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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-18 · Heft 11 (18.3.1910) · p. Seite 124

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
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124 Für unsere Leser mag es von besonderem Interesse sein, sich die Schilderung wieder ins Gedächtnis zu rufen, die Heyse in feinen „Jugenderinnerungen" von seiner Familie gab. Sie sind zuerst in der „Deutschen Rundschau", März 1900 veröffentlicht und wenig später als Buch gedruckt worden. Mit Recht werden sie gerade jetzt von den „Mitteilungen" des Abwehrvereins hervorgehoben. Sie lauten: Von MutterS Seite, so berichtet Paul Heyfe, sei er ein richtiges Berliner Kind, da seine Mutter am 12. Januar 1788 als die jüngste Tochter des Königlich Preußischen Hofjuweliers Salomon Jacob Salomon und dessen Ehefrau Helene, geb. Meyer (gest. 1811) zur Welt kam. Fünf Geschwister, zwei Brüder und drei Schwestern, gingen ihr voran, sämtlich von der Natur glücklich ausgestattet mit lebhaftem Geist und einer leiblichen Schönheit, wie man sie in gewissen aristokratischen jüdischen Familien findet. Nur die Züge des ältesten Bruders, Simon, und einer der Töchter, Clara, erinnerten an den bekannten semitischen -Typus. Den anderen war ihre Abstammung nicht an den feinen geraden Nasen zu lesen, so wenig wie an den großen blauen Augen unter breitgeschwungenen Lidern. Wann diese sechs Geschwister zum Christentum übergetreten sind und ihren jüdischen Namen Salomon gegen den nicht allzuchristlichen Saaling vertauscht haben, weiß Heyse nicht anzugeben. „Von dem nicht übergroßen Reichtum des Vaters war, da das Erbe in sechs Teile ging, auf das einzelne Kind nur ein' mäßiger Anteil und einiges an Juwelen gekommen, immerhin genug, daß die Geschwister sorgenfrei leben konnten. Der älteste Bruder starb, noch ehe ich geboren wurde. Der zweite, Louis Saaling, brachte es in kaufmännischen Stellungen zu einem etwas ansehnlicheren Vermögen, das er sorgfältig durch eine wunderliche Sparsamkeit zu vermehren suchte- Während er eine offene Hand hatte, wo es galt, seinen Schwestern oder, guten Freunden Liebes zu erweisen, kehrte er u. a. die Kuverte empfangener Briese um, sie zu den Antworten zu benutzen, kaufte auf einmal mehrere Dutzend Ausschuß-Handschuhe und rauchte Zigarren, die sein nicht eben verwöhnter Neffe standhaft verschmähte. Dabei war er ein weichherziger, heiterer, allgemein beliebter Mann, der es zu hohen Jahren brachte und bis zuletzt die drei steilen Treppen seiner Wohnung an der schönen Aussicht in Frankfurt a. M. nachts hinaufstieg', nachdem er in der Ressource stundenlang dem Kartenspiel der anderen zugesehen hatte ... Und doch hatte auch er, da er sich zu heiraten entschloß — in schon etwas vorgerückten Jahren, doch immer noch ein ansehnlicher Freier — bei seiner Erwählten nicht auf goldene Schätze gesehen, sondern die Tochter eines armen Landarztes zu seiner Frau gemacht, die bei feiner Htesten Schwester Marianne als Zofe im Dienst gestanden hatte. Sie war weder schönmoch sonderlich gebildet, er aber folgte seinem Herzen, das ihn auch nicht betrog, und hatte es dieser Heirat wegen auf ein langes Zerwürfnis mit zwei anderen seiner Schwestern ankommen lassen, die ihm eine „ebenbürtige" Gattin gewünscht hatten und sich weigerten, diese ehemalige „Dienstmagd" als Glied ihrer Familie zu betrachten. Erst als die Frankfurter Schwester, verwitwet und einsam geworden, von langem Siechtum heimgesucht wurde, kam eine Versöhnung zustande; denn Tante Emilie widmete sich der früheren Gegnerin mit so aufopfernder Treue, daß diese ihr tausendmal alles Unhölde, was sie ihr angetan, abbat. 'Daß dies so spät geschah, war begreiflich; wenn auch nicht verzeihlich. Diese Frankfurter Schwester meiner Mutter, Tante Clärchen, ihrer Mutter wohl von allen Geschwistern die ähnlichste, da sie dieselben großen schwarzen Augen und den üppigen Wuchs hatte, war an einen reichen Frankfurter Bankier, Herz, verheiratet, einen großen, stattlichen, jovialen Mann, an den sich meine früheste Kindererinnerung Nüpft. Ich war in meinem dritten Jahr mit den Eltern nach Frankfurt gekommen, wo der. Onkel sich nicht zu gut hielt, meinen Spielkameraden zu machen. Er trug mich auf seinem breiten Nacken im Galopp den langen Korridor hinauf und hinab, und wir tasteten von dem Ritt gewöhnlich in einer Speisekammer, wo allerlei süße Vorräte'aufgespeichert waren. Ich durfte aber von einer gewissen Himbcermarmelade erst naschen, wenn ich „Esel asinüs" gesagt hatte, vielleicht das einzige Latein, über das der Onkel gebot, jedenfalls das ' erste, das über meine Zunge kam und sich mir mit Hilfe des süßen mnemotechnischen Mittels tief einprägte. In diesem vornehmen jüdischen Hause aber verkehrte nicht nur die Frankfurter Geldaristokratie, sondern auch die Blüte der Bundestagsgesellschaft, durch den Glanz der Empfangsäbende, Bälle und Diners, die Liebenswürdigkeit der Hausfrau und die Schönheit der Töchter angezogen. Die älteste, Adelheid, heiratete einen Rothschild, die zweite und schönste. Helene, einen Attache der französischen Gesandtschaft, Graf Salignac de Fönslon, die dritte, Marianne, einen Baron. Haber. Es war kein Wunder, daß Frau Clara Herz die Vermählung ihres Bruders mit einer armen, zum Dienen genötigten Landarzttochter für eine Mesalliance hielt, zu der sie ihre Zustimmung nicht geben könne. Sie hatte vergessen,- daß sie von einem Vater abstammte, den der Hofmarschall, wenn er ihm schriftlich'eine Bestellung zu machen hatte, mit „Lieber Jude!" anzureden pflegte." . Hermann Lohen ist den Lesern unserer Zeitung kein Unbekannter. Leider hat er sich nicht entschließen können dem Bilde, das ich meinen Lesern vorsühre, autobiographische. Notizen hinzuzusügen. Er schreibt mir: „Ueber meine Jugendbildung werde ich mit der Ausführlichkeit, welche die Pietät fordert, berichten, wie ich es nur im eigenen Hause kann. Ich denke dabei an eine Widmung. Uebrigens habe ich in diesen Tagen einem Kirchenrat dieselbe Bitte abgeschlagen." Indem ich meine Leser auf eine solche Darstellung vertröste, bin ich genötigt, statt der lebensvollen Ausführungen , des verehrten Mannes hier nur kurze Notizen folgen zu lassen, die ich biographischen Handbüchern entnehme. Hermann Cohen ist in Coswig in Anhalt am 4. Juli 1842 geboren. Er studierte in Breslau und Berlin und. wirkt seit mehr als einem Menschenalter in Marburg i. H. zuerst als Privatdozent, dann als außerordentlicher, seit einem Vierteljahrhundert als ordentlicher Professor. Er ist einer der bedeutendsten Lehrer der Philosophie und wohl der hervorragendste Kenner Kants. Außer einer umfangreichen Lehrtätigkeit, die im Laufe der Jahre stets zugenommen, hat er eine große und vielseitige schriftstellerische Wirksamkeit entwickelt. Sie bezieht sich einerseits auf Kant, dem er seit 1871 eine große Reihe äußerst eindringender Einzelstudien, Kommentare, Reden gewidmet hat, teils auf mannigfache Gegenstände der Philosophie. Unter den Arbeiten letzterer Art ist seine mit Nachträgen versehene Einleitung zu F. A. Langes „System des Materialismus" wohl die bekannteste geworden. Sern „System der Philosophie" suchte er in einem großzügigen Werke darzulegen, dessen erster Band „Logik der reinen Erkenntnis" 1902, der zweite „Ethik des reinen Willens" 1904 (2. Auflage 1907) erschienen ist, der dritte, für die Aesthetik bestimmte, noch aussteht. Seine Stellung zum Judentume hat er in manchen Schriften dargelegt. Sein „Bekenntnis in der Judenfrage" wurde 1880, die Schrift „die Nächstenliebe im Talmud" 1888, „Religion und Sittlichkeit" 1907, „Charakteristik der Ethik Maimunis" 1908 veröffentlicht. Mit diesen schriftstellerischen Arbeiten .ist seine dem Judentum geweihte Tätigkeit nicht abgeschlossen, vielmehr steht ex in; der vordersten Reihe der Kämpfer und Bekenner. Er ist ein < tonangebendes Mitglied im Vorstande des „Verbandes der Deutschen Juden", des Ausschusses der „Gesellschaft zur Be förderung der Wissenschaft des Judentums", des Kuratoriums der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums". In dieser

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