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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-18 · Heft 11 (18.3.1910) · p. Seite 129

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 129 (sequence 9)
Language
German
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Gezeter, Geschrei, — das Ge wird als deutsche Vorsilbe geführt, — so konnte bei solcher Klangähnlichkeit die Bedeutung des Wortes bei denen, die des Hebräischen unkundig sind, leicht sich wandeln. Das Wort Geseire, das man übrigens im Deutschen als sächliches Dingwort fühlt, erinnert aber auch in seinem Klang an Geleier, Gerede, seichtes Geschwätz, so daß wirklich dieser Nebensinn, den das Wort auch neuerdings erhält, nicht fernliegt. In der letzten Kunstwartnummer (Märzheft 1910) charakterisiert Avenarius unter der ironischen Ueberschrist „Klänge von der Menschheit Höhen" den Ton der Polemik, den Theodor Lessing anschlägt gegen Samuel Lublinski in Siegfried Jacobsohns Schaubühne. Bei dieser Gelegenheit sagt Avenarius: „Das einzige sozusagen ernsthafte Wort in dem ganzen — um Theodor Lessingisch zu sprechen — Geseires ist das: „espritjüdischer Typus". — Hier wird das Wort Geseires mehr in der zuletzt angegebenen Bedeutung gebraucht. In der 1909 erschienenen neuen Bearbeitung des Weigandschen Wörterbuches findet man zu dem Worte „Geseier" die Erklärung: „unnützes Gerede, scheltendes Geschrei, Wirrwarr von Stimmen. Aus dem Judendeutsch, vonhebr.Z626raBehauPtung,(erregte)DisPutation". Zu der zuletzt genannten Bedeutung dürfte sich schwerlich im Hebräischen ein Beleg finden. Ein sachlicher Zusammenhang zwischen religiösen Disputationen — und Geseiraus besteht allerdings, wie die jüdische Geschichte lehrt. Avenarius schließt jenen Artikel mit den Worten: „Hätte ein Nichtjude dergleichen je gewagt, würde flammende Entrüstung durch die gesamte Presse lodern, soweit sie nur irgendwie unterm Einfluß von „Juden und Judengenossen" steht. Und zwar: durchaus berechtigter Entrüstung". Man kann diesen Ausführungen nicht widersprechen. Daß eine solche Manier der Polemik, wie wir sie in letzter Zeit einigemale schaudernd miterlebt haben, bei uns möglich ist, das gehört sicherlich zu unfern Geseiraus, und nicht zu den geringsten. Dr. Spanier-Münster. Der „verrückte Alfred". Eine jüdisch-slowakische Dorfgeschichte von Anno 1870, nacherzählt von Ludmilla Koelle. I. nädiger Herr, ich melde gehorsamst, daß wir zurückfahren müssen, die Zugbrücke ist aufgezogen, der Herr Fürst —" „HoU ihn der Teufel!" rief Stuhlrichter Töt ärgerlich. „In diesem Hundewetter noch einmal den Weg über die holperige Waldstraße zurückzulegen, ist für einen gewöhnlichen Christenmenschen zu viel! Ich danke meinem Gott und Herrn, daß wir mit heiler Haut bis hierher gekommen sind — jeder Knochen meines Körpers schmerzt mich. Uff!" Pali, der wohlbestallte Pandur, Vorreiter und Quartier, macher des Herrn Stuhlrichters, blickte mitleidig auf diesen, zuckte mit den Schultern und erwiderte: „Ich melde gehorsamst, daß uns nichts', übrig bleibt,, als bis zum Kreuzweg, da, wo die heilige Madonna steht, umzukehren und von dort den schmalen Pfad ins Dorf zu Fuß zu gehen." „Himmelsakrament! Diese Ausgeburt der Hölle, dieser Fürst steckt wohl wieder hinter diesem Streich. Er weiß, daß ch heute beim Notar Revision halten muß und ungern über den Hohlweg fahre, wo einem gewöhnlich allerlei Diebsgesindel auflauert. Nur um mich zu ärgern, ließ er die Brücke aufziehen ... Man könnte rein aus der Haut fahren! — — — Wenn es nach meinem Willen ginge, säße dieser moderne Nero, dieser Mädchenjjäger, dieser boshafte Hanswurst in einer Irren- oder Jdiotenanstalt," rief Tot erregt aus und gab die Weisung, den verhaßten Weg einzuschlägen. Kaum war die Kutsche umgekehrt, da teilte sich das dichte Haselgebüsch, und ein Mann sprang auf den Fahrweg. Die hohe und doch biegsame Gestalt mit dem stolzen, edelgeformten Haupt, das auf einem Stiernacken saß, machte in der Tracht eines spanischen Granden einen seltsamen Eindruck in der wildromantischen Umgebung des verwahrlosten Waldes. In den Prärien Südamerikas, in Spaniens blumigen Gefilden, ja selbst in der römischen Campagna hätte man sich eine solche Erscheinung erklären können, aber in den verstecktesten Winkel der Slowakei paßte sie ganz und gar nicht hinein. Und doch lebte dieser Rätselhafte seit einigen Jahren in der altertümlichen Burg, die, nur wenige Schritte entfernt, zwischen dem dichten Eichenlaub und den weißen Kalkfelsen sich eigenartig genug ausnahm. Sie war in dem Stil der Ritterburgen des XIII. Jahrhunderts gebaut und mit hohen Söllern, mit Zinnen, Schießscharten, Wallgräben und einer Zugbrücke versehen. Anschließend an dieses imposante Gebäude streckte sich ein kleines Dorf mit krummen Straßen und erschreckend niedrigen, schmutzigen Häusern dahin. Der unumschränkte Herr und Gebieter dieses armseligen Besitztums war Fürst Alfred Berzinsky, derselbe, der vorhin so unerwartet aus dem Gesträuch getreten. Stuhlrichter Tot hatte ihn, von Zorn übermannt, ganz richtig einen modernen Nero, einen Mädchenjäger und einen boshaften Hanswurst genannt. All diese Epitheta paßten vortrefflich auf den Fürsten, den man weit und breit wie den leibhaften „Gottseibeiuns" fürchtete. Seinem Gehirn entsprangen die absurdesten Ideen, und er führte sie, koste es, was es wolle, stets auch aus. „Na warte, den „Hanswurst", den „Nero" und das „Irrenhaus" will ich Dir noch heute heimzahlen," rief er hämisch lachend dem davonrollenden Wagen nach. „Das wird ein lustiger Abend werden! Vor allem wollen wir wieder Raubritter spielen!" Er zog ein goldenes Pfeifchen aus der Westentasche und führte es zum Munde. Kaum war der schrille Pfiff desselben verhallt, als von den nahen Kalkbergen drei stämmige Slowaken herbeigerannt kamen und unter den devotesten Bücklingen nach den Befehlen ihres durchlauchtigsten Herrn forschten. „Eilet so schnell Ihr könnt zum Hohlweg. Nehmet Pistolen und Stricke mit, der Stuhlrichter und sein Pandur müssen des Weges kommen; fallet sie an, raubt ihre Taschen aus — der Inhalt gehört Euch — und bringt die Leutchen in einer Stunde an Händen und Füßen gefesselt, auf die Burg. Hört Ihr, nicht früher und nicht später." „Aber, Durchlaucht, der Herr Stuhlrichter —" „Maul gehalten," brüllte der Fürst seine Untergebenen an. „Es geschieht, wie ich Euch befohlen. Sorgt dafür, daß die Männer des Gesetzes Euch nicht erkennen.. . Ihr habt Waffen; jagt den Feiglingen Furcht ein — aber Ihr haftet, mit Euren Köpfen, daß kein Tropfen Blutes vergossen wird.. Und jetzt marsch, vorwärts! In einer Stunde seid Ihr.auf dem Schloß!" Damit wandte er den an derartige Aufträge gewöhnten Kalkbrennern den Rücken und ging mit großen Schritten dem

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