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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-18 · Heft 11 (18.3.1910) · p. Seite 122

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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Psalmen, außer dem Kern des Gebetes, das Schma und der Tefilla (Achtzehngebet) deutsch zu beten, vorgeschlagen. Diesem Wunsche liegt die leider so viel verbreitete Auffassung zugrunde, als könnte die Religionsschule ihre Schüler und Schülerinnen nicht so weit fördern, daß sie imstande seien, die hebräischen Gebete zu verstehen. Die Erfahrung jedoch lehrt uns, daß vier bis fünf Jahre genügen, um unsere Kinder auf die Stufe zu bringen, auf welcher sie mit Leichtigkeit unserem Gottesdienste folgen können. Wenn jedes Kind wöchentlich nur ein e hebräische Stunde nimmt — so kann man in fünf Jahren, also vom 9. bis zum 14. unbedingt folgendes Resultat erzielen. I. Schuljahr: Lesen, Uebersetzung des Schma, Hauptteile aus dem Tisch- und Nachtgebet. II. Das Achtzehngebet, die oben in ihren Hauptgedanken geschilderten Teile des Morgen- und Abendgebetes. III. Einschaltungen der Sabbat- und Festtagsschemona-eßre, IV. Liturgie der hohen Festtage, ausgewählte Sätze aus den Sprüchen der Väter. V. Ausgewählte Stellen aus Pentateuch, Psalmen und Propheten. In jedem Schuljahr fortschreitend die Elemente der hebräischen Grammatik. — Eine andere Stunde neben dieser hebräischen genügt, um die biblische, nachbiblische Geschichte und Religionslehre ausführlich behandeln zu können. Unsere Religionsschulen, in deren Plan wöchentlich vier Stunden vorgesehen, können ohne Ueberbürdung der Schüler, ja ohne Hausaufgaben mindestens dasselbe, mit Leichtigkeit aber noch viel mehr leisten. Nach solchem Erfolge brauchen wir auch für die das Schma und die Tefilla umrahmenden Gebete keine andere als die hebräische Sprache. „Auf zur Tat! verlangen wir, daß unsere Kinder nach fünf Jahren mindestens die täglichen Gebete verstehen, ebenso aber auch die im Urtexte für die Ethik des Judentums in Betracht kommenden Stellen der heiligen Schrift. Verlangen wir es, und die Heranwachsende Generation wird die hohen Gedanken aus dem prophetischen Programm Israels „Gerechtigkeit soll wie Wasser fließen und Rechtschaffenheit wie ein reißender Strom" oder „Gerechtigkeit soll das Senkblei sein, mit dem wir unsere Taten prüfen und Rechttun die Wafferwage, mit der wir die Geradheit unserer Handlungen.immer von neuem untersuchen" im Original mit Verständnis und mit Stolz lesen können. Der Verfasser des Artikels „Auf zur Tat" möchte unsere Andacht vertieft, verinnigt, wirksam sehen; wünschenswert wäre es, wenn sein Weckruf auch den hebräischen Unterricht umfassen und ihm den ihm geziemenden Platz von neuem erobern helfen wollte. Eine Generation könnten wir dann erziehen, die Ehrfurcht hegt für die Sprache der Väter und dadurch auch für ihren Geist, für ihre Ideale. Nur ein solcher Nachwuchs könnte verständnisvoll, im Interesse des Judentums unfern Gottesdienst umgestalten helfen, und zwar zum Heile unserer Gemeinschaft in der Sprache, von der unser großer Chajjim Steinthal das mystische, tiefsinnige Wort gesagt hat, daß sie sich besonders eigne als Sprache des Gebetes, da der andächtige Beter sich noch mehr beim hebräischen Wort zu denken vermag, als beim Worte aus der Umgangssprache, und er in dasselbe noch mehr hineinzulegen vermag, als das, was es gemeinhin bedeutet und daher seinem metaphysischen Empfinden sehr zustatten kommt. Bei dieser Art der Umgestaltung unserer Gebete im Interesse der Andacht, könnten wir auch auf die willige Mitarbeit der konservativsten Gelehrten rechnen. Ein großer Schritt dazu ist bereits unternommen worden von. dem wissenschaftlichen Führer der zeitgenössischen Orthodoxie — Professor Berliner. In seinen .-Randbemerkungen zum täglichen Gebetbuch", einem Werkes) von eminenter Tragweite 2) — öas zweifellos zu den hervorragendsten Erscheinungen auf jüdisch-theologischem Gebiete der letzten Jahre gezählt werden muß — besitzen wir die wissenschaftliche Begründung für die Notwendigkeit einer Umgestaltung unserer Gebete im höheren Interesse der Andacht. Unter der Devise „Wahr g eg en uns sel b st" will Professor Berliner an unseren Gebeten u. a. Kürzungen vor-- nehmen, Wiederholungen vermeiden, Mißverständnisse beseitigen. So will er z. B. die Benediktion sodelo 08ani goj. (Gelobt sei... der mich nicht als Nichtjuden erschaffen hat) beseitigen und sie in sotieosarn Israel um ge st alten, weil die erstere Formel Haß zu erzeugen geeignet ist. Durch diese Umgestaltung fallen auch die Benediktionen sedelo osaui isevo und schelo osani obed (.... der mich nicht als Sklaven .... als Weib erschuf) fort. Dabei zeigt Professor Berliner auf das Beispiel unserer Weisen, die um einem etwaigen Mißverständnis zu begegnen, sogar die Schriststelle Jes. 45, 7 im Gebetbuch geändert haben. Hier kann es nicht unsere Aufgabe fein auf Berliners Umgestaltung der Gebete einzugehen, jedoch im. Hinblick auf die von Herrn Sanitätsrat Dr. Steinthal erwähnten Wiederholungen, die unserer Andacht nicht förderlich sein können, möchte ich die außerordentlich charakteristische Glosse Berliners hervorheben, welche er zum langen VVeku raeduln bemerkt: „Die Andacht hierfür würde gewinnen, wenn man das Ganze auf die beiden Tage (Montag und Donnerstag) verteilen möchte. Hier gilt es, den Grundsatz, mit welchem der Schulchan aruch eingeleitet wird, zur Geltung zu bringen: „Besser wenig Gebete mit Andacht als viele ohne Andacht". Auf zur Tat! Soviel Hebräisch, wieviel nötig ist zum Verständnis für diese umgestalteten wenigen Gebete können wir mit größter Leichtigkeit unseren Kindern beibringen. Auf zur Tat! Hebräisch für Knaben, Hebräisch für Mädchen — damit sie nicht bloß unsere Gebete verstehen — sondern auch den andern Konfessionen gegenüber den großen Bildungsvorsprung haben, das Erhabenste vom Erhabenen, was Menschenlippen je ausgesprochen haben zum Wohle der Gotteskinder, der Menschheit, im Urtexte lesen zu können, jene Noten, ohne die die ganze Erdenharmonie nichts wäre als tönendes Erz und eine klingende Schelle. Aus zur Tat! Wollet, und unsere Andacht kann auch in der Zukunft in der Sprache der Väter abgehalten werden, zur Erhebung und Stärkung des Judentums. E Dir Woche. Berlin, 15., März. Unmittelbar nachdem die freilich schon einige Wochen früher geschriebene und gesetzte Würdigung des Bürgermeisters von Wien gedruckt war (siehe Nr. 10 S. 112 ff.), ist Karl Lueger gestorben. Unsere Zeitung hat oft seiner gedenken müssen, und wird leider noch häufig nötig haben, von den Früchten seiner Tätigkeit^ zu reden. Sie vermag in diesem Falle die schwächlich sentimentale Aufforderung „von den Toten nichts als Gutes" zu sprechen nicht zu befolgen, hält sich aber für zu vornehm, dem toten Löwen einen Streich zu versetzen. Merkwürdigerweise scheint man aber in Wien zu glaubendaß man diesen Satz befolgen müsse, wenigstens melden Berliner Blätter, nachdem sie mitgeteilt, y Berlin. M. Poppelauer 1909- 2) Vgl. die Aufsätze von Albert Katz in Nr. 10 der Mllg. Zeitung des Judentums" 1909 und von Dr. Ehrlich daselbst Nr. 16 und 17.

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