Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Itjest, 13. März. Einst hatte unser Städtchen eine ansehnliche Gemeinde, die inzwischen, wie es in der gegenwärtigen Entwicklung des Gemeindewesens in den kleinen Plätzen leider liegt, vollständig verwaist ist. Die hier gewiß einst unter großen Opfern erbaute. Synagoge, die zu Groß-Strelitz gehört, ist dieser Tage, da sich in unserer Stadt auch nicht mehr ein Jude befindet, an den Gerbermeister Geisler Hierselbst verkauft worden. W. Stolp i. P., 4. März. Seit dem Ende des vorigen Jahres besteht in unserer Gemeinde ein Jugendbund, dem bereits über 60 Mitglieder angehören. Angeregt durch das Beispiel des Herrn Rabbiner Dr. Joseph, der alle Dienstag abends eiNen Vortrag hält, bringen die Damen und Herren dem Verein ein ganz ungewöhnliches Interesse entgegen. Die Leitung des Vereins ruht in den Händen des Herrn Gottschalk sowie der Damen Erna Simon, Aron und Wolffberg. Wenn diese Jugendbundbewegung anhält, dann ist zu hoffen, daß auch in den mittleren und kleinen Gemeinden neues religiöses Leben erblühen wird. M. Hamburg, 8. März. Das Repräsentantenkollegium; der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hielt gestern im Gemeindebureau eine Sitzung unter. Vorsitz des Herrn Jakob Alexander ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende des dahingeschiedenen Gemeindevorstehers Herrn Moritz Marburg, der seit dem Jahre 1898 dem Gemeindevorstand angehörte und segensvoll zum Wohle der Gemeinde und ihrer Institutionen wirkte. Das Andenken des Verewigten wurde von der Versammlung durch Erheben von den Sitzen geehrt. Ein Schreiben des Gemeindevorstandes betreffs Mitgenehmigung der neuen Statuten der israelitischen Töchterschule wurde dem bestehenden Ausschuß zur näheren Prüsunn überwiesen. Der Vorsitzende verlas sodann ein weiteres Schreiben des Gemeindevorstandes mit der Mitteilung, daß die Armenkommission, dem Anträge des Repräsentantenkollegiums gemäß, drei weibliche Gemeindemitglieder als Helferinnen ernannt habe. Eine-weitere Mitteilung ging dahin, daß die vom Kollegium als Ergänzung der Armenkommission - beantragte Wohlfahrtskommission demnächst in Kraft treten werde Der Vorstand ersucht um Entsendung von drei Mitgliedern der Repräsentanten in die gemischte Kommission zur Ausarbeitung des Statuts der Wohlfahrtskommission. Die Versammlung wählte zu Delegierten die Herren: Lisser, Oettinger und Urias. Das statutengemäß ausscheidende Vorstandsmitglied der Theresienstiftung Herr Max Frank wird per Akklamation wiedergewählt. Zu Mitgliedern der Verwaltung des Altenhauses wurden die Herren Dr. Fritz Marburg und Dr. H. Samson gewählt. In den Vorstand der Töchterschule wurden die statutengemäß ausscheidenden Herren Dr. Jul. Lippmann und Dr. Iwan Michael wiedergewählt. Die Mitgenehmigung der Bestallung eines zweiten Gemeindesekretärs wurde einer dreigliedrigen Kommission zur näheren Prüfung überwiesen. Diese Kommission soll sich hanptsächlich mit der Sache beschäftigen, ob es sich empfehle, einen Syndikus respektive Gemeindedirektor anzustelleu. Der Antrag des Herrn Jos. Oettinger, den Mitgliederndes Repräsentantenkollegiums aus dem Protokollbuch der letzten Legislaturperiode einen Auszug über die behandelten Anträge und Anregungen und deren Resultate zu unterbreiten, wurde angenommen. Der nächste Punkt betraf den Ohlsdorfer Friedhof und bestand aus zwei Positionen, a) Beratung des Vertragsentwurfs für die Uebertragung der Unterhaltung des Begräbnisplatzes und Schmückung der Gräber daselbst an einen Unternehmer, b) Beratung über die Instruktionen und die Bestallung für den anzustellenden Inspektor. Auf Antrag des. Herrn Mathisson wird beschlossen, den Gegenstand bis zur nächsten Versammlung zu : vertagen. Gleichzeitig soll der Gemeindevorständ ersucht werden, den Repräsentanten das gesamte in dieser Angelegenheit gesammelte Aktenmaterial zugängig zu rachen.^ . Die hiesige T e mp e l g e m e in d e. hat in diesem Minter eine neue Veranstaltung eingeführt, welche, wie die i.veraus rege Beteiligung beweist, allgemeinen Anklang findet. An einem Sonntag Vormittag jeden Monats findet im Tempel eine Versammlung statt, bei der abwechselnd einer der Herren Prediger Dr. Leimdörfer und Dr.. Sonderlingeinen religiös-wissenschaftlichen Vortrag hält. Der Betreffende erscheint nicht im Ornat, 15w zu kennzeichen, daß es sich nicht etwa um einen Sonntagsgottesdienst handelt. Am verflossenen Sonntag sprach Herr Dr. Leimdörfer über das Thema: „Das Problem der Erhaltung Israels". Köln, 8. März. Im 88. Lebensjahre verschied am verflossenen Sonnabend a.bend Rabbiner und Seminardirektor a. D. Dr. Hirsch Plato. Mit ihm ist eine Zierde des deutschen Rabbinerstandes, ein Mann von lauterstem Charakter, tiefgründigster Gelehrsamkeit und., einer großartigen Welt- und Lebensanschauung dahingegangen. Er hat über ein Menschenalter in Köln als Rabbiner der (unter ihm als Zweiggemeinde der Synagogengemeinde bestehenden) Adas Jeschurun und als Direktor des hiesigen jüdischen Lehrerseminars segensreich gewirkt. In den Kämpfen der letzten Jahre hat er seine Zugehörigkeit zur Hauptgemeinde bekannt, und diese hat nicht aufgehört, ihn als den Ihrigen zu betrachten und als einen der Besten und Würdigsten zu verehren. Das zeigte sich noch einmal voll und ganz bei der am Montag stattgehabten Beerdigung, wo neben allen Schichten der jüdischen Bevölkerung und einer ganzen Anzahl von auswärts herbeigeeilter geistlicher und weltlicher Vertreter des Judentums die Verwaltung der hiesigen Synagogengemeinde fast vollzählig vertreten war. Rabbiner Dr. Rosenthal hielt die Gedenkrede auf dem Friedhof der Gemeinde in Köln-Deutz, wo der Verewigte auf dem ältesten, aus dem 17. Jahrhundert stammenden Teil, die Ehrenstatte gefunden hat. Im Hause hatten vorher Schwiegersohn und Sohn des Heimgegangenen, Oberrabbiner Dr. Lerner-Altona und Rabbiner Dr. Jmanuel Plato-Hamburg dem Schmerz der Familie Ausdruck verliehen. Ein unübersehbares Leichengefolge gab dem Verblichenen die letzte Ehre, mit dem eine Menschennatur wie aus einer alten und fernen Welt, ein Charakter von antiker Art aus unserer Mitte geschieden ist. Sein Gedächtnis wird bei uns in Ehren gehalten werden und sein Andenken aus unserer Mitte nicht verschwinden. B. T. WÄrzburg, 12. März. Oberleutnant Julius Rohe vom 5. Infanterieregiment in Bamberg, der an den Kämpfen gegen die Hottentotten und Chinesen teilgenommen hatte, mußte sich vor dem Kriegsgericht verantworten. Bei einem Gefechtsschießen am 10. Januar war ihm der Infanterist Raphael Frank, der Sohn eines israelitischen Viehhändlers aus Westheim (Unterfranken) nicht „schneidig" genug. Er soll den Soldaten mit folgenden Titulaturen bedacht haben: „Kerl, ich reite Dich zusammen, Du kommst nicht mehr aus dem Arrest heraus!" Und wirklich, der Oberleutnant fetzte mit seinem Pferd über Frank hinweg, machte dann »kehrt" und sprengte abermals über den Soldaten hinüber, der dabei so schwer durch Huf» schlüge getroffen wurde, daß er heute noch in ärztlicher Behandlung steht. In der Verhandlung vor dem Kriegsgericht erklärte der Offizier, er müsse sein „sehr temperamentvolles" Pferd wohl mit der Peitsche getroffen haben, deshalb sei es über den Mann hinweggesprungen. Der Verhandlungsleiter, Oberstleutnant Oskar Etzel, Kommandeur des 2. Feldartillerieregiments in Würzburg, herrschte den Soldaten Frank, der bei seiner Vernehmung nicht immer die Finger an der Hosennaht hatte, an: „Gelt, Sie Verehrtester, wir sind keine Viehhändler, wir reden nicht mit den Händen, sondern mit dem Maul! Lassen Sie Ihre Pfoten, wo sie sind!" Die Zeugen bestätigten die Anklage, allein der Reiterleutnant wurde nur wegen Beleidigung zu zwei Tagen Stubenarrest verurteilt. J. Nürnberg, 14. März. Wie in einzelnen anderen Städten) soll jetzt auch hier in Nürnberg eine Arbeitsstätte für unbemittelte jüdische Einwohner geschaffen werden. Man glaubt damit eine soziale Tat auszuführen, indem man die arbeitsfähigen Armen, soweit ihre Kräfte reichen, aus Almosenempfängern zu selbständig Erwerbenden emporhebt. Das Projekt erfreut sich großer _ Sympathien in den Kreisen der hiesigen Gemeindemitglieder, so daß die Ausführung der Absicht gesichert erscheint. j. Stratzbürg, 11. März. Für die Ausbildung von jüdischen Handwerkern im Elsaß ist die hiesige israelitische Gewerbeschule ein von Jahr zu Jahr bedeutsamerer Faktor geworden. Nach einer soeben veröffentlichten Mitteilung, sind in dem Zeitraum von 1905 bis 1909 dort nicht weniger als 72 Handwerkslehrlinge ausgebildet worden, von denen bis auf sechs alle im erlernten Handwerk geblieben find. Und es stellt der Gewerbeschule und ihrem Erziehungswerk ein besonders glänzendes Zeugnis aus, daß mit Einschluß