Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
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So außerordentlich interessant die Einführung in die sinnreiche Methode Grosselins durch Goldschmidt ist, für ebenso verfehlt halte ich die Anlage der nach jener Methode bearbeiteten hebräischen Lesefibel. In der Hand eines gediegenen und einsichtsvollen Methodikers und im ersten Leseunterricht praktisch erfahrenen Lehrers läßt sich vielleicht etwas Gutes mit jener Methode schaffen. Die Wege aber, die Goldschmidt einschlägt, führen schwerlich zum erwünschten Ziel. In unserer Zeit des Methodenfanatismus, in der das Bestreben, mit dem alten Schlendrian tüchtig auszuräumen und den Mechanismus zu bannen, mit Freuden begrüßt werden muß, ist gerade doppelte Vorsicht geboten, damit nicht Schlechteres an die Stelle des bereits vorhandenen Besseren gesetzt wird. Nur das Bessere ist auch hier der Feind des Guten, nicht aber immer das Neuere. Goldschmidts Fibel ist nicht geeignet, andere zu verdrängen; sie stellt nur einen mißlungenen Versuch dar und vermehrt die ohnehin reiche Fibelliteratur bloß um eine ephemere Erscheinung. Schade um so viel Aufwand von Fleiß für eine Sache von so geringem Nutzen. Auerbach-Berlin. Loullkts „Mus" und dss Judentum. Von Ernst Samter. ^Ln seinem Aufsatze „Die Wege Gottes" („Allgemeine Zeitung des Judentums" 1909, Nr. 50) richtet Ziegler einen scharfen Angriff gegen Boussets in der trefflichen Sammlung der„NeligionsgeschichtlichenVolksbücher"erschienenen „Jesus", indem er auf Boussets unrichtige Auffassung vom Judentums der neutestamentlichen Zeit hinweist. Schon Boussets früheres Buch „Die Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter", in dem Ziegler selbst ein größeres Streben nach Objektivität findet als im „Jesus", ist von jüdischen Gelehrten wegen seiner Unterschätzung des Judentums angegriffen worden, und auch ein christlicher Theologe und Religionsforscher, Schwallh, nennt zwar diese Kritik jüdischer Literatur im allgemeinen ungerecht, gibt aber als berechtigt zu, daß Bouffets Darstellung zu sehr unter dem Einflüsse der evangelischen Ueberlieferung steht, daß er in dem rabbinischen Schristtume nicht eingelesen genug ist, um jüdisches Denken und Empfinden voll zu verstehen, und daß er die talmudische Ueberlieferung als den Niederschlag der mächtigsten Strömung auch innerhalb des neutestamentlichen Judentums unterschätzt hat. („Archiv für Religionswissenschaft" Vitt, 284.) Es ist natürlich zu bedauern, daß ein so hervorragender Forscher wie Bousset, nicht mit allen Teilen der für die Behandlung seines Themas in Betracht kommenden Materials gleich vertraut ist, und es ist die Aufgabe der jüdischen Theologen, aus Grund des ihnen besser vertrauten Teiles der Ueberlieferung Boussets Darstellung zu ergänzen und zu berichtigen. Wenn sie aber dies tun. und ihre Auffassung der Boussets entgegensetzen, so handelt es sich dabei doch aber um einen wissenschaftlichen Streit, der nur in den Formen der wissenschaftlichen Polemik, in ruhiger Widerlegung des Gegners ausgefochten werden soll und kann. Ziegler stellt denn auch zweckmäßig Boussets Buch ein wissenschaftliches Werk eines jüdischen Forschers gegenüber. Aber er begnügt sich nicht damit, sondern er wirft Bousset vor, daß er wenig nach Erkenntnis und Gerechtigkeit frage, alle Kraftworte der deutschen Sprache heranziehe, heftige Ausdrücke gebrauche zum Gaudium der intelligenten deutschen und.christlichen Leser, daß er seine Feder in giftige Tinte getaucht habe. Wer nur die wenigen von Ziegler angeführten Proben aus Boussets Buch liest, mag vielleicht die heftigen Vorwürfe für berechtigt halten. Die unbefangenen Leser des ganzen Buches . aber werden doch wohl, glaube ichzum größten Teile Zieglers Urteil für viel zu schroff und unbillig halten. Wenn Bousset einen sehr starken Gegensatz zwischenJesus und denSchristgelehrten seiner Zeit nachzuweisen sucht, so erkennt er doch in würdiger Form bei jedem einzelnen Punkte vorher an, wieviel Jesus trotzdem mit den Besten seiner Zeit gemeinsam hatte. Es sei gestattet, hier als Gegenstück zu den von Ziegler zitierten Worten Boussets ein paar andere Stellen anzuführen. „Wir müssen bis auf die großen Propheten des alten Testaments zurückgreifen, um Gestalten wie den Täufer und Jesus annähernd einreihen zu können. Hier erst finden wir die Kraft der volkstümlichen Rede, den dunklen Ernst der Gerichtspredigt, die Wucht des Kampfes gegen die führenden Kreise und die träge Masse, das Drängen auf Innerlichkeit und Wahrheit in der Frömmigkeit und die große Kunst, allein zu stehen." (S. 10 f.) — „Wir können auch sagen, daß Jesus der prophetischen Art, die den Grund seines Wesens abgibt, etwas von dem Besten des Schriftgelehrtentums seiner Zeit beimischte. — Die Beziehungen zum Schristgelehrtentum sind nicht nur rein äußerlicher oder gar gegensätzlicher Natur, vielmehr laufen Fäden geistiger Art hinüber und herüber." (S. 14 f.) — „Von beiden (Propheten und Schriftgelehrten) das Beste vereinigte er. Von dort nahm er die Wucht und Energie, den Ernst und das Drängen auf die Hauptsache, von hier den ruhigeren Ton der Belehrung, den Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Betrachtung, das Eingehen auf die alltäglichen Fragen des religiösen und sittlichen Lebens." (S. 18; hier folgt dann die von Ziegler mitgeteilte Stelle.) — „Auch das ist nicht so ohne weiteres richtig — was man oft hört — daß Jesus die Zukunftshoffnungen seines Volkes vollständig vergeistigt und verjenseitigt habe. Wenn er den Sadducäern sagte, daß man in jener seligen Zukunft nicht freien und sich freien lassen werde, so ist das eine Vergeistigung, aber aller Wahrscheinlichkeit nach sagte Jesus damit nicht etwas durchaus Neues, es wird das vielfach die Ueberzeugung wirklich Frommer zu Jesu Zeit gewesen sein." (S. 38.) S. 52 sagt Bousset, nirgends sei mit dieser Sicherheit und Unbeirrtheit der Gottvaterglaube erfaßt worden wie in der Predigt Jesu, voran schickt er aber die Worte: „Jesus brachte mit diesem Glauben nicht etwas durchaus Neues. Der national bestimmten Frömmigkeit Altisraels war der Glaube, daß Gott der Vater Israels und Israel sein Sohn sei, nicht unbekannt gewesen. Und innerhalb der individualistisch werdenden Frömmigkeit des späteren Judentums ringt sich vorübergehend und je mehr wir uns der Zeit Jesu nähern, desto häufiger der Glaube ans Tageslicht, daß Gott der Vater des einzelnen Gläubigen sei. Diese Anfänge sollen nicht geleugnet werden; es ist ein religiöser Fortschritt an diesem Punkt im späteren Judentum vorhanden, Jesus ist auch hier der Fortsetzer und Vollender." „Mit dem Gerichtsgedanken knüpft Jesus wieder unmittelbar und ganz eng an die religiösen Stimmungen und Gedanken seiner Zeit und Umgebung an. Auch hier hat die jüdische Frömmigkeit der evangelischen vorgearbeitet. — Jesus übernahm — daran kann kein Zweifel sein — die fort-. geschrittenen Ideen des späteren Judentums." (S. 53 ff.) — Die angeführten Proben mögen genügen. Ich glaube, wer so schreibt, wie Bousset es hier tut, dem kann man wohl Jrrtümer, schwerlich aber den mangelnden Willen zur Gerechtigkeit vorwerfen. Gerade, weil wir Gerechtigkeit gegen das Judentum fordern, müssen wir selbst auf das strengste Gerechtigkeit gegen andere Anschauungen üben.