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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-18 · Heft 11 (18.3.1910) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 130 (sequence 10)
Language
German
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Burggraben zu. Auf ein gegebenes Zeichen fiel die Zugbrücke herab, und ein ganzes Rudel von Hunden — in den verschiedensten Größen — stürzte sich freudig bellend und schweifwedelnd auf ihn. Mit einem Peitschenknall brachte er sie zur Ruhe, und jedes der Tiere durste ein Stück Zucker von der Zungenspitze des Gebieters weghaschen. Lautlose Stille herrschte ringsum. In dem ungeheuren Gebäude wurde keine menschliche Seele sichtbar. Der Fürst durchschritt ein ganzes Labyrinth von Gängen, bis er sein Arbeitskabinett erreichte, welches ganz dem Charakter seines Bewohners entsprach. Die Produkte aller fünf Weltteile erblickte man hier im buntesten Durcheinander. Kostbare persische Teppiche, altdeutsche Schränke, zierliche Rokokostühlchen, die feinsten chinesischen Stickereien und indischen Elfenbeinarbeiten, Jndianerskalps, Zobeldecken und Waffen aus aller Herren Länder. Und in diesem bizarren Raume, den nur sehr wenig Auserwählte betreten dursten, brütete der Fürst die bizarrsten Pläne aus. Noch war er sich nicht bewußt, wie er Tot für die ihm angetane Beleidigung bestrafen sollte. Ueber dieses Problem grübelnd, ging er in dem Gemache aus und ab; plötzlich fiel sein Blick aus eine unübertrefflich aus geführte Marm orbüste Neros. „Na, altes Haus, heute will ich Dich noch übertreffen. Deine Manen sollen ihre Freude an mir haben," wandte er sich lachend an die Büste, während er seine wallenden schwarzen Locken aus der Stirne strich. Wer jetzt in das Antlitz mit den dunkelblauen, seelenvollen Augensternen, dem .schöngeformten Munde mit dem energischen Zug um die schwellenden Lippen geblickt hätte, wäre schwerlich auf den Gedanken gekommen, daß dieser Mann Böses planen und neronischen Gelüsten frönen könnte. Ein rätselhafteres Menschenkind als Fürst Berzinsky wandelte kaum unter der Sonne. Die Natur hatte ihn mit herrlichen Gaben ausgestattet: er war schön, geistvoll und ungemein reich. Aber sein Reichtum wurde ihm zum Fluch. Im Alter von 23 Jahren fand er sich als Herr eines unermeßlichen Vermögens; er war mit lebhafter Phantasie und herrschsüchtigem Geiste begabt, von Fürstenknechten umringt, die seine schlimmsten Streiche für schön und gut erklärten, sich willig seinen widersinnigsten Befehlen unterordneten und alle seine Launen befriedigten. Mußte dabei nicht sein besseres Gefühl allmählich ersticken, seine im Grunde groß angelegte Natur versumpfen? Jahre lang machte er die abenteuerlichsten Reisen durch die Welt, bis ihm plötzlich in Kalkutta einfiel, daß er im Norden Ungarns große Waldungen und ein kleines Dorf besitze, welches er noch nicht kenne. Der Gegensatz zwischen der blühenden Hauptstadt Indiens und dem verfallenen slowakischen Gebirgsdorf S . .. reizte ihn derart, daß er, ohne sich auf dem Wege eine Rast zu gönnen, sofort die Reise dahin antrat. Von der einen Seite umgeben S .. . verwahrloste Laubwälder, von der anderen Kalkbrüche. Die Bewohner des Dörfchens, fast ausschließlich Kalkbrenner, waren infolge ihrer ungesunden und wenig lohnenden Beschäftigung Jammergestalten. Der Fürst, ihr Herr, hatte bisher nichts getan, um ihre Lage zu bessern. Der Wald, der ihnen reichlich hätte Arbeit' bieten können, lag unverwertet da; sie dursten bei strengster Strafe nicht einmal Reisig für den Winter sammeln. Kein Wunder also, wenn der Abstand zwischen S .. . und der reichen Metropole Indiens ein so großer war, daß in dem Fürsten plötzlich das bessere Ich erwachte. Er beschloß, sich hier anzusiedeln, die Leute zu beschäftigen und Wohlstand in den Ort zu bringen. Der Pfarrer und der Notar begrüßten diesen Entschluß mit Entzücken. Aber sie hatten die Rechnung ohne die Unbeständigkeit des „verrückten Alfred" gemacht. Der Hang zum Absonderlichen brachte ihn auf die Idee, in dieser unwirtlichen Gegend eine stolze Raubritterburg zu bauen. Schon wenige Wochen nach seiner Ankunft ward die Arbeit in Angriff genommen. Die Dorfbewohner und der Fürst selber fanden reichlich Beschäftigung. Nach Jahresfrist stand die Feste fertig da. Die innere Einrichtung eines jeden Gemaches entsprach einem anderen Jahrhundert, einer anderen Nation und je nach den Gemächern ließ der Fürst auch für sich selbst entsprechende Gewänder anfertigen. Hatte er Lust, im „Selamlik", dem türkischen Herrenzimmer, zu verweilen, erschien er auch sicherlich in Pluderhosen, Kaftan, Turban.und mit den obligaten Waffen im Gürtel. Für den altdeutschen Speisesaal legte er ein Huntinggewand an usw. Die Passionen waren zwar kostspielig und grenzten an Wahnsinn, aber sie schädigten die Nebenmenschen nicht, wie so viele andere Launen des Fürsten. (Fortsetzung folgt.) Litersrilche Mitteilungen. --- Dr. M. Lev in, Lehrbuch der israelitischen Religion. Dritte, durchaus verbesserte Auflage. Berlin 1910. M. Poppelauer. Wie der Verfasser im Vorwort bemerkt, ist das soeben in dritter Auflage zur Ausgabe gelangte Lehrbuch für die oberen Stufen, insbesondere für den Konfirmationsunterricht bestimmt. Es enthält in zusammenfassender Form den Gesamtinhalt der Religion und Geschichte. der aus Zweckmäßigkeitsgründen in drei gesonderten Teilen vorgeführt wird: die Lehren in einem theoretischen, die Gesetze in einem praktischen und das Geschichtliche in einen: historischen Teil. Letzterer behandelt ausschließlich das auf Israel Bezügliche, während die beiden ersten Teile das Vorbild der Menschheitsreligion zur Anschauung bringen. Besonders hervorgehoben zu werden verdient, daß der Verfasser dem bei der Behandlung der Lehrsätze das rabbinische Schrifttum als Substrat diente, als Belege jedoch ausschließlich biblische Aussprüche anwendete, und das mit Recht, weil schon durch sie allein, wie er richtig bemerkt, sowohl die Religionslehre als auch die Sittengesetze den höchsten Ausdruck finden. In der getroffenen Auswahl der Beleg, stellen wie in dem ganzen Aufbau des Buches ist neben dem pädagogischen Empfinden des Verfassers die Begeisterung für die Aufgabe! zu merken, die er sich gestellt hat: den Geistesschatz Israels, seine Religion, in ihrer ursprünglichen Reinheit darzustellen Das Lehrbuch der israelitischen Religion reiht sich würdig den beiden Lehrbüchern der biblischen und der jüdischen Geschichte des Verfassers an, die 1907 und 1908 in bereits vierter Auflage erschienen und von Fachkreisen aufs beste beurteilt worden sind. Zum Schluß erwähnen wir noch den kurzen aber äußerst wichtigen Anhang des Buches: das israelitische Religionsbekenntnis, das sehr zeitgemäß ist und in die weitesten Kreise unserer Glaubensgenossen getragen zu werden verdient. A—tz. * Dr. S. Klein, „Beiträge zur Geographie und Geschichte Galiläas". Mit einer Karte und drei Beilagen. Leipzig 1909, VIII und 112 Seiten. 4 Mark. Ueber diese hochinteressante Schrift habe ich in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums (Jahrgang 1909, Seite 752/53) bereits ein ausführliches Referat erstattet. Sie verdient aber, daß auf sie auch in einer einem größeren Laienpublikum dienenden Zeitschrift hingewiesen wird. Denn es ist mit Freuden zu begrüßen, daß man auch in jüdischen Kreisen beginnt, der Erforschung Palästinas, in der die verschiedenen Nationen und Bekenntnisse miteinander wetteifern, sich zuzuwenden und diese Arbeit nicht mehr christlichen Forschern allein überläßt. Dies umsomehr, als gerade jüdischen Forschern in Talmud und Midrasch Quellen zur Der-

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