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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-18 · Heft 11 (18.3.1910) · p. Seite 123

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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daß die Trauer über Lueger in Wien allgemein sei, folgendes: „Sympathisch vermerkt wurde ein Nachruf des Wiener Baurats Wilhelm Stiasny, der Gemeinderat und Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde ist. Er nennt Dr. Lueger einen Bürgermeister aller Wiener; diesen Titel habe er sich durch seine unparteiische (dazu macht die Redaktion des freisinnigen Blattes zwei Fragezeichen), großzügige Amtsführung während seiner zehnjährigen Bürgermeisterschaft erworben". Mit dem Beginne der Macht des Verstorbenen fing eine traurige Epoche an für unsere Glaubensgenossen in Wien und in Oesterreich, mit seinem Tode ist sie nicht zu Ende. 'Seine Herrschaft äußerte sich außer anderem in völliger Ausschaltung der Juden bei städtischen Wahlen und in städtischen Aemtern. Während in Berlins Stadtvertretung, in seinen unendlich zahlreichen Kollegien der Ehrenbeamten, Juden sehr vielfach vertreten sind, während unsere städtischen höheren Schulen eine große Zahl jüdischer Angestellten haben, sind sie in Wien kraft der Autorität des Stadtoberhauptes fast völlig zurückgedrängt. Aber durch seinen Einfluß ist auch die Spaltung in der ganzen Stadtbevölkerung eine viel tiefergreisende geworden, als in der Hauptstadt und in den übrigen Großstädten des Deutschen Reiches. Die Menschen gehen, und die Zeiten ändern sich manchmal. Sie ändern sich aber nur durch stete Arbeit der Menschen. An den Menschen, an den Juden liegt es vor allem, durch ihren Eifer und ihre Leistungen sich die Stellung zu erobern, die sie verdienen. Wohl mag man auf den Fortschritt der Zeit hoffen, aber man darf nie die Hände in den Schoß legen und der sieghaften Kraft der Wahrheit allein vertrauen. „Arbeitet und wachet," so heißt auch hier die Parole. * Eine sehr traurige Nachricht kommt aus Rußland, die in entsetzlicher Weise die völlige Rechtlosigkeit der dortigen Verhältnisse illustriert. Der Hi lf sverein der D eutschen Juden verbreitet die Mitteilung, daß „die Ausweisungen von Juden aus russischen Städten eine Höhe wie nie zuvor erreichen." Während früher — sogar zu Zeiten Plehwes — die mit Ausweisung Bedrohten gegen die Willkür der letzten Administration durch das Ministerium des Innern häufig geschützt wurden, gehen jetzt die Ausweisungen vom Ministerium aus. Augenblicklich werden Hunderte von Familien aus Riga, Kasan und Woronesch ansgewiesen, die zum Teil Jahrzehnte dort gewohnt haben. * Als Ergänzung dieses kurzen Berichtes folge hier eine längere Mitteilung aus der Zeitschrift „Die Welt": Petersburg. Die Ausweisungen von Juden aus den verschiedensten Orten des Reiches nehmen einen Massencharakter an. So sollen allein aus Kiew auf Grund der allerneuesten Bestimmungen 1200 jüdische Familien ausgewiefen werden, so daß diese im Mittel- . punkte des jüdischen Ansiedlungsgebietes gelegene Stadt direkt eine Misere erleben dürfte. Nicht einmal die in' bezug aus das Wohnrecht bevorrechteten Handwerker vermögen an zahlreichen Orten diesem Schicksal zu entgehen. Besonders bittere Klagen über solche Willkür kommen aus Woronesch, während andere jüdische Gemeinden selbst das Klagen verlernt haben. Neben den Wohnrechtsbeschrankungen sind es jedoch die weiteren Maßnahmen der Regierung in bezug auf die Bildungsmöglichkeiten, die die russische Judenheit Tag für Tag aufs schwerste treffen. So hat das Unterrichtsministerium soeben an die Kuratoren der Lehrbezirke ein Zirkular versandt, in dem ihnen vorgeschrieben wird, darauf streng zu achten, daß die Ausnahme von Juden in die privaten höheren Schulen, insoweit sie die Rechte entsprechender staatlicher Anstalten genießen, nicht über die festgesetzte Prozentnorm hinausgehen darf. Zuwiderhandelnden Schulen sollen ihre Rechte entzogen werden. Für viele dieser Anstalten wird aber die erwähnte Verfügung ihre freiwillige Schließung zur Folge haben. Waren es doch die privaten Schulen gerade, die einem großen Teil der von den staatlichen Lehranstalten zurückgewiesenen jüdischen Zöglingen eine Unterkunft boten. Tausende von jüdischen Schülern und Schülerinnen werden nunmehr endgültig jeder Bildungsmöglichkeit beraubt, was für die nach geistiger Nahrung sehnsüchtig strebenden russischen Juden unerträglich wird. „Wenn man," sagte am 5. März der jüdische Dumaabgeordnete Friedmann im Parlament, „die schwerste Zeit, welche die Juden unter dem Ministerium Plehwe erlebt haben, zum Vergleiche heranzöge, so müßte man zugeben, daß auch damals, abgesehen vom Kischinewer Pogrom, solche Grausamkeiten und Wildheiten gegen die Juden nicht gegeben hat. wie sie jetzt zur Anwendung kommen." Friedmann konnte seine Worte durch eine Reihe besonders roher Vorfälle belegen. So führte er u. a. aus den jüngsten Tagen die Ausweisung eines neunjährigen Mädchens aus Moskau, die Vertreibung einer Familie mit kranken Kindern aus Petersburg usw. an. * Eine Anerkennung deutscher Juden durch Ausländer ist immer willkommen. Der Däne Hermann Bang plaudert in einem Feuilleton „Auf Reisen" von seinen Vortragserlebnissen, rühmt das Breslauer Publikum als eine „seiner besten Hörerscharen" und fährt fort: Wir gehen nach Hause und sitzen bald in einem großen Hotelsaal. Mir fällt die große Zahl von Juden auf, die sich unter den Gästen befinden. Sie kommen aus Geschäften, Theatern, Vorlesungen. Sie kommen von allen Stätten, wo Leben ist und wo sie Leben schaffen! Man kann sich in diesem Lande nickt bewegen, ohne gewahr zu werden, welche unerhörten Kulturwerte das jüdische Volk Deutschland zuführte. Die Israeliten sind mit ihrem Fleiß und ihrer Rührigkeit die Pioniere des Handels gewesen. Wo sie die Industrie nicht begründet haben, sind sie in ihren Dienst getreten. Ihr Interesse für alles hat die Interessen der Gesellschaft entwickelt und beschleunigt. Ihr Eifer hat angesteckt. Ihre geistige Wachheit hat erweckend gewirkt oder dazu beigetragen, die Wachheit in Kraft zu erhalten ... „Ich weiß nicht, ob andere sich auch mit Lesen beschäftigen". äußerte neulich ein Buchhändler zu mir, „doch ich weiß, daß eigentlich nur Juden Bücher kaufen". Ein gut Teil des wirkenden Nervs in dieser Gesellschaft ist semitisch. Und wenn einst die Geschichte des neuen Reiches fertig geschrieben werden wird und kann, so muß ein ansehnlicher Teil der Arbeit und dem Einfluß der Juden gewidmet werden. * Am 15. März feierte Paul Hehse, oder, wie man nun sagen muß: Paul v. Heyse seinen achtzigsten Geburtstag. Unter den Glückwünschenden soll auch unsere Zeitung nicht fehlen. Nicht etwa weil Heyse von Juden stammt, obgleich davon alsbald die Rede sein soll, auch nicht, weil Heyse in seinen Dichtungen manchmal sympathisch von Juden gesprochen hat. Denn beide Momente dürfen nicht die einzigen sein, die uns veranlassen, eines bedeutenden Schriftstellers zu gedenken. Sondern weil Hehse zu den deutschen Schriftstellern gehört, die eine Zierde ihres Standes und ein" Mühm Deutschlands sind, als dessen vollwertige Glieder wir uns betrachten. Ein Autor voll Poesie, von unermüdlichem, nie ermattendem Streben, erfüllt von vornehmer Gesinnung. Man braucht nicht alles zu billigen, was er schrieb, man kann sogar seine Romane teilweise ablehnen, obgleich mir auch in dem letzten seine kräftige Abwehr von Bestrebungen, die ihm verderblich Vorkommen, rühmlich erscheint, aber jeder Urteilsfähige wird die meisten seiner Novellen als Prachtstücke der deutschen Literatur verehren und seiner Sprachmeisterschaft sich bewundernd beugen. Bon solcher Bewunderung erfüllt, sprechen wir dem Altmeister zu seinem Ehrentage den herzlichsten Glückwunsch aus.

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