Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
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—' '128 - — Die scharfe Kritik wird trotz oder gerade wegen ihrer Schärfe weder den Forscher selbst überzeugen, der zu anderen Ergebnissen gekommen ist, noch auch die christlichen Leser, falls sie solchen überhaupt zu Gesicht kommt. Besser als solche ja oft genug geübte Kritik wäre es, wenn jüdische Gelehrte mehr als es bisher geschehen, in^ unabhängiger, von den Banden der Ueberlieserung freier Forschung die Religionswissenschaft förderten, und das Judentum den religionsgeschichtlichen Volksbüchern des Protestantismus etwas Gleichartiges und Gleichwertiges an die Seite setzen könnte, d. h. Schriften, die, wie jene Volksbücher auf streng wissenschaftlicher Grundlage und daher frei von jeder dogmatischen Befangenheit, die Ergebnisse einer solchen jüdischen Religionswissenschaft weiteren Kreisen zugänglich machen und so nicht nur bei jüdischen, , andern auch bei christlichen Lesern ausklärend wirken könnten. Das Milche Wrlen. Von Rabbiner Dr. Friedmann-Lublinitz. ^Ln seinen Vorträgen über das jüdische Wesen hat Professor Dr. Sombart die Hypothese aufgestellt, daß dasselbe aus dem Viehzüchter- und Nomadentum des Volkes erklärt werden dürfte. Diese Hypothese wird wohl immer nur Hypothese bleiben. Es ist gewiß richtig, daß sich unsere Stammväter mit Viehzucht beschäftigt haben; es ist auch richtig, daß unser Volk in Palästina Viehzucht trieb, aber doch nicht ausschließlich. Palästina war ein Land, welches nicht nur von Milch und Honig floß, sondern auch an Getreide, Most und Oel außerordentlich reich war. Das Oel war eines der Hauptprodukte des Landes, und seine Ausfuhr nach verschiedenen Ländern jener Zeit war immer bedeutend. Im Lande selbst wurde das Oel unter anderem auch verwendet zu den Speiseopsern, zum beständigen Licht, zu den Lampen im Tempel sowie zum Salben der Hohenpriester und Könige. — Es ist ferner bekannt, daß zur Zeit des Königs Salomo die Schiffahrt eingeführt wurde, und daß von entfernten Ländern neue und kostbare Artikel für den Handel importiert wurden. — Doch davon abgesehen, ist das jüdische Volk seit 19 Jahrhunderten in Palästina nicht mehr zu Hause und als solches auch nicht mehr besonders auf dem Gebiete der Viehzucht tätig. Während dieser 19 Jahrhunderte hat das Milieu der verschiedensten Völker, in deren Mitte die Teile des Volkes wohnten, auch mehr oder weniger seinen Einfluß auf das üdische Wesen ansgeübt, auch wenn dieses in g ewisser Beziehung unveränderlich geblieben ist. Und was das Nomadentum des jüdischen Volkes betrifft, so ist dies auch von mindestens zweifelhafter Natur. Denn nomadisiert hat es im gewöhnlichen Sinne niemals, d. h. es hat niemals das Nomadentum aus eigenem Triebe und Drange gepflegt. Das jüdische Volk hat vielmehr den Boden und die Scholle, auf der es sich befand, immer festgehalten und geliebt, so lange es konnte. Nur gezwungen, nur getrieben durch der Zeiten Not hat es den jeweiligen Boden seines Aufenthaltes aufgegeben. — Welche heldenmütigen Kriege hat es geführt, bevor es nach Babylonien und später nach Rom ziehen und sodann sich über die ganze Erde zerstreuen mußte! Wie traurig und wehmütig war es gestimmt, als es Spanien verlaßen mußte, das schöne Land der jüdischen Dichter, welches an dem Verlust seiner Juden noch heute krankt und darob allmählich zugrunde geht! Wie verzweifelt ist gegenwärtig der russische Teil des-jüdischen Volkes, welcher sich durch die grausamen Zustände im Lande genötigt sieht, das Land nach und nach zu verlassen! Und selbst die Abwanderung der Juden aus der Ostmark, von welchem jetzt viel die Rede ist, ist keinesfalls eine ganz freiwillige, sondern hauptsächlich durch den wirtschaftlichen Druck, unter dem sie sich gebeugt fühlen, veranlaßt und verursacht. Das jüdische Wesen ist nicht so leicht zu erklären aus einem und dem anderen Momente; es gehört dazu eine umfassende Kenntnis seiner 3000 bis 4000 jährigen Geschichte und Literatur sowie eine Kenntnis der Juden aller Zeiten und Geschlechter. Viele Momente haben das jüdische Wesen von heute gebildet und geschaffen. Doch in der'Hauptsache sind es zwei Momente, durch die sich das jüdische Wesen von anderem unterscheidet. Von jeher unterscheidet es sich durch den Monotheismus, durch ben Glauben an den einzigen ewigen Gott, den Weltenherrn, welcher den Menschen mit Geist, Einsicht und Weisheit begnadigt, welcher den Matten und Müden Kraft verleiht und Mut, welcher den Glücklichen und Frohen zur Hilfe der anderen erweckt. — Das jüdische Wesen unterscheidet sich ferner dadurch, daß es eine sehr reiche Erfahrung besitzt, die es im Verkehr mit den verschiedensten Völkern der Erde gewonnen hat, und die ihm beweist, daß es allen Völkern mit seinen Lehren und Werken genützt und sie gefördert, aber keinem von ihnen geschadet hat. ->G<- Gelkires. man weiß im allgemeinen in jüdischen Kreisen, was Geseires sind. Immerhin mag für die wenigen Glücklichen, die es nicht wissen, die Etymologie dieses durch den Jargon populär gewordenen Wortes hier stehen. Da ein Unglück selten allein kommt, wird das Wort meistens im Plural gebraucht, der Singular heißt in der üblichen Aussprache: Geseiro, das ist wörtlich: Abgeschnittenes, übertragen: Dekret, Beschluß, Gesetz, (die durch ein Gesetz, Dekret bestimmte, zu entrichtende Abgabe, siehe Levy, Chald. Wörterbuch) — Verhängnis, Unglück. In diesem letzteren Sinne wird das Wort zumeist gebraucht. In nichtjüdischen Kreisen scheint es neuerdings einem Bedeutungswandel unterworfen zu werden. Deutsche Volksetymologie bemächtigt sich seiner wie einer ganzen Menge anderer Jargonworte. In dem Wörterbuch der Handschuchsheimer Mundart findet sich z. B. das Wort Schlaume als Bezeichnung für einen besonders Schlauen. In Handschuchsheim unweit Heidelberg wohnt kein einziger Jude, aber jüdische Viehhändler kommen häufig dorthin. Und wenn nun auch nicht das ganze Dorf mauschelt, so sind doch immerhin einige hundert Jargonworte in jenem Dialekt erbberechtigt angesiedelt. Wenn man dort wie in Heidelberg das Zentrum die Schwarze, die Sozialdemokraten Sozze, die Nationalliberalen Nazze nennt, weshalb sollte man nicht geneigt sein, einen Schlaumeier Schlaume zu nennen? besonders dann — und das ist die Hauptsache — wenn man vielleicht einen besonders schlauen Träger dieses Namens kennen zu lernen das Glück oder das Pech hatte. . In einer Polemik gegen das „Berliner Tageblatt" gebrauchte einmal Eugen Richter in der „Freisinnigen Zeitung" die Wendung: wozu also das Geseire? Hier wurde das Wort im Sinne von Geschrei, Gezeter angewandt. Eigentlich schreit man über Geseires, nun wird das Schreien, Klagen selbst Geseires genannt. Der Klang des Wortes erinnert