Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
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sind leider fast durchweg recht unglücklich gewählt und verzerrt dargestellt. Daran hat sicherlich der Umstand Schuld, daß der Stoff nur aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte entnommen werden sollte, was an sich wohl eine praktische Idee sein mag, jedoch ohne unnatürlichen Zwang kaum durchführbar ist. Das ganze Alphabet wird zum Zwecke der Unterstützung des biblischen Geschichtsunterrichts nach den acht Gesichtspunkten gegliedert: 1. Adam und Noah; 2. Abraham, Isaak und Jakob; 3. Moses; 4. Das Heiligtum; 5. David und Goliath; 6. Die Vokalträger J? und 8; 7. Schlußbuchstaben (8. Zeichen der Vokallosigkeit). — Manche Spielereien, ja Absurditäten finden sich hier, die wegen ihrer Ergötzlichkeit wohl die Lachmuskeln Großer wie Kleiner gründlich in Bewegung setzen und für ausreichenden Humor im Unterricht sorgen dürsten, die aber als eben zu verstiegene und abgeschmackte „Geschichtchen und Betrachtungen" wirklich nicht mehr ernst 'zu nehmen sind. Etliche Pröbchen mögen genügen: 3 Goliath. Das 3 sieht aus, als wenn einer mit dem Fuße vorn frech auftritt. Das. ist der freche Goliath. (Dazu gehört ein wenig viel Phantasie. Außerdem ist zu bedenken, daß Goliath mit dem Maule frecher auftrat, als mit dem Fuße. [!]) 3 31, Noah, Nachen. Legt man das 3 um, .= ist es einem Nachen ähnlich. Das ist der Nachen, den Noah in der Sündflut gebaut hat. (Nun sieht aber das 3 einmal nicht wie ein umgelegtes aus, sodann gibt dieser Nachen auch noch eine sehr verschrobene Vorstellung von der Arche; etwas sehr umständlich und schief [!]). 0 b ß, Lea. Jakobs Frau hatte viele Söhne. Welche? Darum trug sie den Kopf so hoch, wie bei dem Buchstaben b. (Mehr kindisch als kindlich!) Q Ph. --- Pharao, sieht aus wie ein finsteres Gesicht, Das ist da8 finstere Gesicht des bösen Pharao, der Israel zu Sklaven gemacht. — (Wäre es am Ende nicht doch einfacher zu sagen, daß ns Mund heißt und auf die Aehnlichkeit mit dem Munde und der Zunge darin hinzuweisen?) 2 -- S, Spiegel. Wie kommt der Spiegel ins hebräische Alphabet? So. Zum Bau des Tempels (?) brachten die Leute dem Moses Spenden: Gold, Silber usw. Die Frauen brachten ihm ihre goldenen und silbernen Spiegel. Glas gab es damals noch nicht. Da sprach Moses: Ohne Spiegel könnt ihr euch doch, nicht schmücken? Die Frauen antworteten: Der Ternpel ist für uns der schönste Schmuck. Zur Belohnung (sie!) wurde das Bild des Spiegels als 8 in die hebräischen Buchstaben ausgenommen. — (Solche Naivitäten darf man Kindern selbst aus der untersten Stufe auch nicht zumuten, und die Verwendung eines irgendwo hergeholten Midrasch für solche Zwecke erscheint als Mißbrauch.) Am wenigsten wäre noch — wenn man nur auf das Bild des Buchstaben achtet — gegen „v T, Tintenfaß" einzuwenden. Um aber durchaus eine Beziehung zur biblischen Geschichte herzustellen, fährt der Verfasser in geradezu ungeheuerlicher Weise fort, „aus dem Mose die Thora geschrieben". — Welche sinnverwirrende Vorstellung für Kinder! Zu Moses Zeiten Tinte! — Die steinernen Gesetzestafeln vielleicht mit Tinte geschrieben — oder gar die ganzen fünf Bücher Mose fix und fertig fein säuberlich noch dazu auf Velin- oder Büttenpapier? Dazu noch die sonderbare Ausdrucksweise „aus dem Mose die Thora geschrieben", als ob er sie wie aus einem Zauberkasten herausgezaubert hätte. (Tinte wird übrigens in der Bibel bei Jeremias V. 36, 18 in als Hapaxlegomenon angeführt.) 2 3, Zidkiah, der letzte König von Jerusalem. Das ist was Trauriges. Das 3c hat zwei Augen. Dem Zidkiah ließ der b abylonische König, der den Tempel zerstörte, die zwei Augen ausstechen. — Das ist die reine Prolepsis! Was wissen Kinder auf der ersten Lesestufe von Zidkiah, der erst viel später zur Behandlung kommt. — Doch genug davon! Es hieße die ersten paar Seiten der Fibel äusschreiben, wenn ich mehr aufzählen wollte. Wenn Goldschmidt sagt: „Eshandeltsichnurum eineKleinigkeit, um die Einübung von 20 und einigen Buchstaben," so verkennt und übersieht er vollständig, daß selbst nach der Einprägung dieser Buchstaben keine Gewähr für Lesen oder gar — geläufiges Lesen gegeben ist. Die Buchstaben sind erst die Bausteine zum Lesen, und die weit größere Schwierigkeit entsteht noch beider Zusammensetzung derselben zu Worten und. Sätzen. Kann man etwa ein Instrument spielen, oder vom Blatt singen, wenn man nur die Noten kennt? Wenn er (S. 5) weiter behauptet, daß lauter dem Kinde bekanntes Material verwendet wird, so gibt er sich einer verhängnisvollen Selbsttäuschung hin. Was fangen die Kinder — besonders auf der Stufe — mit den vielen schier erdrückenden Namen aller Feste und Fasttage an? *3. 33. mit tS3tP3 "iwv TODPT — rDt03 PHW in Nr. IV mit nnSS» unter VI mit Chanaja, Misael, Asarja (um die Lesestufezeit) ebenso mit Lsra; Nehemia, das haben sie längst wieder vergessen, wenn sie es wissen sollen; in VIII mit N^233N mtfD, “JlbjWK' was in IX mit allen biblischen Namen, was mit allen Wochenabschnitten in X oder gar XIII mit Namen sämtlicher Gebete, darunter beispielsweise •p'in — ‘■nirn — ■pbnsnn snr - -hd? Daß überhaupt ganz abgesehen von der Einseitigkeit und Geringwertigkeit des Stoffes — gar kerne zusammenhängenden Sätze, die das Lesen im Gebetbuch und in der Bibel vorbereiten sollen, dargeboten werden, ist ein geradezu unverzeihlicher pädagogischer Verstoß. Ebenso fehlen Uebungen für die Elemente der Grammatik, z.B. der nicht ganz leichten 8ob'na-Leseregeln. Woher soll das Kind von selbst richtig lesen ^23 ^3^3 u. a. m.? Die kurze Fußnote auf S. 11 Nr. 4 mit dem einen Worte 31p#v genügt doch nicht. Der Lesestoff ist demnach weder nach methodischen Grundsätzen geordnet, noch wertvoll genug, noch ausreichend. — Wenn die Kinder sich mühselig durch dieses Quodlibet und durch diese disiecta membra hindurchgearbeitet haben, können sie noch lange nicht lesen. Die Leseübung beginnt dann erst eigentlich. Auch über die Mnemotechnik und deren Verwendung im Unterricht bei Kindern kann man geteilter Ansicht sein. — Mir will es scheinen, als ob dieses Hilfsmittel, wenn es nur vernünftig gehandhabt wird, wohl am Platze ist bei Erwachsenen, deren Gedächtnis, durch die Menge und Mannigfaltigkeit der Eindrücke stark belastet, nicht mehr so treu, zuverlässig und aufnahmefähig ist und daher künstlicher Stützen bedarf, aber bei ganz jungen Kindern davon besser Abstand zu nehmen sei, weil hier von einer Uebersättigung und Ueberbürdung noch keine Rede ist, vielmehr bei der Frische des Gedächtnisses und derleichten Behaltungsfähigkeit desselben das zeitraubende Kunstmittel einen ganz überflüssigen Umweg bedeutet, der oft genug in Spielerei und Tändelei ausartet, die dem Ernst des Unterrichts nur schadet. — In derselben Zeit — ja noch weit früher — in der die als Beiwerk einzuprägenden mnemotechnischen Regeln oder Erzählungen angeeignet werden sollen, sind die Dinge selbst, um die es sich eigentlich handelt, erfaßt und eingeübt. Uns fehlt es nicht an geeigneteren Mitteln, den Unterricht interessant zu gestalten. Wertvoller erscheinen mir die Tabellen für die Buchstaben an der Tafel, die das Kind zu selbständigem Zusammenstellen zu Worten anregen und so die Aktivität befördern.