam mit ihr, der Mianee Israelite Universeile und dem Hilfs verein der Deutschen Juden habe der Deutsch-Israelitische Gemeindebund die Regelung des Wanderbettels, für welche die Arbeits-Nachweise eine Teilfrage bedeuten, in den Kreis der Erörterung gezogen. In der Abteilung für Stellenvermittlung wurden im' vergangenen Jahre 3272 Personen untergebracht, von diesen haben 2422 feste Stellungen, 850 aushilfsweise Beschäftigung erhalten. An der Hand einiger markanter Fälle wies der Vorsitzende darauf hin, daß die Erfolge zum Teil auf die intensive Mitarbeit einiger Vorstandskollegen zurückgeführt werden konnten, die es weder an Zeit, noch an Mühewaltung im Interesse der Schützlinge fehlen ließen. Auch Akademiker wenden sich häufig an den Verein. Durch das von anderer Seite geplante „Arbeitsamt für jüdische Akademiker," das im freundschaftlichen Zusammenwirken mit unserem Verein arbeiten wird, könne dieser Kategorie von Stellungslosen hoffentlich in noch größerem Maße als bisher genützt werden. Besonders hervorgehoben zu werden verdiene, daß auch 30 Personen im Alter von 51 bis 60 Jahren Stellung erhalten konnten. - Von den fest Untergebrachten stammten 1035 aus Berlin, 902 aus den Provinzen, 259 Personen aus Oesterreich-Ungarn, 90 aus Rußland usw. Auch die zweite Abteilung, die Schreibstube, konnte wesentliche Fort-, schritte verzeichnen. Der Umsatz hat sich mit etwa 10 000 Mark gegen das Vorjahr fast verdoppelt. Für Löhne konnte sie zirka 3000 Mark an Stellungslose zur Auszahlung bringen. Die Jnkassoabteilung hat ebenfalls große Fortschritte gemacht; sie erhielt gegen 380 000 Mark.

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