Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-18 · Heft 11 (18.3.1910) · p. Seite 125

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228919--66327-3278458
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

125 Lehranstalt hat er während manches Ferien aus dem Gebiete der Religionsphilosophie und der allgemeinen Weltweisheit Vorträge und Hebungen gehalten, die einen außerordentlichen Eindruck und bleibende Wirkung hervorgebracht haben. Den allgemeinen jüdischen Angelegenheiten leiht er seine zündende Beredsamkeit. Wer das Glück gehabt hat, seine Rede auf dem Judentag zu Frankfurt a. M. in den unvergeßlichen Oktobertagen 1907, seinen Vortrag am 3. Januar 1910 in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu hören, der erlangte und bewahrt den Eindruck, daß hier nicht nur ein Redner ein Stück seiner geistigen Arbeit dem Hörer mitteilte, sondern daß ein Priester und Prophet sprach: warnend, mahnend, von heiligem Eifer durchglüht, zur Nacheiferung anspornend. Die Jahre haben ihn nicht gebeugt, trübe Erfahrungen und schwere Enttäuschungen haben seinen Mut und seinen Idealismus nicht gebrochen; möge es ihm vergönnt sein, mit frischer Kraft sein Lebenswerk zu vollenden und noch lange als einer unserer Besten im Kampfe für die Wahrheit uns voranzuschreiten. Ludwig Geiger. Line neue Methode des tzebrsilch-Lelens? Schon der von seinem rfinder für diese eigenartige Methode gewählte Name „Phonomimik" bereitet eine gewisse Verlegenheit. Man kann etliche Lehrerprüfungen glatt bestanden haben und mit der Geschichte und dem Wesen der so mannigfaltigen Lesemethoden leidlich vertraut sein, ohne indessen imstande zu sein, diesen Namen sich sicher zu deuten. Das Wort Phonomimik ist zu sammengesetzt aus ywrj Stimme und Mimik Gebärdekunst. Wollen wir die neue Methode begreifen und beurteilen, so tun wir am besten, wenn wir des Fibelverfassers eben so instruktiven wie interessanten Aussatz über Groffelins Phonomimik „Reform des ersten Lese- und Schreibunterrichts" in Nr. 37 und 38 der „Allgem. Deutschen Lehrerzeitung" Jahrg. 1906 Nachlesen, der uns über alles Wünschenswerte Aufschluß gibt. (Separatabdruck bei Rothschild Offenbach, 0.50 Mark.) August Grosselin war ein Landsmann des in der Ge schichte der Pädagogik wohlbekannten Methodikers Jacotot. Dieser geht beim ersten Leseunterricht nach analytischem Verfahren vom Satzganzen aus, um durch Abstraktion zur Silbe und schließlich zum einzelnen Laut zu gelangen. Grosselin hingegen, der seine neue Methode beim Unterricht von Taubstummen erdacht und für die Praxis nutzbar gemacht, schlägt einen gerade um- Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Hermann Cohen. Unterrichtserfahrungen y „Hebräisch-Lesen in einer Stunde nach den Grundsätzen der Phonomimik" von Dr. I. Goldschmidt, Groß - Rabbiner in Offenbach a. M. (Roedelheim 1909 — M. Lehrberger & Co. . 18 S. — 0.50 Mark.) gekehrten Weg wie Jacotot ein, nämlich den synthetischen, indem er vom Selbstlaut als dem Kern des Wortes ausgeht und die Analyse erst folgen läßt. Das Interesse des Kindes, so meint er, haftet an dem Laut selber, und der müsse, soviel wie möglich belebt werden. Diesen Laut nimmt G. nicht aus dem Worte, sondern aus der Natur und dem Menschenleben und fixiert ihn durch die Gebärde, die sich mit Interjektionen besonders verbindet, um ihn sichtbar darzustellen. In der Verbindung der Geste, der Gebärde, der Mimik mit der Interjektion, die von Natur aus gegeben ist, besteht das eigentliche Geheimnis des Leseverfahrens. So z. B. ist a der Ausruf des Erstaunens, und das Erheben - der Hand das sichtbare Zeichen dafür o der Schrei des Schreckens, e der Schrei des Ausrufens. Mithin könnte als die zutreffende Verdeutschung von Phonomimik --- Lautgebärdemethode gelten. Jedem Laut, wofür ein Bild einer Person (Knabe oder Mädchen) mit entsprechender Geste als Illustration hinzugefügt ist,, wird zur Steigerung des Interesses ein „Geschichtchen" von schlichtem Inhalt beigegeben, und hier zeigt sich eine Anlehnung an die sogenannte Normalwörtermethode, bei der man in ähnlicher Weise verfährt; Weit schwieriger ist eine adäquate Geste für das Erfassen der Mitlaute, wovon an dieser Stelle abgesehen werden soll. — In Anlehnung an diese in kurzem Umriß wiedergegebene Methode hat nun Goldschmidt, für Kinder, die schon Deutsch und Latein lesen können, eine hebräische Lesefibel geschrieben und dazu besondere mnemotechnische Erzählungen konstruiert; und mit Hilfe von entfernten Aehnlichkeiten der Buchstaben mit Zügen dieser Erzählungen sollen — nach seiner Meinung und nach seinen eigenen Kinder im Alter von zehn und elf Jahren in zweimal zehn Minuten Hebräisch lesen lernen, jüngere in entsprechend längerer Zeit, aber auch sehr schnell. „Mit Hilfe der phönomimischeN Methode will er in einer Stunde (!) sehr bequem das Hebräischlesen jedem beibringen, der irgendeine andere Schrift gut lesen kann." — Das ist wirklich vielverheißend und muß sehr verlockend erscheinen. Wieviel von der besser als für Plackereien der Kleinen zu verwendenden Zeit könnte gespart und für Wertvolleres in Anspruch genommen werden, wenn dem Verfasser recht zu geben wäre. Aber dem ist bei weitem nicht so, und man schreckt förmlich zurück, wenn man die Anlage der Fibel gründlich studiert. In seiner aufs Hebräischlesen übertragenen, stark modifizierten Methode ist Goldschmidt keineswegs konsequent, genug, indem er von einer eigentlichen Mimik so gut wie ganz absieht und für diese durch Mnemotechnik, die aber auch keine rechte ist, Ersatz schafft. Die Schwierigkeiten waren wohl zu grost dem eigentlichen Wesen der Methode — der Mimik — treu zu bleiben. Und diese sogenannten mnemotechnischen Erzählungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.